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filmPOLSKA 2021

3 Filme im [indie­ki­no Club]

filmPOLSKA ist das größ­te pol­ni­sche Filmfestival in Deutschland und wird vom Polnischen Institut Berlin ver­an­stal­tet. In den Jahren 2006–2020 zeig­te das Festival in ver­schie­de­nen Kinos Berlins und Brandenburgs ins­ge­samt 1.574 Filme. 324 Filmemacher/innen waren beim Festival zu Gast.

Insgesamt sie­ben Filme kon­kur­rie­ren die­ses Jahr im Wettbewerb (der kom­plett im fsk zu sehen ist), dar­un­ter gleich zwei Coming-Of-Age-Geschichten: Piotr Domalewski wid­met sich mit sei­nem in Cottbus mit dem Hauptpreis aus­ge­zeich­ne­ten “Jak naj­da­lej stąd / I Never Cry” [Tickets] den pre­kä­ren Lebensbedingungen der pol­ni­schen Arbeitsmigrant*innen in England mit Ken Loach-Anklängen, wäh­rend Tomasz Jurkiewicz in sei­nem Debüt “Każdy ma swo­je lato / Everyone Has A Summer” [Tickets] als Generationenfilm von der ers­ten gro­ßen Liebessehnsucht erzählt. “Sweat” [Tickets] zeigt den Alltag der Fitness-Trainerin und Influencerin Sylwia (​gespielt von Magdalena Koleśnik) und wirft einen ungla­mou­rö­sen Blick hin­ter die Kulissen per­fekt insze­nier­ter Online-Persönlichkeiten.Um die Verquickung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geht es in Mariusz Wilczyńskis hoch­am­bi­tio­nier­tem, düs­te­rem Animationsfilm “Zabij to i wyje­dź z tego mias­ta / Kill It And Leave This Town“ [Tickets], an dem der Regisseur 14 Jahre lang arbei­te­te. Der ers­te Langfilm des Regisseurs fei­er­te 2020 in der Sektion Encounters der Berlinale sei­ne Premiere. Grzegorz Zaricznys auf wah­ren Begebenheiten und mit “rea­len” Charakteren insze­nier­tes Drama “Proste rze­c­zy / Simple Things” [Tickets] berich­tet von der Schwierigkeit, einen Neustart auf dem Land zu wagen, wenn die fami­liä­re Vergangenheit einen nicht los­lässt. Dokumentarisch wird es dann mit Eliza Kubarskas atem­be­rau­bend foto­gra­fier­tem “Ściana cie­ni / Die Wand der Schatten“ [Tickets], der das Abhängigkeitsverhältnis von Sherpas und Alpinist*innen zum Anlass nimmt, über die Grenzen des Tourismus und Macht(un)gleichgewichte nach­zu­den­ken. Und Agnieszka Polska lie­fert mit “Hura. Wciąż żyje­my! / Hurrah, We Are Still Alive!” [Tickets] einen Polit-Thriller und Genrefilm um eine Schauspieltruppe, der ihr Regisseur abhan­den gekom­men ist.

Hinzu kom­men außer­habl des Wettbewerbs Małgorzata Szumowskas mes­ser­schar­fe Gesellschaftssatire “Śniegu już nig­dy nie będ­zie / Der Masseur” [Tickets] und Agnieszka Hollands “Šarlatán / Charlatan“ [Tickets], sowie fol­gen­des Kurzfilmprogramm:

Im Trickfilm-Programm “Polish Animation” [Tickets] erle­ben wir in aktu­el­len Filmen jun­ger Regisseur*innen in diver­sen Animationstechniken die Erforschung des eige­nen Körpers, eine vir­tu­os insze­nier­te Seelenwanderung, einen comic­haft über­zeich­ne­ten Kampf mit dem Körpergewicht, eine im Sterben lie­gen­de Frau bei ihren letz­ten Atemzügen und dar­über hin­aus, eine zwie­lich­ti­ge Vogelretterin mit dunk­len Geheimnissen, eine moder­ne Hexenjagd mit tra­gi­schem Ausgang, einen nächt­li­chen Wandel im Rausch und das in Metaphern ver­pack­te Ringen mit einer trau­ma­ti­schen Kindheit.

