Der Eröffnungsfilm des letzten Afrikamera-Filmfestivals hat viele überraschende Aspekte, ohne Wundertüte zu sein. Trotz Bürgerkrieg und prekärem Leben im Postkolonialismus geht es ruhig zu, die Sprache ist einfach und der Ton lakonisch. Die drei Mitglieder einer unfreiwilligen Patchworkfamilie im Dorf Paradise in Somalia haben ihre eigenen Sorgen. Mamargades Job als traditioneller Leichenbestatter wird bald von Maschinen übernommen, seine Schwester Araweelo lebt in Scheidung und muss sich neu orientieren, und Ziehsohn Cigaal wird wegen Lehrermangels aufs Internat geschickt, was er nicht will, und wofür auch eigentlich kein Geld da ist. Der somalisch-österreichische Drehbuchautor und Regisseur Mo Harawe liefert mit seinem Debütfilm einen seltenen Einblick in ein Land, das kaum je auf der großen Leinwand zu sehen ist. „Doch trotz der zahlreichen persönlichen Rückschläge, die Harawe fast nebenbei in einen größeren, politischen Kontext einbettet, ist The Village Next to Paradise keine Leidenspassion. Bild und Ton streben dem entgegen: Die Primärfarben leuchten vor dem sandigen Hintergrund, Musik wird in Form von Liedern aus der Region sehr gezielt eingesetzt. … Weltkino im besten Sinn. Harawe gibt Einblicke in das Leben in einer Gegend, das so bislang kaum zu sehen war. Das gelingt ihm ohne Ausstellen von Fremdheit, Elend oder Sentimentalität. Fast sind seine Charaktere zu resilient für das Leben in einer Wirklichkeit, in der eine Frau Worte sagen kann wie: ‚Es hat keinen Sinn, Kinder zu bekommen. Sie haben keine Zukunft und sterben jung.‘“ Valerie Dirk, Der Standard
THE VILLAGENEXTTOPARADISE ist der erste somalische Film, der jemals in der prestigeträchtigen Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes gezeigt wurde.
Credits:
DE/FR/AU/SO 2024, 133 Min., Somali OmU Regie: Mo Harawe Kamera: Mostafa El Kashef Schnitt: Joana Scrinzi, aea mit Ahmed Ali Farah, Anab Ahmed Ibrahim, Ahmed Mohamud Saleban
Kurz nachdem Iman zum Untersuchungsrichter am Revolutionsgericht befördert wurde, erstarkt nach Jina Mahsa Aminis Tod die Protestbewegung im Land. Während er mit dem Druck des neuen Jobs zu kämpfen hat, engagieren sich seine Töchter bei den Protesten. Seine Frau Najmeh wiederum versucht verzweifelt, die Familie zusammenzuhalten. Regisseur Mohammad Rasoulof hat viel Zeit seines Lebens in Unfreiheit verbracht, im Gefängnis, unter Hausarrest oder mit Ausreiseverbot, dazu kommt das Berufsverbot. Umso erstaunlicher ist nicht nur, dass er überhaupt noch dreht, und, dass seine Arbeiten immer direkter, gewagter wurden. Während „Iron Island“ von 2005 noch als mehrdeutige Allegorie erscheint, und „The White Meadows“ (2009) parabelhafte Fantasie ist, geht der autobiografisch geprägte „Goodbye“ (2011), schon wesentlich direkter auf die subversive staatliche Repression ein. Der Thriller „Manuscripts don‘t burn“ (2013) verklausuliert nichts mehr. Die Geschichte über die Geheimdienst-Morde an Schriftstellern hat sogar einen realen Hintergrund. In „A Man of integrity“ (2017) geht es um Korruption, der Berlinale-Gewinner „There is no Evil“ verknüpft vier persönliche Schicksale mit den politischen Gegebenheiten. Nach Verhängung einer mehrjährigen Haftstrafe und Peitschenhieben konnte Rasoulof aus dem Iran fliehen und „Die Saat des heiligen Feigenbaum“ beim Wettbewerb in Cannes persönlich vorstellen. Natürlich steht die Familie, die sich aufgrund der politischen Entwicklungen entzweit, stellvertretend für die iranische Gesellschaft, aber die Vorkommnisse sind durchaus real. ,Die Saat des heiligen Feigenbaums‘ wird Deutschland bei den Oscars vertreten. Die Jury: der Film ist das Psychogramm der auf Gewalt und Paranoia aufgebauten Theokratie des Iran. … Ein meisterhaft inszenierter und berührend gespielter Film, der Szenen findet, die bleiben. Die beiden aufbegehrenden Töchter stehen für die mutigen Frauen des Iran und ihren aufopferungsvollen Kampf gegen die Patriarchen ihrer Familien wie ihres Staates. Er ist eine herausragende Arbeit eines der großen Regisseure des Weltkinos, der in Deutschland Schutz gefunden hat vor staatlicher Willkür im Iran. Wir sind sehr froh darüber, Rasoulof sicher in unserem Land zu wissen.
