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filmPOLSKA 2021

Sorry, this ent­ry is only avail­ab­le in German.

3 Filme im [indie­ki­no Club]

filmPOLSKA ist das größ­te pol­ni­sche Filmfestival in Deutschland und wird vom Polnischen Institut Berlin ver­an­stal­tet. In den Jahren 2006–2020 zeig­te das Festival in ver­schie­de­nen Kinos Berlins und Brandenburgs ins­ge­samt 1.574 Filme. 324 Filmemacher/innen waren beim Festival zu Gast.

Insgesamt sie­ben Filme kon­kur­rie­ren die­ses Jahr im Wettbewerb (der kom­plett im fsk zu sehen ist), dar­un­ter gleich zwei Coming-Of-Age-Geschichten: Piotr Domalewski wid­met sich mit sei­nem in Cottbus mit dem Hauptpreis aus­ge­zeich­ne­ten “Jak naj­da­lej stąd / I Never Cry” [Tickets] den pre­kä­ren Lebensbedingungen der pol­ni­schen Arbeitsmigrant*innen in England mit Ken Loach-Anklängen, wäh­rend Tomasz Jurkiewicz in sei­nem Debüt “Każdy ma swo­je lato / Everyone Has A Summer” [Tickets] als Generationenfilm von der ers­ten gro­ßen Liebessehnsucht erzählt. “Sweat” [Tickets] zeigt den Alltag der Fitness-Trainerin und Influencerin Sylwia (​gespielt von Magdalena Koleśnik) und wirft einen ungla­mou­rö­sen Blick hin­ter die Kulissen per­fekt insze­nier­ter Online-Persönlichkeiten.Um die Verquickung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geht es in Mariusz Wilczyńskis hoch­am­bi­tio­nier­tem, düs­te­rem Animationsfilm “Zabij to i wyje­dź z tego mias­ta / Kill It And Leave This Town“ [Tickets], an dem der Regisseur 14 Jahre lang arbei­te­te. Der ers­te Langfilm des Regisseurs fei­er­te 2020 in der Sektion Encounters der Berlinale sei­ne Premiere. Grzegorz Zaricznys auf wah­ren Begebenheiten und mit “rea­len” Charakteren insze­nier­tes Drama “Proste rze­c­zy / Simple Things” [Tickets] berich­tet von der Schwierigkeit, einen Neustart auf dem Land zu wagen, wenn die fami­liä­re Vergangenheit einen nicht los­lässt. Dokumentarisch wird es dann mit Eliza Kubarskas atem­be­rau­bend foto­gra­fier­tem “Ściana cie­ni / Die Wand der Schatten“ [Tickets], der das Abhängigkeitsverhältnis von Sherpas und Alpinist*innen zum Anlass nimmt, über die Grenzen des Tourismus und Macht(un)gleichgewichte nach­zu­den­ken. Und Agnieszka Polska lie­fert mit “Hura. Wciąż żyje­my! / Hurrah, We Are Still Alive!” [Tickets] einen Polit-Thriller und Genrefilm um eine Schauspieltruppe, der ihr Regisseur abhan­den gekom­men ist.

Hinzu kom­men außer­habl des Wettbewerbs Małgorzata Szumowskas mes­ser­schar­fe Gesellschaftssatire “Śniegu już nig­dy nie będ­zie / Der Masseur” [Tickets] und Agnieszka Hollands “Šarlatán / Charlatan“ [Tickets], sowie fol­gen­des Kurzfilmprogramm:

Im Trickfilm-Programm “Polish Animation” [Tickets] erle­ben wir in aktu­el­len Filmen jun­ger Regisseur*innen in diver­sen Animationstechniken die Erforschung des eige­nen Körpers, eine vir­tu­os insze­nier­te Seelenwanderung, einen comic­haft über­zeich­ne­ten Kampf mit dem Körpergewicht, eine im Sterben lie­gen­de Frau bei ihren letz­ten Atemzügen und dar­über hin­aus, eine zwie­lich­ti­ge Vogelretterin mit dunk­len Geheimnissen, eine moder­ne Hexenjagd mit tra­gi­schem Ausgang, einen nächt­li­chen Wandel im Rausch und das in Metaphern ver­pack­te Ringen mit einer trau­ma­ti­schen Kindheit.

Installation:
Das für iPads und iPhones opti­mier­te Augmented-Reality-Projekt “Przyszłość będ­zie świet­la­na / Die Zukunft wird leuch­tend sein” von Wiola Sowa erwei­tert die bestehen­de Realität nicht um eine neue Dimension, son­dern  degra­diert sie, indem sie Informationen aus dem Bild schnei­det und ihm so „Narben“ zufügt. Damit bezieht sich die Arbeit auf Pandemie-Erfahrungen und ruft Verlustgefühle her­vor. In filmPOLSKA-Kinos hän­gen Plakate mit dem QR-Code zum Projekt. Die Arbeit ist für die Anzeige auf iPads und iPhones opti­miert, läuft aber auch auf eini­gen Android-Geräten.