Installation:
Das für iPads und iPhones opti­mier­te Augmented-Reality-Projekt “Przyszłość będ­zie świet­la­na / Die Zukunft wird leuch­tend sein” von Wiola Sowa erwei­tert die bestehen­de Realität nicht um eine neue Dimension, son­dern  degra­diert sie, indem sie Informationen aus dem Bild schnei­det und ihm so „Narben“ zufügt. Damit bezieht sich die Arbeit auf Pandemie-Erfahrungen und ruft Verlustgefühle her­vor. In filmPOLSKA-Kinos hän­gen Plakate mit dem QR-Code zum Projekt. Die Arbeit ist für die Anzeige auf iPads und iPhones opti­miert, läuft aber auch auf eini­gen Android-Geräten.

Przyszłość będ­zie świet­la­na / The Future Will Be Bright © Wiola Sowa

Termine:

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Die Maske

Ein Film von Małgorzata Szumowska.

[Credits] [Indiekino Club] [Trailer]

Die Kamera fährt durch eine Scheibe und zeigt bewe­gungs­lo­se Gesichter, von denen man zunächst ver­mu­ten könn­te, dass es sich um Passagiere einer früh­mor­gend­li­chen Straßenbahn han­delt. Dann ent­hüllt sie den wah­ren Charakter der Szenerie: Ein Supermarkt lockt mit Flat-Screen-Glotzen, aller­dings nur für Schnäppchenjäger*Innen, die bereit sind, sich beim Run auf die Ware bis auf die Unterwäsche aus­zu­zie­hen. Und so spie­len sich bizar­re Szenen ab: Halbnackte Körper bal­gen sich um die Geräte und fügen ein­an­der aller­lei Gemeinheiten zu, um sich die begehr­ten Stromfresser zu sichern. Jacek (Mateusz Kosciukiewicz), der zu Heavy Metal in sei­nem klei­nen roten Polski Fiat durch die Gegend bret­tert, erkämpft sich einen. Jacek und Dagmara (Malgorzata Gorol) sind Lula und Sailor aufm Dorf, aller­dings wer­den sie nur von der Stumpfheit der Mitbewohner des plat­ten Landes bedroht. Aber ist die harm­lo­ser als die Alptraumlandschaft eines David Lynch? Nein. Die rie­si­ge, im Bau befind­li­che, die Landschaft erschla­gen­de Jesus Statue, ent­hüllt einen Realitätsverlust und Rückfall in ver­ges­sen geglaub­te Zeiten, die das 21. Jahrhundert so unap­pe­tit­lich machen. Jacek arbei­tet auf der Baustelle bis zum Sturz vom Gerüst, dem Wendepunkt des Films, der den Anfang sei­ner Passionsgeschichte bedeu­tet. Er wird von den Toten auf­er­ste­hen, uner­kannt unter sei­nes­glei­chen wei­len und die Suche fort­set­zen, die Małgorzata Szumowskas Protagonisten in „Body“ ange­fan­gen haben. Der ruhi­ge Strom der Filmerzählung wird immer wie­der von Tableaus unter­bro­chen, die das Geschehen unge­mein ver­dich­ten, man schaut sie erst an wie etwas Fremdes, um dann die Homogenität zu erken­nen und zu genie­ßen. Die Sicherheit der Filmemacherin, aus den ver­meint­lich nicht zusam­men­füg­ba­ren Teilen etwas zu erschaf­fen, was über der Summe die­ser steht, ist erstaunlich.