Credits:
IR, DE, FR 2024, 168 Min., farsi OmU Regie: Mohammad Rasoulof Kamera: Pooyan Aghababaei Schnitt: Andrew Bird mit Missagh Zareh, Soheila Golestani, Mahsa Rostami, Setareh Maleki, Niousha Akhshi
„Während meiner Studienzeit sagte Mel Brooks einmal zu mir: „Eine gute Geschichte muss an einem kleben bleiben wie ein Topf Honig. Und wenn man sie nicht loswird, dann muss man sie erzählen. Und das wurde Poison für mich.“ so die eigentlich als Schauspielerin bekannte Regisseurin Desiree Nosbusch. Nachdem sie in dem international erfolgreichen Stück der niederländischen Dramaturgin Lot Vekemans am Theater die weibliche Rolle übernahm, blieb sie genau daran kleben. Jahre später ergab sich die Möglichkeit der Verfilmung dieser Geschichte, die alles hat, „was eine gute Geschichte braucht: Verlust, Trauer, Sucht, Einsamkeit, Liebe, Schuld, Rache, Engagement, Hoffnung und Erlösung – sie stellt all‘ die großen Fragen, die wir im Leben haben.“ Zwei Menschen, die, erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander‘ wie Lucas im Film sagt, treffen sich nach zehn Jahren erstmals wieder, auf dem Friedhof, wo der Sohn begraben liegt. Er, Lucas, hat inzwischen eine neue Beziehung, für sie, Edith, ist das Trauern auch nach so vielen Jahren noch essenziell. Es ist ein herausforderndes Zwei-Personen-Spiel, das alle Beteiligten vor und hinter der Kamera zu einem weniger spektakulären als intensivem Ereignis machen. Tim Roth als Lucas hält sich diesmal mit der bekannten ausgeprägten Mimik zurück, Trine Dyrholm zeigt mit Edith, dass sie auch andere als beherrschte und rational agierende Frauen geben kann. Zwischen Vorwürfen und Anklagen, Gefühlsausbrüchen und Entschuldigungen, Vorsicht, Distanz und Annäherung wird die einstige Verbindung zwischen beiden immer wieder sichtbar, aber auch die unüberwindbar scheinenden Hürden, die daran hindern, das schreckliche Ereignis gemeinsam zu verarbeiten. Ausgezeichnet auf dem 26. Film by the Sea Festival im niederländischen Vlissingen mit dem Film & Literature Award, gewann Poison außerem auf dem 36. Galway Film Fleadh den Peripheral Vision Award.
