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9 Leben

Ein Film von Maria Speth.

[indie­ki­no club] [Credits]  [Trailer]

Der Film por­trä­tiert das Schicksal meh­re­rer Jugendlicher, die sehr früh – oft schon im Alter von 11, 12 oder 13 Jahren – ent­schie­den haben, von zu Hause weg­zu­ge­hen und für eine bestimm­te Zeit oder dau­er­haft auf der Straßezu leben: Sunny, Toni, Krümel, JJ, Stöpsel, Soja und Za.

Menschen also, von denen jeder ein­zel­ne mitt­ler­wei­le auch schon neun Leben gelebt haben könn­te. Versehen mit see­li­schen und kör­per­li­chen Beschädigungen. Doch trotz die­ser Zerstörungen gibt es bei ihnen eine enor­me Kraft, Talente und Fähigkeiten zu ent­de­cken. Dieser Reichtum an per­sön­li­chen Möglichkeiten steht im Mittelpunkt des Films.

Die Lebensumstände der Jugendlichen auf der Straße wer­den des­halb auch nicht doku­men­tiert, son­dern sie wer­den von ihnen in frei­er Wahl erzählt oder auch nicht. So kom­men sehr per­sön­li­che, mit­reis­sen­de und berüh­ren­de Zeugnisse zustande.

Um den Fokus auf ihre Persönlichkeiten zu legen, erzäh­len sie vor neu­tra­lem Hintergrund im Studio von ihren Leben.
Einige haben ihre Musikinstrumente mit­ge­bracht und spie­len spon­tan, ande­re zei­gen Fotos oder ande­re künst­le­ri­sche Arbeiten. So ent­ste­hen fil­mi­sche Porträts wie in einer Ausstellung, einem Kunstraum.

Vorurteile und Klischeevorstellungen über „Penner“ und „Punks“ lösen sich auf. Die Jugendlichen wer­den in ihrer bewun­derns­wer­ten Einmaligkeit erkennbar.

Und sie wer­den zu Stars – zu Recht.

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Credits:

Deutschland 2010
Regie: Maria Speth
Drehbuch: Maria Speth
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Maria Speth

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Trailer:

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Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

Ein Film von Teona Strugar Mitevska.

[Credits] [Stream] [Trailer]

»Sag ihnen, du bist 24!«, rät die Mutter, als ihre Tochter wie­der ein­mal zu einem Job-Interview auf­bricht, das sie gegen den Willen der 31-jäh­ri­gen Petrunya arran­giert hat. Die hat zwar einen Einser-Uni-Abschluss in Geschichte, doch wer braucht schon eine Historikerin in ihrem Heimatort Štip in Nordmazedonien, 100 Kilometer süd­öst­lich von Skopje? So sitzt die­se außer­ge­wöhn­li­che Frau vor dem poten­zi­el­len Arbeitgeber, einem Fabrikbesitzer, der von oben her­ab auf ihr geblüm­tes Kleid schaut und sie nicht ernst nimmt. Auf dem Heimweg nach die­ser demü­ti­gen­den wie erfolg­lo­sen Vorstellung springt Petrunya spon­tan von der Brücke ins kal­te Wasser. Es ist Dreikönigstag, und wie in jedem Jahr tau­chen die jun­gen Männer der Stadt nach einem klei­nen hei­li­gen Kreuz, das der Priester in den eisi­gen Fluss wirft. Es zu ergat­tern, soll Glück brin­gen. Diesmal aber ist kein Mann, son­dern Petrunya am schnells­ten und hält die Trophäe in die Fernsehkameras – ein Skandal! Zwar hat Petrunya mit der Kirche eigent­lich nichts an Hut, aber ihr Widerstandsgeist ist geweckt . Mit stoi­scher Miene ver­tei­digt sie ihr Kreuz, einen Tag und eine Nacht lang, beglei­tet von öffent­li­chem Furor und gegen die geball­te Männerwelt. Bei der Berlinale waren die Kirchen nicht so streng, der Film bekam den Preis der Ökomenischen Jury.