Małgorzata Szumowskas Thema sind Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Existenz mit dem nöti­gen Glauben zu unter­füt­tern, sie zwei­feln, stol­pern und sie fal­len. Aber es gibt ein Licht am Ende des Tunnels und es ist kein Zug. Die Regisseurin ver­spricht ihren Figuren kein Paradies, aber Ehrlichkeit und Würde. Gleichzeitig demon­tiert sie die pol­ni­sche Staatsreligion und beschäf­tigt sich mit der Absurdität des Geschehens in und um die star­re Festung Katholizismus, die der­zeit gut im Futter steht.

Leider scha­de: Die Christus-König-Statue, 2010 nahe Świebodzin aus dem Boden gestampft, ist die größ­te (6 m über Christus-Erlöser-Statue in Rio). Allein 3 m Höhe mißt die Krone, die den Anspruch auf welt­li­chen Einfluß unterstreicht. 

Credits:

Twarz
Polen 2018, 91 Min., poln. OmU
Regie:Małgorzata Szumowska
Buch: Małgorzata Szumowska, Michał Englert
Kamera: Michał Englert
Montage: Jacek Drosio
mit: Mateusz Kościukiewicz
Agnieszka Podsiadlik
Małgorzata Gorol
Roman Gancarczyk
Dariusz Chojnacki
Robert Talarczyk
Anna Tomaszewska
Martyna Krzysztofik 

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Trailer:

Das Mädchen, das lesen konnte

Ein Film von Marine Francen.

[Credits] [Indiekino Club] [Trailer]

Eine Utopie, und ein Film wie ein Gemälde : „You want to take cer­tain shots and hang them on the wall“ schreibt Screen Int.. Dass es auf dem fran­zö­si­schen Land um 1851 so sau­ber und schön nur sel­ten war, dürf­te klar sein, aber Das Mädchen, das Lesen konn­te ist auch kein zeit­ge­treu­er Historienfilm, son­dern eine Literaturverfilmung beson­de­rer Art.

Für ihren Debütfilm hat die Französin Marine Francen eine Vorlage gewählt, deren Ursprung etwas nebu­lös ist. Wahrscheinlich sind die Vorgänge auch nicht wirk­lich von einem rea­len Ereignis inspi­riert, aber vor­stell­bar wäre es schon. Wir bli­cken zurück ins Jahr 1851: Louis Napoléon will sich als Napoléon III zum Kaiser der Franzosen krö­nen las­sen, doch die Republikaner im Land kämp­fen gegen die­ses Geschichts-Rollback. Der Bürgerkrieg erreicht auch abge­le­ge­ne Landstriche. In ein auf­stän­di­sches Dorf in der Provence fal­len die umher­zie­hen Truppen Napoleons ein und ver­schlep­pen alle Männer. Die ver­las­se­nen und geschock­ten Frauen trau­ern, aber die Arbeit muss trotz­dem getan wer­den. Gemeinsam ler­nen sie alles, was sonst den Männern oblag, und auch wenn es zu Beginn oft schwer fällt, funk­tio­niert die Frauengemeinschaft auf Dauer sehr gut. Trotzdem ver­mis­sen sie ihre Gatten, Verlobte, Söhne und Freunde, zudem sind sie wie abge­schnit­ten vom Rest der Welt sind sie auch. Neben unbe­frie­dig­tem kör­per­li­chem Begehren stellt sich nach eini­ger Zeit auch die Frage, wie das Dorf in zukünf­tig wei­ter exis­tie­ren soll. Die jün­ge­ren schlie­ßen einen Pakt: soll­te doch eines Tages noch ein Mann vor­bei kom­men, gehört er allen. Und dann ver­schlägt es den Schmied Jean in die­ses Tal.

Der Film han­delt von Liebe, Solidarität und Selbstbewusstsein, von Verlangen und Einsamkeit, und auch von Neid, Eifersucht und Unsicherheit. Als nach Jahren eini­ge der ent­führ­ten Männer ins Dorf zurück­keh­ren, erscheint dies, trotz aller Freude und Erleichterung wie eine Vertreibung aus dem Paradies der Unabhängigkeit.