„Jeder glaubt zu wissen, was Licht ist“, sagt der Quantenphysiker Daniele Faccio. „Aber dann gräbt man ein bisschen tiefer und merkt, dass man keine Ahnung hat.“ Tracing Light – Die Magie des Lichts erkundet in faszinierenden Bildern und Begegnungen das wohl bedeutendste aller Naturphänomene. Thomas Riedelsheimer, dessen Filme Rivers and Tidesund Touch The Soundwir lieben, blickt diesmal mehr als dort auch auf eine künstlerische Herangehensweise an das Wesen des Lichts, die mit der Forschung zusammengeht. So bringt er herausragende Wissen- schaftler:innen mit Künstler:innen zusammen, die mit Licht arbeiten, und sich fragen: Was ist Licht als Material? Wie verhält es sich in seiner rätselhaften Doppelgestalt als Welle und Teilchen? Verändert sich Licht, wenn wir es sehen? In welchem Verhältnis stehen Licht, Raum und Zeit? Wie prägt unsere Wahrnehmung des Lichts unser Verständnis der Welt? Im Zusammenspiel mit seinen charismatischen Protagonist:innen und der kongenialen Filmmusik von Fred Frith (nb – ab 6.3. als WA im Kino: Step across the Border) und Gabby Fluke-Mogul machen Thomas Riedelsheimers faszinierende Bilder das Licht in seinen unzähligen Facetten, Erscheinungen und Formen, in all seiner Komplexität erfahrbar. „Zwischen den Forscherinnen des Max-Planck-Instituts in Erlangen und der ’Extreme Light Group‚ der Universität Glasgow sowie international renommierten Künstlerinnen wie Ruth Jarman, Joe Gerhardt, Julie Brook, Johannes Brunner und Raimund Ritz entwickelt sich ein intellektuell-poetisches Pingpong-Spiel. In dessen Verlauf führen die verschiedenen Perspektiven auf das Thema Licht auf allen Seiten zu Erkenntnissen, die ohne dieses methodische Cross-over kaum entstanden wären: von Laserkraft und Farbpigmenten, von schwarzen Löchern und schwebenden Skulpturen. In kurzen Momenten mögen Unkundige sogar eine Vorstellung von den gemeinhin als nicht-darstellbar geltenden Regeln der Quantenphysik bekommen.“ Luc-Carolin Ziemann | Dok-Leipzig (Eröffnungsfilm 2024)
Credits:
DE/GB 2024, 99 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie, Kamera, Schnitt: Thomas Riedelsheimer Musik: Fred Frith, gabby fluke-mogul
Allein sitzt Benji (Kieran Culkin) am Flughafen in New York, inmitten von hektischen Reisenden scheint er ein Pol der Ruhe zu sein. Er wartet auf seinen Cousin David (Jesse Eisenberg), der die Idee zu einer Reise in die gemeinsame Vergangenheit gehabt hat. Beider Großmutter ist vor kurzem gestorben, ihr Erbe ermöglicht den Cousins, die sich einst Nahe standen, aber inzwischen nur noch wenig Kontakt haben, eine Reise nach Polen, in das Land ihrer Vorfahren.
Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte ihre jüdische Großmutter fliehen, zurück in ihre Heimat reiste sie nie wieder. In Warschau schließen sich die Cousins einer Reisegruppe an, als deren Leiter James (Will Sharpe) fungiert, ein britischer Akademiker, der dementsprechend akademisch über die Orte des Grauens berichtet, die die Gruppe besucht.
Neben den Cousins nimmt unter anderem ein amerikanisches Ehepaar an der Reise in die Vergangenheit teil, aber auch ein Mann aus Ruanda, der den dortigen Genozid überlebte und danach zum Judaismus konvertierte. Gemeinsam reist die Gruppe durch das gegenwärtige Polen, in dem die Spuren der einst großen jüdischen Bevölkerung nur noch schwer zu finden sind, besuchen Monumente und Mahnmale und am Ende auch das Konzentrationslager Majdanek.
Ein klassisches erzählerisches Muster verwendet Jesse Eisenberg für seinen zweiten Spielfilm, das deutschen Zuschauern bekannt vorkommen mag: Erst vor wenigen Monaten lief Julia von Heinz „Treasure – Familie ist ein fremdes Land“ im Kino, in dem ebenfalls zwei Personen, dort ein Vater-Tochter Gespann, nach Polen reisen und sich auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben. Im Gegensatz zu von Heinz ist Eisenberg allerdings selbst jüdischer Herkunft, hat Verwandte, die dem Holocaust entkamen, eine Großmutter, die aus Polen emigrierte.
Und er hat sich in den letzten Jahren, in zum Beispiel im Magazin The New Yorker erschienenen Texten, als pointierter, ironischer Beobachter erwiesen, der mit unterschwelligem Humor über existenzielles und allzu menschliches Verhalten schreibt. In seinem zweiten Film benutzt er nun eine einfache Road Movie-Struktur, auf deren Weg man den beiden scheinbar unterschiedlichen Cousins nahe kommt.
