„Ihr Sohn ist nicht mehr als Gemüse“ bekommt die Mutter von einer wenig empathischen Ärztin zu hören. Es ist das Jahr 1987, wir befinden uns in Polen, doch nicht nur hier ist das Wissen um schwere Nervenerkrankungen noch nicht sehr entwickelt. Mateus ist sechs, sieben Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Sprechen kann er nicht, bewegt sich nur robbend, doch im Gegensatz zu der Ärztin ahnen die Eltern, dass ihr Sohn alles andere als ein Gemüse ist. Die Jahre vergehen, Mateus wird älter. (…) Bald lässt ein Voice Over-Kommentar Continue reading →
Einmal um das Schwarze Meer, das unbekannte und sagenumwobene Gewässer. Stanislaw Muchas Odyssee führt durch sieben Länder: dort, wo die Grenze zwischen Asien und Europa verläuft. „Die Komik und Tragik im Film entstehe alleine durch die starken Kontraste am Schwarzen Meer. So gebe es viele schöne aber noch mehr hässliche Orte.“ (Duisburger Protokolle) „Anstelle von Kulturwissenschaftlern und Historikern kommen Menschen am Wegrand zu Wort, denen der Überlebenskampf ins Gesicht geschrieben ist. Sie posieren flüchtige Momente lang vor der Kamera und werden in vermeintlich banale Small Talks verwickelt, die nie länger als zweieinhalb Minuten dauern.“ (epd film)
Nordlichter – das sind 5 neue Skandinavische Filme aus dem Programm der Nordischen Filmtage Lübeck: Ich bin dein, der Preisträgerfilm der norwegisch-pakistanischen Regisseurin Iram Haq, dreht sich um eine junge Frau, die sich mit den Erwartungen an sie auseinandersetzen muss. – Lukas Moodysson (Fucking Amal, Tilsammens) erzählt in Wir sind die Besten von Bobo und Continue reading →
Marieme lebt mit ihrer Familie in der Pariser Banlieue. Die Mutter sorgt fürs Einkommen, der große Bruder kommandiert alle herum und sie versorgt die jüngeren Schwestern. Außerfamiliär ist es nicht besser. In der Nachbarschaft geben Jungs den Ton an und Continue reading →
Die Halbinsel Kola an der Barentsee – hier lebt Kolja mit Lilya, seiner zweiten Frau und Roma, seinem Sohn aus erster Ehe, in einem Haus samt Werkstatt mit wunderbarem Blick über die Bucht. Seit Generationen ist der Grund im Besitz seiner Familie, aber jetzt hat der aktuelle Bürgermeister des Ortes den Wert des Grundstücks erkannt. Er will es kaufen und droht mit Enteignung, als sich Kolja weigert. Der Automechaniker wendet sich an seinen alten Armeefreund Dmitri, einen erfolgreichen Anwalt aus Moskau. Sollte man vor Gericht Continue reading →
„Claire und Laura waren beste Freundinnen. Als Laura stirbt, bricht nicht nur für Lauras Ehemann David eine Welt zusammen, sondern auch für Claire. Nach Tagen rafft sie sich auf, um David zu besuchen. Auf ihr Klingeln reagiert niemand. Da die Tür angelehnt ist, tritt sie ein – und überrascht David in Lauras Kleidern. In ihrem vorbildlich gutbürgerlichen Universum – Häuschen, Bürojob, Doppelpärchenessen – löst der Anblick ein kleines Erdbeben aus. Dennoch besucht sie ihn auf sein Bitten hin erneut. Ohne es recht zu wollen, Continue reading →
GRA ist ein Autobahnring, der die italienische Hauptstadt auf 70 km Länge umkreist. In seinem preisgekrönten Film interessiert sich Regisseur Gianfranco Rosi weniger für die Mammutautobahn an sich, sondern für die unzähligen Geschichten und Figuren um sie herum. Er porträtiert ungewöhnliche Menschen, die hier an der Peripherie, im Niemandsland leben: Der Biologe Francesco führt einen verzweifelten Kampf gegen Continue reading →
183 Tage – Der Auschwitz-Prozeß In einer Zeit, wo nur noch wenige Überlebende und Zeugen von den Machenschaften der Nationalsozialisten berichten können, gewinnen Bild- und Tondokumente immer mehr an Bedeutung: Dieser Film ist ein Beispiel dafür, wie diese Dokumente genutzt werden können, um Zusammenhänge aufzuzeigen, aber auch weiterhin die Continue reading →
Das tatsächliche Timbuktu hat mit dem mythischen Ort der Vergangenheit wenig zu tun, denn dem Sand der Sahara lässt sich nichts entgegensetzen. Aus der Wüste kommen auch die Dschihadisten in die Stadt, langsam entsteht eine Atmosphäre der latenten Bedrohung durch die Besatzer, die in der Stadt rumlungern und Schritt für Schritt Verbote und Restriktionen durchsetzen. Die Familie von Kidame und Satima lebt draußen vor der Stadt, aber der Kommandant der Miliz beginnt um Satima zu werben.
Tatsächlich wurde Timbuktu 2012 durch eine Splittergruppe von Steinzeit-islamisten besetzt, die die Scharia einführten und historische muslimische Stätten beschädigten. Sissako hat das Thema nicht dramatisiert, sondern beobachtet genau die allmähliche Brutalisierung des Alltags der Menschen durch die Eindringlinge, die ihre Macht demonstrieren. Der Film bleibt dadurch sowohl konkret bei einer politischen Strömung als auch universell als Zeugnis der Unterdrückung als reiner Selbstzweck.
„Das Tolle daran ist, wie Sissako, der schon mit seinen Filmen Bamako (2006) und Heremakono (2002) überraschte, all dies nicht als das große Jenseits unserer Vorstellungskraft inszeniert, sondern als Alltag und Normalität. Und das heißt nicht, dass er die Härte und die Gewalttätigkeit der Situation ausspart oder bagatellisiert, im Gegenteil, er fängt sie von der ersten Szene an ein, aber auf eine lakonische Weise.“ (Cristina Nord, TAZ)
Mali 2014, 97 Min., arabisch, bambara, franz. OmU
Regie: Abderrahmane Sissako
Buch: Abderrahmane Sissako, Kessen Tall, Kamera: Sofian El Fani Schnitt: Nadia Ben Rachid