Wovon Violette Ailhaud (die offi­zi­el­le Autorin) erzählt, ist die Verteidigung der Freiheit in all ihren Erscheinungsformen. Dieses Thema kennt kei­ne Grenzen und kei­ne Epoche, und ich woll­te auch die­se Aktualität erfas­sen.” Marine Francen

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Credits:

Le Semeur
Frankreich 2017, 98 Min., franz. OmU
Regie: Marine Francen
Buch: Jacques Fieschi, Marine Francen, Jacqueline Surchat, nach der Novelle von Violette Ailhaud
Kamera: Alain Duplantier
Schnitt: Minori Akimoto
Darsteller: Pauline Burlet, Géraldine Pailhas, Alban Lenoir, Iliana Zabeth, Francoise Lebrun, Barbara Probst

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Termine:

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Trailer:

 

Nico 1988

Ein Film von  Susanna Nicchiarelli.

[Indiekino Club]

Nico war bereits ein Star-Model, Musikerin und Schauspielerin, als sie in New York zu Andy Warhols Factory stieß, und auf dem Album The Velvet Underground and Nico eine bedeut­sa­me Rolle spiel­te. Auf die­se Episode in ihrem Leben wird sie zukünf­tig häu­fig redu­ziert, ähn­lich, wie es Marianne Faithful pas­siert, die auch nur als Ex-Freundin von Mick Jagger wahr­ge­nom­men wird, und die ihr 2002 den Song for Nico wid­met. In den 80-Jahren hat die Sängerin die­sen Teil ihres Lebens weit hin­ter sich gelas­sen, nur das Rauschgift und ihr Mythos kamen mit. Nico, die jetzt ger­ne mit ihrem rich­ti­gen Namen Christa ange­spro­chen wer­den möch­te, macht immer noch schön düs­te­re Musik und tourt in klei­ner Besetzung durch Europa, mit immer beson­de­ren Auftritten.
Der Film setzt 1986 ein. Ihre Drogenabhängigkeit macht Nico/Christa reiz­bar und lau­nisch und die Tournee zur Tour de Force, aber die gedul­di­ge, uner­wi­der­te Liebe ihres Tourmanagers zu ihr schafft man­che Probleme aus dem Weg. Eine gewis­se Weltfremdheit lässt sie über die schwie­ri­ge Beziehung zum Sohn Ari (des­sen Vaterschaft Alain Delon bis heu­te leug­net), sowie poli­ti­sche und ande­re Hindenisse ein­fach hin­weg­se­hen. Dass in die CSSR 1986 kaum Drogen ein­ge­führt wer­den kön­nen und das Konzert ille­gal ist, bekommt die Künstlerin z.B. nur am Rande mit.
Nico 1988 ist weni­ger ein Biopic als ein Musik-Road-Movie, in dem die däni­sche Schauspielerin Trine Dyrholm die Ikone auf ihre eige­ne, groß­ar­ti­ge Weise ver­kör­pert und deren Songs pas­send inter­pre­tiert. Der Film über­führt die künst­li­che und auf­ge­la­de­ne Athmosphäre die­ser Künstlerwelt in die Realität. Er zeigt eine Musikerin zwi­schen Star-Allüren, Selbstironie und Depressionen und den gele­gent­li­chen Glücksmomenten mit begeis­ter­ten Fans, Limoncello und Spaghetti mit Freunden.

So geht es Nicchiarelli letzt­lich nicht dar­um einen Künstlermythos auf­zu­grei­fen, son­dern eine Frau zu por­trä­tie­ren, die ihre, von die­sem Mythos über­schat­te­te Identität zu fin­den ver­sucht. Es sind die ein­fa­chen, all­täg­li­chen Momente, die ein­drück­li­cher von der Künstlerin erzäh­len, als es jeder nach­in­sze­nier­te Auftritt könn­te.“ Karsten Munt | programmkino.de

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Credits:
It. / Belgien 2017, 93 Min., engl. OmU 

Regie: Susanna Nicchiarelli 
Kamera: Crystel Fournier 
Schnitt: Stefano Cravero 
Dokumentarfilmmaterial von Jonas Mekas
mit: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek

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Termine:

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The Rider

Ein Film von Chloé Zhao.