Besonders Kieran Culkin, der in den letzten Jahren vor allem durch die erfolgreiche Fernsehserie „Succession“ bekannt geworden ist, glänzt dabei als anfangs mit sich im reinen wirkender Mann, dessen Sorgen sich erst nach und nach offenbaren. Anstrengend wirkt dieser Benji oft, wenn er die Reisegruppe und ihren Leiter konfrontiert, scheinbare Wahrheiten in Frage stellt und dadurch der emotionalen Wahrheit viel näher kommt, als ihr akademischer Reiseleiter. Ganz beiläufig inszeniert Eisenberg die Reise, lässt die Dialoge und Situationen für sich stehen und erweist sich gerade durch diese Zurückhaltung als genauer Beobachter einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
US/PL 2024, 90 Min., engl. OmU Regie: Jesse Eisenberg Kamera: Michael Dymak Schnitt: Robert Nassau mit Jesse Eisenberg, Kieran Culkin, Will Sharpe, Jennifer Grey, Kurt Egyiawan, Liza Sadovy, Daniel Oreskes
Nick Cave ist eine feste Größe in der Musik, aber die Band, mit der alles angefangen hat, kennen nur wenige. Schade eigentlich, vielleicht ändert dieser Film das ein bisschen, der sich nicht als Vehikel für bekannte Musiker versteht, die darüber sprechen, wie am tollsten dieser oder jener völlig unbekannt gebliebene Musiker mal war, sondern als spannender Reisebericht. Fünf Knilche reißen aus Australien aus, um es in London zu etwas zu bringen. Ihre Band The boys next door wird dort zur Birthday Party. Das Überleben in der Stadt, wo sie auf engstem Raum zusammenhocken, während das wenige Geld für Drogen verpufft, formen den brachialen, nackten Kreissägensound der Musiker mit, der kaum von den notorisch monotonen Beats gebändigt werden kann. Dazu erlebt Cave als Sänger die widersprüchlichen Gefühle einer Achterbahnfahrt durch fremder Leute Hinterhöfe und beyond (Deep in the woods a funeral is swinging). Schließlich schafft es die Band nach West-Berlin und ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Leuten, freundet sich hier mit Mitgliedern von Die Haut und den Einstürzenden Neubauten an. Am Sound ändert der Heimathafen in der Fremde nichts, er bleibt schroff, psychotisch und flext sich kreischend durchs Gehirn. Deshalb kein Durchbruch oder kommerzieller Erfolg, die Birthday Party zehrt von der Substanz. Schließlich ist sie aus und der Saal leergefegt. Aber vor der Tür stehen schon die Bad Seeds, Crime and the City Solution und These immortal Souls und es geht weiter durch Nächte, die mal schöner waren als anderer Leute Tage.
Mutiny In Heaven, ausschließlich von Originalmitgliedern der Post-Punk-Band The Birthday Party erzählt, beschreibt, wie Nick Cave und seine Schulfreunde ihr Publikum mit konfrontativen Auftritten, gesetzlosem Gothic-Horror und einem anarchischen Lebensstil aufschreckten. Mit nie zuvor gezeigten persönlichen Archivaufnahmen, unveröffentlichten Tracks und Konzertmitschnitten sowie Graphic Novel-Sequenzen des deutschen Comiczeichners Reinhard Kleist bietet Mutiny in Heaven einen mitreißenden Sitzplatz in der nicht ganz ungefährlichen ersten Reihe eines der vielleicht legendärsten Live-Acts der Musikgeschichte.