»Es ist eine Groteske und doch bit­ter­ernst. Es ist eine Maximal-Bagatelle. Petrunya war nicht tauch­be­fugt, denn sie ist eine Frau. Man ahnt alles, was kommt, und dann kommt es genau so, bloß ganz anders. Mitsamt Polizeirevier und TV-Berichterstattung. Und das Unglaubliche geschieht: Teona Strugar Mitevska hält die­se Hochspannungsbalance. Der Überraschungsmoment liegt nie im Banal-Anderen, son­dern in den Graden der Intensität und Wahrhaftigkeit. Und in der Komik natür­lich.« Kerstin Decker | Tagesspiegel

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Credits:

Gospod postoi, ime­to i’ e Petrunija
MK / BE / SI / HR / FR 2019,  100 Min., maze­do­ni­sche OmU

Regie: Teona Strugar Mitevska
Kamera: Virginie Saint Martin
Schnitt: Marie-Hélène Dozo
mit: Zorica Nusheva, Labina Mitevska, Simeon Moni Damevski, Suad Begovski, Violeta Shapkovska

Termine:

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Trailer:

Gott exis­tiert, ihr Name ist Petrunya from JIP Film und Verleih on Vimeo.

Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen

Ein Film von Radu Jude. 

[Credits] [Indiekino Club] [Trailer]

Das selbst­be­wuss­te Zitat stammt von Mihai Antonescu, der zuerst als Justiz- und Propagandaminister, spä­ter dann als Außenminister und Vizepräsident der faschis­ti­schen Regierung in Rumänien für den rumä­ni­schen Anteil am Holocaust mit­ver­ant­wort­lich war, wo bis 1944 über 300.000 Juden und 20.000 Roma depor­tiert und ermor­det wurden.

Radu Jude stellt schon mit dem Titel klar, dass er sei­nen Film als def­ti­ge Inszenierung gegen die Verdrängung der Vergangenheit ver­steht. Die Schauspielerin Ioana Iacob tritt vor die Kamera und wünscht den ZuschauerInnen viel Spaß, dann schlüpft sie in die Rolle der Theaterregisseurin Mariana Marin, die ein Reenactment des Massakers an der jüdi­schen Bevölkerung von Odessa 1941 probt. Auf dem Gelände eines Militärmuseums, zwi­schen aus­ge­stell­ten Waffen und Uniformen. Auf dem Freigelände ros­ten Panzer vor sich hin, dazwi­schen wuseln die Akteure in Uniform, die Kulturfunktionäre, die den Tabubruch fürch­ten, die Techniker mit prak­ti­schen Problemen. Und alle ande­ren. Radu Judes bis­her bes­ter Film ver­schmilzt die­sen Bienenschwarm mit einer Reise zwi­schen Vergangenheit und Zukunft zu einer ful­mi­nan­ten Groteske. Je län­ger die Vergangenheit ver­gan­gen ist, des­to grö­ßer die Gefahr der Wiederholung, weil sie weder ver­gan­gen ist noch reflek­tiert wurde.

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Credits:

RO, BG, DE, FR 2018, 140 Min.,
rum.OmU
Regie, Buch: Radu Jude
Kamera: Marius Panduru
Schnitt: Cătălin Cristuţiu
mit: Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan

Termine:

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Trailer:

The Party

Ein Film von Sally Potter.

[Indiekino club]