[indie­ki­no club]

In Chloe Zhaos auch schon wun­der­ba­rem Debut Songs my bro­ther taught me fragt eine Lehrerin in einer doku­men­ta­ri­schen Szene ihre Klasse nach den Berufswünschen. Während die Mädchen „Lehrerin“, „Ärztin“, „Sängerin“ und ande­res ant­wor­ten, pla­nen die Jungen uni­so­no eine Karriere als „Bull-“ bzw. „Rodeorider“.
Hier im Reservat lernt die Regisseurin auch Brady ken­nen, einen jun­gen Cowboy, Pferdeflüsterer und ehe­ma­li­ger Rodeo-Champion india­ni­scher Herkunft. Rodeo – das ist in der offe­nen Wildnis der Heartlands South Dakotas aller­dings kein schnö­der Beruf, son­dern bedeu­tet den jun­gen Männern ALLES. Die Wettkämpfer bewun­dern ihre Champions, sie hal­ten zusam­men, küm­mern sich nach den nicht sel­te­nen Unfällen umein­an­der und machen sich sehr viel vor. Brady, Mittelpunkt des Films, spielt sei­ne Geschichte (aber nicht sich) qua­si selbst. Mit einer jün­ge­ren behin­der­ten Schwester und dem Vater lebt er auf und von der klei­nen Pferdefarm etwas abseits inmit­ten des hüge­li­gen Weidelandes. Nach einem Unfall am Stier und einer Metallplatte im Kopf ist ihm das Reiten ver­bo­ten, und zu sei­ner Verzweiflung muss auch noch sein Lieblingspferd ver­kauft wer­den, dabei dreht sich alles bei ihm ums Rodeo und die Arbeit mit und der Liebe zu Pferden. Hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen sei­nem alten und zukünf­ti­gen Leben muss Brady sei­ne Identität neu aus­lo­ten, noch aber kann und will er nicht loslassen.

Ich will unse­ren Jungs sagen, dass es okay ist, ver­letz­lich zu sein, dass sie nicht sein müs­sen wie die toughen Gewinnertypen, die man sonst im Kino sieht. Ich möch­te unse­ren Söhnen sagen, dass sie ruhig geplatz­te Träume haben kön­nen, aber wah­re Helden die­je­ni­gen sind, die trotz­dem wei­terträu­men.“ Chloé Zhao

… ein bild­star­ker moder­ner Western, der die tra­di­tio­nel­len Männlichkeitsideale des länd­lich gepräg­ten Teils der USA auf fast schon zärt­li­che Weise hinterfragt.“
Christoph Petersen | filmstarts.de

In what will easi­ly go down as one of the best examp­les of this unusu­al cas­ting pro­cess [means: to cast the real-life sub­jects of a sto­ry to por­tray them­sel­ves], Zhao has taken a ten­der nar­ra­ti­ve and trans­for­med it into a breath­ta­kin­gly beau­ti­ful dra­ma that shoots strai­ght to the heart. … the spi­rit that emana­tes from the set­ting, cha­rac­ters, rela­ti­ons­hips and direc­tion is bril­li­ant.“ Kiko Martinez, San Antonio Current

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Credits:
USA 2017, 104 Min., engl. OmU
Regie: Chloé Zhao
Kamera: Joshua James Richards

Schnitt: Alex O’Flinn
Darsteller: Brady Jandreau, Tim Jandreau, Lily Jandreau, Lane Scott

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Termine:

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Ein Leben

Ein Film von Stéphane Brizé.