Nick Cave and the Birthday Party in a pub in Kilburn, London, UK on 22 October 1981. (Photo by David Corio/Redferns)
Credits:
AU 2023, 99 Min, engl. OmU Regie: Ian White Kamera: Craig Johnston Schnitt: Aaron J. March mit: Phil Calvert, Nick Cave, Mick Harvey, Rowland S. Howard, Tracy Pew
„Jeder glaubt zu wissen, was Licht ist“, sagt der Quantenphysiker Daniele Faccio. „Aber dann gräbt man ein bisschen tiefer und merkt, dass man keine Ahnung hat.“ Tracing Light – Die Magie des Lichts erkundet in faszinierenden Bildern und Begegnungen das wohl bedeutendste aller Naturphänomene. Thomas Riedelsheimer, dessen Filme Rivers and Tidesund Touch The Soundwir lieben, blickt diesmal mehr als dort auch auf eine künstlerische Herangehensweise an das Wesen des Lichts, die mit der Forschung zusammengeht. So bringt er herausragende Wissen- schaftler:innen mit Künstler:innen zusammen, die mit Licht arbeiten, und sich fragen: Was ist Licht als Material? Wie verhält es sich in seiner rätselhaften Doppelgestalt als Welle und Teilchen? Verändert sich Licht, wenn wir es sehen? In welchem Verhältnis stehen Licht, Raum und Zeit? Wie prägt unsere Wahrnehmung des Lichts unser Verständnis der Welt? Im Zusammenspiel mit seinen charismatischen Protagonist:innen und der kongenialen Filmmusik von Fred Frith (nb – ab 6.3. als WA im Kino: Step across the Border) und Gabby Fluke-Mogul machen Thomas Riedelsheimers faszinierende Bilder das Licht in seinen unzähligen Facetten, Erscheinungen und Formen, in all seiner Komplexität erfahrbar. „Zwischen den Forscherinnen des Max-Planck-Instituts in Erlangen und der ’Extreme Light Group‚ der Universität Glasgow sowie international renommierten Künstlerinnen wie Ruth Jarman, Joe Gerhardt, Julie Brook, Johannes Brunner und Raimund Ritz entwickelt sich ein intellektuell-poetisches Pingpong-Spiel. In dessen Verlauf führen die verschiedenen Perspektiven auf das Thema Licht auf allen Seiten zu Erkenntnissen, die ohne dieses methodische Cross-over kaum entstanden wären: von Laserkraft und Farbpigmenten, von schwarzen Löchern und schwebenden Skulpturen. In kurzen Momenten mögen Unkundige sogar eine Vorstellung von den gemeinhin als nicht-darstellbar geltenden Regeln der Quantenphysik bekommen.“ Luc-Carolin Ziemann | Dok-Leipzig (Eröffnungsfilm 2024)
Credits:
DE/GB 2024, 99 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie, Kamera, Schnitt: Thomas Riedelsheimer Musik: Fred Frith, gabby fluke-mogul
Der Eröffnungsfilm des letzten Afrikamera-Filmfestivals hat viele überraschende Aspekte, ohne Wundertüte zu sein. Trotz Bürgerkrieg und prekärem Leben im Postkolonialismus geht es ruhig zu, die Sprache ist einfach und der Ton lakonisch. Die drei Mitglieder einer unfreiwilligen Patchworkfamilie im Dorf Paradise in Somalia haben ihre eigenen Sorgen. Mamargades Job als traditioneller Leichenbestatter wird bald von Maschinen übernommen, seine Schwester Araweelo lebt in Scheidung und muss sich neu orientieren, und Ziehsohn Cigaal wird wegen Lehrermangels aufs Internat geschickt, was er nicht will, und wofür auch eigentlich kein Geld da ist. Der somalisch-österreichische Drehbuchautor und Regisseur Mo Harawe liefert mit seinem Debütfilm einen seltenen Einblick in ein Land, das kaum je auf der großen Leinwand zu sehen ist. „Doch trotz der zahlreichen persönlichen Rückschläge, die Harawe fast nebenbei in einen größeren, politischen Kontext einbettet, ist The Village Next to Paradise keine Leidenspassion. Bild und Ton streben dem entgegen: Die Primärfarben leuchten vor dem sandigen Hintergrund, Musik wird in Form von Liedern aus der Region sehr gezielt eingesetzt. … Weltkino im besten Sinn. Harawe gibt Einblicke in das Leben in einer Gegend, das so bislang kaum zu sehen war. Das gelingt ihm ohne Ausstellen von Fremdheit, Elend oder Sentimentalität. Fast sind seine Charaktere zu resilient für das Leben in einer Wirklichkeit, in der eine Frau Worte sagen kann wie: ‚Es hat keinen Sinn, Kinder zu bekommen. Sie haben keine Zukunft und sterben jung.‘“ Valerie Dirk, Der Standard
THE VILLAGENEXTTOPARADISE ist der erste somalische Film, der jemals in der prestigeträchtigen Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes gezeigt wurde.