Janet ist gera­de zur Ministerin im Schattenkabinett ernannt wor­den – die Krönung ihrer poli­ti­schen Laufbahn. Mit ihrem Mann Bill und ein paar engen Freunden soll das gefei­ert wer­den. Die Gäste tref­fen in ihrem Londoner Haus ein, doch die Party nimmt einen ande­ren Verlauf als erwar­tet. Bill platzt mit gleich zwei explo­si­ven Enthüllungen her­aus, die nicht nur Janets Existenz in den Grundfesten erschüt­tern. Liebe, Freundschaften, poli­ti­sche Überzeugungen und Lebensentwürfe ste­hen zur Disposition. Unter der kul­ti­vier­ten links­li­be­ra­len Oberfläche bro­delt es, und in der Auseinandersetzung wer­den schließ­lich schar­fe Geschütze auf­ge­fah­ren – durch­aus im Wortsinn.
In ihrem ach­ten Kinofilm lädt die bri­ti­sche Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter, die zuletzt 2009 mit Rage im Wettbewerb der Berlinale ver­tre­ten war, nam­haf­te Akteure zur Party. Was als Komödie mit hin­ter­sin­ni­gem Witz und schar­fen Dialogen beginnt, kippt in die Tragödie. Wenn dem Leben mit Argumenten nicht mehr bei­zu­kom­men ist, wird unver­se­hens um den Fortbestand der nur schein­bar gefes­tig­ten Existenzen gerungen.

Großbritannien 2017, 71 Min., engl. OmU
Regie, Buch: Sally Potter
Kamera: Alexey Rodionov
Schnitt: Anders Refn, Emilie Orsini

mit:
Patricia Clarkson (April)
Bruno Ganz (Gottfried)
Cherry Jones (Martha)
Emily Mortimer (Jinny)
Cillian Murphy (Tom)
Kristin Scott Thomas (Janet)
Timothy Spall (Bill)

Ich, Daniel Blake

Ein Film von Ken Loach.

[im Indiekino Club]

Nach einem Herzinfarkt darf der 59-jäh­ri­ge Schreiner Daniel Blake nicht mehr arbei­ten. Er bean­tragt die ihm zuste­hen­den staat­li­chen Leistungen und ver­sinkt dabei lang­sam im Treibsand der Bürokratie und ihrer kaf­ka­es­ken Strukturen. Anstatt pro­fes­sio­nel­ler Betreuung durch die dafür zustän­di­gen Behörden fin­det er sich in der Rolle des Don Quijotes wie­der. Dabei lernt er eine allein­er­zie­hen­den Mutter ken­nen, die in der glei­chen Lage steckt (kei­ne Liebesgeschichte). „I, Daniel Blake“ ist durch und durch ein Ken Loach Film, das Mitgefühl für sei­ne Protagonisten spie­gelt sich in jeder Einstellung. Er doku­men­tiert ihren Kampf um mensch­li­che Würde und Grundrechte in einem Staat, der für die Gewinnmaximierung Weniger opti­miert wur­de und den Interessen der Mehrheit mit Ruhigstellungsstrategien begeg­net. Wer dabei nach unten durch­rutscht, darf sich als Paria betrach­ten. Loach macht Filme dar­über, wie ein­fach es sein kann, dort zu lan­den. Darüber, das es sta­tis­tisch wahr­schein­li­cher ist, einen Herzinfarkt zu bekom­men und den Arbeitsplatz zu ver­lie­ren als Aufsteiger der Woche oder Lottokönig zu wer­den. Als Bedürftiger gerät man aber an ein Sozialsystem, das dem Namen nicht mehr gerecht wird. Und Ken Loach bleibt mit sei­nen gera­de mal 80 Jahren ein bewun­derns­wer­ter Regisseur, der die Hauptrolle dem eher unbe­kann­ten Stand-up Comedian Dave Johns anver­trau­te. Seine Darstellung der Titelfigur berührt unge­mein und hat gleich­zei­tig einen Witz, der sei­ne Widerborstigkeit unter­streicht, sich nicht unter­krie­gen zu lassen.