[indie­ki­no Club]

Der zeit­ge­nös­si­sche Arbeitslose Thierry in Stephan Brizes kurz vor Ein Leben ent­stan­de­nem Film Der Wert des Menschen (2015) und die jun­ge Adlige Jeanne aus dem 19. Jahrhundert in Ein Leben haben auf den ers­ten Blick nichts mit­ein­an­der gemein. Genauer hin­ge­schaut ent­deckt man jedoch, dass sich bei­de z.B. lan­ge den von ihnen gefor­der­ten Anpassungen ver­wei­gern, da sie mit ihrer eige­ner Grundhaltung kol­li­die­ren, ohne offen­siv zu rebel­lie­ren. Jeanne blickt auf die Welt auch noch dann ohne Hintergedanken, als sich ihre Umgebung schon lan­ge und wie es üblich ist beim Älterwerden, von Ehrlichkeit und Vertrauen ver­ab­schie­det hat. Das kann man dumm nen­nen, aber auch als beson­ders schön ansehen.
Das Romandebüt von Guy de Maupassant von 1883 folgt der Geschichte einer jun­gen Frau aus wohl­ha­ben­den Haus, die einen ver­arm­ten jun­gen Vicomte Hals über Kopf aus roman­ti­schen Gefühlen her­aus hei­ra­tet, aber schon bald von ihm betro­gen und belo­gen wird. Der Film erzählt im Rhythmus der Jahreszeiten und kon­zen­triert sich voll und ganz auf sei­ne Heldin. Dabei redu­ziert er die Handlung zuguns­ten von Stimmungen, Blicken, Gesten, Geräuschen, Bildern und ver­zich­tet auf eine kon­ven­tio­nel­le Dramaturgie, ohne das dra­ma­ti­sche Wesentliche aus den Augen zu ver­lie­ren: ein Frauenleben, hier im 19. Jahrhundert, die Enge in jeder Beziehung, die Enttäuschungen, die tra­di­tio­nel­len gül­ti­gen Verhaltensmuster, die Ausweglosigkeit.
„Ein Leben ist ein Kostümfilm, der das Genre sou­ve­rän unter­läuft und weiß, dass man einer lite­ra­ri­schen Vorlage nur gerecht wird, wenn man sie unz­im­per­lich einer fil­mi­schen „Lesung“ unter­wirft. Was in die­sem Fall heißt: Alles, was der Roman an Drama, auch an mör­de­ri­schem, kine­ma­to­gra­fisch saf­tig offe­riert, wird just nicht gezeigt.“
Matin Walder | filmbulletin

Credits:
F/B 2016, 119 Min., franz. OmU
Regie: Stéphane Brizé, Kamera: Antoine Héberlé
Schnitt: Anne Klotz
mit:Judith Chemla, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau, Swann Arlaud

Termine:

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The Party

Ein Film von Sally Potter.

[Indiekino club]

Janet ist gera­de zur Ministerin im Schattenkabinett ernannt wor­den – die Krönung ihrer poli­ti­schen Laufbahn. Mit ihrem Mann Bill und ein paar engen Freunden soll das gefei­ert wer­den. Die Gäste tref­fen in ihrem Londoner Haus ein, doch die Party nimmt einen ande­ren Verlauf als erwar­tet. Bill platzt mit gleich zwei explo­si­ven Enthüllungen her­aus, die nicht nur Janets Existenz in den Grundfesten erschüt­tern. Liebe, Freundschaften, poli­ti­sche Überzeugungen und Lebensentwürfe ste­hen zur Disposition. Unter der kul­ti­vier­ten links­li­be­ra­len Oberfläche bro­delt es, und in der Auseinandersetzung wer­den schließ­lich schar­fe Geschütze auf­ge­fah­ren – durch­aus im Wortsinn.
In ihrem ach­ten Kinofilm lädt die bri­ti­sche Regisseurin und Drehbuchautorin Sally Potter, die zuletzt 2009 mit Rage im Wettbewerb der Berlinale ver­tre­ten war, nam­haf­te Akteure zur Party. Was als Komödie mit hin­ter­sin­ni­gem Witz und schar­fen Dialogen beginnt, kippt in die Tragödie. Wenn dem Leben mit Argumenten nicht mehr bei­zu­kom­men ist, wird unver­se­hens um den Fortbestand der nur schein­bar gefes­tig­ten Existenzen gerungen.