Credits:
DE/FR/AU/SO 2024, 133 Min., Somali OmU Regie: Mo Harawe Kamera: Mostafa El Kashef Schnitt: Joana Scrinzi, aea mit Ahmed Ali Farah, Anab Ahmed Ibrahim, Ahmed Mohamud Saleban
Kurz nachdem Iman zum Untersuchungsrichter am Revolutionsgericht befördert wurde, erstarkt nach Jina Mahsa Aminis Tod die Protestbewegung im Land. Während er mit dem Druck des neuen Jobs zu kämpfen hat, engagieren sich seine Töchter bei den Protesten. Seine Frau Najmeh wiederum versucht verzweifelt, die Familie zusammenzuhalten. Regisseur Mohammad Rasoulof hat viel Zeit seines Lebens in Unfreiheit verbracht, im Gefängnis, unter Hausarrest oder mit Ausreiseverbot, dazu kommt das Berufsverbot. Umso erstaunlicher ist nicht nur, dass er überhaupt noch dreht, und, dass seine Arbeiten immer direkter, gewagter wurden. Während „Iron Island“ von 2005 noch als mehrdeutige Allegorie erscheint, und „The White Meadows“ (2009) parabelhafte Fantasie ist, geht der autobiografisch geprägte „Goodbye“ (2011), schon wesentlich direkter auf die subversive staatliche Repression ein. Der Thriller „Manuscripts don‘t burn“ (2013) verklausuliert nichts mehr. Die Geschichte über die Geheimdienst-Morde an Schriftstellern hat sogar einen realen Hintergrund. In „A Man of integrity“ (2017) geht es um Korruption, der Berlinale-Gewinner „There is no Evil“ verknüpft vier persönliche Schicksale mit den politischen Gegebenheiten. Nach Verhängung einer mehrjährigen Haftstrafe und Peitschenhieben konnte Rasoulof aus dem Iran fliehen und „Die Saat des heiligen Feigenbaum“ beim Wettbewerb in Cannes persönlich vorstellen. Natürlich steht die Familie, die sich aufgrund der politischen Entwicklungen entzweit, stellvertretend für die iranische Gesellschaft, aber die Vorkommnisse sind durchaus real. ,Die Saat des heiligen Feigenbaums‘ wird Deutschland bei den Oscars vertreten. Die Jury: der Film ist das Psychogramm der auf Gewalt und Paranoia aufgebauten Theokratie des Iran. … Ein meisterhaft inszenierter und berührend gespielter Film, der Szenen findet, die bleiben. Die beiden aufbegehrenden Töchter stehen für die mutigen Frauen des Iran und ihren aufopferungsvollen Kampf gegen die Patriarchen ihrer Familien wie ihres Staates. Er ist eine herausragende Arbeit eines der großen Regisseure des Weltkinos, der in Deutschland Schutz gefunden hat vor staatlicher Willkür im Iran. Wir sind sehr froh darüber, Rasoulof sicher in unserem Land zu wissen.
Credits:
IR, DE, FR 2024, 168 Min., farsi OmU Regie: Mohammad Rasoulof Kamera: Pooyan Aghababaei Schnitt: Andrew Bird mit Missagh Zareh, Soheila Golestani, Mahsa Rostami, Setareh Maleki, Niousha Akhshi
Von 1905 bis 1982 lebte Henry Fonda, spielte in rund 80 Filmen mit, darunter einigen der größten Klassiker des amerikanischen Kinos: „Früchte des Zorns“, „Faustrecht der Prärie“, „Die 12 Geschworenen.“ Kaum jemand verkörperte dabei den einfachen Mann, den durchschnittlichen, aber ehrbaren Bürger so gut wie Henry Fonda, der sicher nicht zufällig im Lauf seiner Karriere immer wieder Präsidenten spielte, echte und fiktive: In „Der junge Mr. Lincoln“ verkörperte er den legendären Honest Abe, der Präsident, der zumindest auf dem Papier die Sklaverei beendete und sein Land durch den Bürgerkrieg führte, in „Angriffsziel Moskau“ einen namenlosen Präsidenten, der sein Land vor einem Nuklearkrieg bewahren will.