Mein lang­jäh­ri­ger Ko-Autor Paul Laverty und ich hat­ten viel über die Stolpersteine der Sozialhilfe gehört. Also tour­ten wir durch England und tra­fen uns mit Leuten in Jobcentern und Ausspeisungsstellen. Ihre Geschichten haben uns scho­ckiert. Unzählige sind unwür­di­gen Mechanismen aus­ge­setzt, aber kaum einer spricht dar­über. …Die Jobcenter-Angestellten müs­sen ein gewis­ses Sanktionspensum erfül­len. Wenn sie das nicht schaf­fen, wer­den sie auf eine „Optimierungsliste“ gesetzt und ste­hen unter Druck, ihre Straffrequenz zu erhö­hen. Es ist eine Zermürbungsstrategie. Wenn das Amt einen Sozialhilfeanwärter als arbeits­taug­lich ein­stuft, die­ser aber mit einem ärzt­li­chen Attest Einspruch erhebt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich durch­set­zen kann, rela­tiv hoch. Also ver­sucht man, es gar nicht so weit kom­men zu las­sen.“ Ken Loach


OT: I, Daniel Blake

Frankreich/Großbritannien 2016, 100 Min., engl. OmU
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Kamera: Robbie Ryan
Schnitt: Jonathan Morris
Darsteller: Hayley Squires, Colin Coombs, Micky McGregor, Dave Johns, Briana Shann

 

Alice und das Meer

Ein Film von Lucie Borleteau.

[indie­ki­no Club]

Alice ist frisch­ge­ba­cke­ne Schiffsmechanikerin. Ihr ers­ter Job führt sie auf den betag­ten, ihr bereits gut bekann­ten Frachter Fidelio und auch Gaël (Melvil Poupaud – TAGEBUCH EINES VERFÜHRERS; DIE ZEIT DIE BLEIBT; LAURENCE ANYWAYS), der Kapitän, ist ihr nicht fremd. Zurück an Land bleibt aller­dings ihre neue gro­ße Liebe, der nor­we­gi­sche Comiczeichner Felix (Anders Danielsen Lie – REPRISE; OSLO, 31. AUGUST). Weiterlesen

Das merkwürdige Kätzchen

Ein Film von Ramon Zürcher.

[indie­ki­no club] [Credits]  [Trailer]

An einem Samstag im Herbst sind Karin und Simon bei ihren Eltern und der jüngs­ten Schwester Clara zu Besuch. Die Zusammenkunft der Familie ist Anlass für ein gemein­sa­mes Abendessen, zu dem im Verlauf des Tages auch wei­te­re Verwandte erschei­nen. Während die Familienangehörigen die Wohnung mit ihren Gesprächen, Alltagshandlungen und Kochvorbereitungen bele­ben, strei­fen die Katze und der Hund durch die Räume. Auch sie wer­den zu einem zentralen
Bestandteil die­ses fami­liä­ren Alltagsreigens, der immer wie­der über­höh­te Elemente auf­weist, die einer natu­ra­lis­ti­schen Darstellungsweise ent­ge­gen­wir­ken. So öff­nen sich Nebenräume zwi­schen Familiendrama, Märchen und dem Psychogramm einer Mutter.

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Credits:

Deutschland 2013.
Regie, Buch, Schnitt: Ramon Zürcher

Kamera: Alexander Haßkerl
Kostüme: Dorothée Bach
Ton: Benjamin Kalisch
Musik: Thee More Shallows
Szenenbild: Matthias Werner, Sabine Kassebaum
Maske: Vivien Rahn
Herstellungsleitung: Myriam Eichler
Producer: Johanna Bergel, Silvan Zürcher

Produktion: dffb, Berlin, in Koproduktion mit Ramon und Silvan Zürcher und Alexander Haßkerl

Darsteller: Jenny Schily (Mutter), Anjorka Strechel (Karin), Mia Kasalo (Clara), Luk Pfaff (Simon), Matthias Dittmer (Vater), Armin Marewski (Schwager), Leon Alan Beiersdorf (Jonas), Sabine Werner (Tante), Kath-
leen Morgeneyer (Hanna), Monika Hetterle (Großmutter), Gustav Körner
(Nachbarsjunge), Lea Draeger (Frau auf Balkon)

Format: DCP, Farbe. Länge: 72 Minuten. Sprache: Deutsch.
Uraufführung: 11. Februar 2013, Forum der Berlinale

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Trailer:

„Das merk­wür­di­ge Kätzchen” Trailer

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