Großbritannien 2017, 71 Min., engl. OmU
Regie, Buch: Sally Potter
Kamera: Alexey Rodionov
Schnitt: Anders Refn, Emilie Orsini

mit:
Patricia Clarkson (April)
Bruno Ganz (Gottfried)
Cherry Jones (Martha)
Emily Mortimer (Jinny)
Cillian Murphy (Tom)
Kristin Scott Thomas (Janet)
Timothy Spall (Bill)

Ich, Daniel Blake

Ein Film von Ken Loach.

[im Indiekino Club]

Nach einem Herzinfarkt darf der 59-jäh­ri­ge Schreiner Daniel Blake nicht mehr arbei­ten. Er bean­tragt die ihm zuste­hen­den staat­li­chen Leistungen und ver­sinkt dabei lang­sam im Treibsand der Bürokratie und ihrer kaf­ka­es­ken Strukturen. Anstatt pro­fes­sio­nel­ler Betreuung durch die dafür zustän­di­gen Behörden fin­det er sich in der Rolle des Don Quijotes wie­der. Dabei lernt er eine allein­er­zie­hen­den Mutter ken­nen, die in der glei­chen Lage steckt (kei­ne Liebesgeschichte). „I, Daniel Blake“ ist durch und durch ein Ken Loach Film, das Mitgefühl für sei­ne Protagonisten spie­gelt sich in jeder Einstellung. Er doku­men­tiert ihren Kampf um mensch­li­che Würde und Grundrechte in einem Staat, der für die Gewinnmaximierung Weniger opti­miert wur­de und den Interessen der Mehrheit mit Ruhigstellungsstrategien begeg­net. Wer dabei nach unten durch­rutscht, darf sich als Paria betrach­ten. Loach macht Filme dar­über, wie ein­fach es sein kann, dort zu lan­den. Darüber, das es sta­tis­tisch wahr­schein­li­cher ist, einen Herzinfarkt zu bekom­men und den Arbeitsplatz zu ver­lie­ren als Aufsteiger der Woche oder Lottokönig zu wer­den. Als Bedürftiger gerät man aber an ein Sozialsystem, das dem Namen nicht mehr gerecht wird. Und Ken Loach bleibt mit sei­nen gera­de mal 80 Jahren ein bewun­derns­wer­ter Regisseur, der die Hauptrolle dem eher unbe­kann­ten Stand-up Comedian Dave Johns anver­trau­te. Seine Darstellung der Titelfigur berührt unge­mein und hat gleich­zei­tig einen Witz, der sei­ne Widerborstigkeit unter­streicht, sich nicht unter­krie­gen zu lassen.

Mein lang­jäh­ri­ger Ko-Autor Paul Laverty und ich hat­ten viel über die Stolpersteine der Sozialhilfe gehört. Also tour­ten wir durch England und tra­fen uns mit Leuten in Jobcentern und Ausspeisungsstellen. Ihre Geschichten haben uns scho­ckiert. Unzählige sind unwür­di­gen Mechanismen aus­ge­setzt, aber kaum einer spricht dar­über. …Die Jobcenter-Angestellten müs­sen ein gewis­ses Sanktionspensum erfül­len. Wenn sie das nicht schaf­fen, wer­den sie auf eine „Optimierungsliste“ gesetzt und ste­hen unter Druck, ihre Straffrequenz zu erhö­hen. Es ist eine Zermürbungsstrategie. Wenn das Amt einen Sozialhilfeanwärter als arbeits­taug­lich ein­stuft, die­ser aber mit einem ärzt­li­chen Attest Einspruch erhebt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich durch­set­zen kann, rela­tiv hoch. Also ver­sucht man, es gar nicht so weit kom­men zu las­sen.“ Ken Loach