Przyszłość będ­zie świet­la­na / The Future Will Be Bright © Wiola Sowa

Termine:

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Die Maske

A Film by Małgorzata Szumowska. In Polish with German subtitles.

[Credits] [Termine] [Trailer]

Jacek loves hea­vy metal and his dog. He con­verts the coun­try lanes out­side his door into a racing track and bombs down them in his litt­le car. When he and his girl­friend Dagmara take to the dance­floor, ever­yo­ne runs for cover. He enjoys his exi­s­tance as a cool mis­fit in an other­wi­se stuffy envi­ron­ment, and keeps his mus­cles toned working on a buil­ding site clo­se to the Polish-German bor­der whe­re the world’s lar­gest sta­tue of Jesus is being con­struc­ted. But then his life is thrown bad­ly off cour­se by a ter­ri­ble acci­dent at work that com­ple­te­ly dis­fi­gu­res him. Eagerly fol­lo­wed by the Polish media, Jacek beco­mes the first per­son in the coun­try to recei­ve a face trans­plant. He may be cele­bra­ted as a natio­nal hero and mar­tyr, but he no lon­ger reco­gni­s­es hims­elf in the mir­ror. Meanwhile, the sta­tue of Jesus grows tal­ler and tal­ler. Whilst events around Jacek come thick and fast, the film never loses sight of the big­ger pic­tu­re and ins­tead brings things even more into focus. Twarz uses the for­mat of an acer­bic far­ce to con­si­der con­di­ti­ons in modern-day Poland and explo­re life in the pro­vin­ces, reve­aling a coun­try that is busy set­ting its faith in stone.
(Berlinale)

Credits:

Twarz
Polen 2018, 91 Min., poln. OmU
Regie:Małgorzata Szumowska
Buch: Małgorzata Szumowska, Michał Englert
Kamera: Michał Englert
Montage: Jacek Drosio
mit: Mateusz Kościukiewicz
Agnieszka Podsiadlik
Małgorzata Gorol
Roman Gancarczyk
Dariusz Chojnacki
Robert Talarczyk
Anna Tomaszewska
Martyna Krzysztofik 

Termine:

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Trailer:

Das Mädchen, das lesen konnte

Ein Film von Marine Francen. Ab 10.1. im fsk.

[Credits] [Termine] [Trailer]

Eine Utopie, und ein Film wie ein Gemälde : „You want to take cer­tain shots and hang them on the wall“ schreibt Screen Int.. Dass es auf dem fran­zö­si­schen Land um 1851 so sau­ber und schön nur sel­ten war, dürf­te klar sein, aber Das Mädchen, das Lesen konn­te ist auch kein zeit­ge­treu­er Historienfilm, son­dern eine Literaturverfilmung beson­de­rer Art.

Für ihren Debütfilm hat die Französin Marine Francen eine Vorlage gewählt, deren Ursprung etwas nebu­lös ist. Wahrscheinlich sind die Vorgänge auch nicht wirk­lich von einem rea­len Ereignis inspi­riert, aber vor­stell­bar wäre es schon. Wir bli­cken zurück ins Jahr 1851: Louis Napoléon will sich als Napoléon III zum Kaiser der Franzosen krö­nen las­sen, doch die Republikaner im Land kämp­fen gegen die­ses Geschichts-Rollback. Der Bürgerkrieg erreicht auch abge­le­ge­ne Landstriche. In ein auf­stän­di­sches Dorf in der Provence fal­len die umher­zie­hen Truppen Napoleons ein und ver­schlep­pen alle Männer. Die ver­las­se­nen und geschock­ten Frauen trau­ern, aber die Arbeit muss trotz­dem getan wer­den. Gemeinsam ler­nen sie alles, was sonst den Männern oblag, und auch wenn es zu Beginn oft schwer fällt, funk­tio­niert die Frauengemeinschaft auf Dauer sehr gut. Trotzdem ver­mis­sen sie ihre Gatten, Verlobte, Söhne und Freunde, zudem sind sie wie abge­schnit­ten vom Rest der Welt sind sie auch. Neben unbe­frie­dig­tem kör­per­li­chem Begehren stellt sich nach eini­ger Zeit auch die Frage, wie das Dorf in zukünf­tig wei­ter exis­tie­ren soll. Die jün­ge­ren schlie­ßen einen Pakt: soll­te doch eines Tages noch ein Mann vor­bei kom­men, gehört er allen. Und dann ver­schlägt es den Schmied Jean in die­ses Tal.

Der Film han­delt von Liebe, Solidarität und Selbstbewusstsein, von Verlangen und Einsamkeit, und auch von Neid, Eifersucht und Unsicherheit. Als nach Jahren eini­ge der ent­führ­ten Männer ins Dorf zurück­keh­ren, erscheint dies, trotz aller Freude und Erleichterung wie eine Vertreibung aus dem Paradies der Unabhängigkeit.