Wenn man mit dem amerikanischen, also mit dem Hollywood-Kino aufgewachsen ist, gerade als in den 60er oder 70er Jahren geborener, dann kam man an Henry Fonda nicht vorbei. So ging es auch dem österreichischen Filmwissenschaftler, langjährigem Leiter der Viennale und Direktor des österreichischen Filmmuseums Alexander Horwarth, der 1980, als sechzehnjähriger in Paris, Henry Fonda entdeckte. So erzählt es Horwarth in seinem essayistischen Dokumentarfilm „Henry Fonda for President“, der in losen, angenehm mäandernden Linien, um Henry Fonda, Hollywood und die amerikanische Gesellschaft kreist.
Und dabei auch weit in die Vergangenheit greift, den Henry Fondas Vorfahren kamen einst aus dem alten Europa in die neue Welt, siedelten in nur scheinbar unberührter Natur, folgten dem Versprechen des amerikanischen Traums. In Nebraska, einem jener Flächenstaaten, die kaum ein Tourist jemals besucht, wurde Henry Fonda geboren, fand seinen Weg nach Hollywood und verkörperte lange jenen typischen amerikanischen Jedermann, ehrbar und kritisch – und auch ein Mythos.
Anhand zahlreicher Filmausschnitte skizziert Horwarth, wie Hollywood und damit Amerika sich durch Typen wie Henry Fonda ein idealisiertes Ebenbild schuf, wie die Selbstwahrnehmung der USA, die sich gerne als ideale Demokratie sah, als Verfechter von Recht und Anstand, als sprichwörtliche Stadt auf dem Hügel, sich in der scheinbar unpolitischen Form des Hollywood-Kinos spiegelte, die dadurch als Propaganda für die USA auf den Leinwänden der Welt zu sehen war.
Im Laufe seiner Karriere wurde jedoch auch Fonda kritischer mit sich und seinem Land, vielleicht auch durch seine bedien Kinder Peter und Jane, die gleichzeitig Hollywood Royalty waren und doch auch zu Symbolen der Gegenkultur der 60er Jahre wurden: Peter durch seine Hauptrolle in „Easy Rider“, Jane durch ihren politischen Aktivismus, der ihr den despektierlichen Spitznamen Hanoi Jane einbrachte.
So beschreibt „Henry Fonda for President“ auf sehr persönliche Weise auch den Weg einer Entfremdung im Blick auf Amerika. Die Mythen, die gerade der klassische Western der 40er Jahre verbreitete, wurden spätestens mit dem Vietnamkrieg entlarvt. Das kurz danach mit Ronald Reagen tatsächlich ein Schauspieler Präsident wurde war Zufall, passt aber irgendwie auch in das Bild eines Landes, das sich zu gern im Glanz von Hollywood und des Showbusiness sonnte. Als einer der exponiertesten Vertreter dieser Welt fungierte über viele Jahrzehnte Henry Fonda, der allerdings selbstreflexiv genug war, um schon Ende der 60er Jahre im legendären Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“, einen der übelsten Killer der Filmgeschichte zu spielen: Als Frank konterkariert Fonda sein eigenes Image und ein bisschen auch das Bild, das Amerika gerne von sich selbst hat und tötet gleich in seiner ersten Szene ein Kind. Auch eine Methode den Mythos vom amerikanischen Traum zu beerdigen, was damals Sergio Leone so bildgewaltig tat und nun Alexander Horwarth in einem klugen, vielschichtigen Essayfilm.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
AT/DE 2024, 184 Min., engl./dt. Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Alexander Horwath Kamera & Schnitt: Michael Palm
Trailer:
Henry Fonda for President (2024) | Trailer | Regie: Alexander Horwath
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