OT: I, Daniel Blake

Frankreich/Großbritannien 2016, 100 Min., engl. OmU
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Kamera: Robbie Ryan
Schnitt: Jonathan Morris
Darsteller: Hayley Squires, Colin Coombs, Micky McGregor, Dave Johns, Briana Shann

 

Alice und das Meer

Ein Film von Lucie Borleteau.

[indie­ki­no Club]

Alice ist frisch­ge­ba­cke­ne Schiffsmechanikerin. Ihr ers­ter Job führt sie auf den betag­ten, ihr bereits gut bekann­ten Frachter Fidelio und auch Gaël (Melvil Poupaud – TAGEBUCH EINES VERFÜHRERS; DIE ZEIT DIE BLEIBT; LAURENCE ANYWAYS), der Kapitän, ist ihr nicht fremd. Zurück an Land bleibt aller­dings ihre neue gro­ße Liebe, der nor­we­gi­sche Comiczeichner Felix (Anders Danielsen Lie – REPRISE; OSLO, 31. AUGUST). Weiterlesen

Cemetery of Splendour

Ein Film von Apichatpong Weerasethakul.

[Indiekino Club]

In einem zur Klinik umge­wan­del­ten Schulgebäude wer­den schlaf­kran­ke Soldaten behan­delt. Während die Ärzte mit Hilfe neu­es­ter Technik das Leid der Soldaten zu lin­dern ver­su­chen, inter­es­sie­ren sich die bei­den Pflegerinnen Jen und Keng für eine ganz ande­re Sichtweise auf die Krankheit, deren Ursachen und mög­li­cher Heilung. Keng kann die Gedanken und Erinnerungen der schla­fen­den Soldaten lesen und teilt sie den Angehörigen mit. Jen ver­sucht die Skizzen im Notizbuch eines Soldaten zu deu­ten, zu dem sie sich hin­ge­zo­gen fühlt. Möglich wäre auch ein Zusammenhang zwi­schen der Geschichte des Ortes und dem aktu­el­len Leiden der Soldaten – wenn man Sinneserfahrung, Gedanken und Träume als gleich­wer­ti­ge Weisen der Erkenntnis ansieht.

(…)„Dies ist mein per­sön­lichs­ter Film“, sagt Apichatpong Weerasethakul, der selbst an die Wiederkehr der Toten glaubt. „Ich spü­re ihre Anwesenheit tat­säch­lich“, bekennt er im Gespräch, „aber nur zu Hause, nicht wenn ich in Frankreich bin“. Man muss ihm kei­nes­wegs in eso­te­ri­sche Gefilde fol­gen, um dem Zauber die­ses behut­sa­men Filmgedichts zu erlie­gen. Als Kind eines Arztes ver­brach­te er einen Großteil sei­ner Jugend in einem Krankenhaus, was die hei­me­li­ge Atmosphäre die­ses Hospitals der Geister erklä­ren mag.

Höhepunkte sind eine rät­sel­haf­te Montageszene, in der er den heil­sa­men Farben bis in ein Multiplexkino folgt, wo man einen bil­li­gen Fantasy-Blockbuster mit ganz ande­ren Geistern spielt. Oder eine Exkursion in den Wald, der das Krankenhaus umgibt und in dem die Frauen einen unsicht­ba­ren Palast ent­de­cken…“ Daniel Kothenschulte, FR

Thailand, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Malaysia 2015,
122 Min.,  thai­länd. OmU 
Regie: Apichatpong Weerasethakul 
Kamera: Diego Garcia 
Schnitt: Lee Chatametikoo 
Mit: Jenjira Pongpas Widner, Banlop Lomnoi, Jarinpattra Rueangram u.a.