Wovon Violette Ailhaud (die offi­zi­el­le Autorin) erzählt, ist die Verteidigung der Freiheit in all ihren Erscheinungsformen. Dieses Thema kennt kei­ne Grenzen und kei­ne Epoche, und ich woll­te auch die­se Aktualität erfas­sen.” Marine Francen

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Credits:

Le Semeur
Frankreich 2017, 98 Min., franz. OmU
Regie: Marine Francen
Buch: Jacques Fieschi, Marine Francen, Jacqueline Surchat, nach der Novelle von Violette Ailhaud
Kamera: Alain Duplantier
Schnitt: Minori Akimoto
Darsteller: Pauline Burlet, Géraldine Pailhas, Alban Lenoir, Iliana Zabeth, Francoise Lebrun, Barbara Probst

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Termine:

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Trailer:

 

Nico 1988

A film by  Susanna Nicchiarelli. In eng­lish with ger­man subtitles.

Set bet­ween Paris, Prague, Nuremberg, Manchester, the Polish coun­try­si­de and the Roman sea­si­de, NICO, 1988 is a road-movie dedi­ca­ted to the last years of Christa Päffgen, known by her sta­ge name “Nico”. One of Warhol’s muses, sin­ger of The Velvet Underground and a woman of legen­da­ry beau­ty, Nico lived a second life after the sto­ry known to all, when she began her care­er as a solo artist. NICO, 1988 is the sto­ry of Nico’s last tours with the band that accom­pa­nied her around Europe in the 80s: years in which the “priestess of darkness”, as she was cal­led, found herself again, shaking off the weight of her beau­ty and rebuil­ding the rela­ti­ons­hip with her only for­got­ten son. It is the sto­ry of a rebirth, of an artist, of a mother, of the woman bey­ond the icon.

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Credits:
It. / Belgien 2017, 93 Min., engl. OmU 

Regie: Susanna Nicchiarelli 
Kamera: Crystel Fournier 
Schnitt: Stefano Cravero 
Dokumentarfilmmaterial von Jonas Mekas
mit: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek

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Termine:

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The Rider

A film by Chloé Zhao. Inn eng­lish with ger­man subtitles.

A horse’s pur­po­se is to run in the prai­ries; a cowboy’s is to ride.” So, what does a cow­boy beco­me when he can no lon­ger ride? This is the ques­ti­on at the cent­re of Chloé Zhao’s The Rider, and the defi­ning con­flict for its prot­ago­nist, Brady Blackburn. A skil­led rodeo cow­boy and hor­se trai­ner, Brady suf­fers a near-fatal acci­dent that abrupt­ly halts his care­er and for­ces him to con­tem­pla­te what a new life could look like.

The abi­li­ty to ride defi­nes a man’s worth in Brady’s world. Though riding and hor­ses are never far from his thoughts, Brady now spends his days working at the local super­mar­ket and his nights drin­king with his bud­dies. With his mother gone and with a bor­der­line alco­ho­lic father with a gamb­ling pro­blem, Brady finds hims­elf respon­si­ble­for his 15-year-old sis­ter, Lilly. With his limi­ted edu­ca­ti­on, money and local fame may seem easiest to come by in the world of rodeo, but so are inju­ry and even death.

Returning to the docu­dra­ma tech­ni­que that ear­ned her debut fea­ture, Songs My Brothers Taught Me, cri­ti­cal acc­laim, Zhao inte­gra­tes the real lives of her actors into her sto­ry­tel­ling. Majestically cap­tu­red by Joshua James Richards‘ inti­ma­te pho­to­gra­phy, the dus­ty, expan­si­ve land­s­capes pro­vi­de the can­vas for Zhao’s art. Stoic and fearless with a rare sen­se of authen­ti­ci­ty, she embraces the huma­ni­ty of its cha­rac­ters and explo­res defi­ni­ti­ons of mas­cu­lini­ty without glo­ri­fi­ca­ti­on or judgment. The Rider is less a wes­tern than a film about the real American west.
KERRI CRADDOCKTIFF

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Credits:
USA 2017, 104 Min., engl. OmU
Regie: Chloé Zhao
Kamera: Joshua James Richards

Schnitt: Alex O’Flinn
Darsteller: Brady Jandreau, Tim Jandreau, Lily Jandreau, Lane Scott
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Termine:

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Ein Leben

A film by Stéphane Brizé.  In french with ger­man subtitles.

Based on a novel by Guy de Maupassant and sharing the­mes (male treache­ry, suf­fe­ring) as well as a tit­le with Mikio Naruse’s 1963 dra­ma, Stéphane Brizé’s gor­ge­ous peri­od pie­ce explo­res the bleak lot of an aristo­cra­tic hei­ress in 19th-cen­tu­ry France. Shot in boxy 1.33:1 ratio, and kis­sed by fli­cke­ring cand­le­light, this a world so per­sua­si­ve­ly rea­li­sed that you can almost smell the damp that rises, along with the debt. We fol­low Jeanne (Judith Chemla) from the clear-eyed hope­ful­ness of youth to late midd­le age; it’s a per­for­mance that is so com­pel­ling that we for­gi­ve the film its fair­ly dispi­ri­ting tra­jec­to­ry and por­tra­yal of a woman who often seems litt­le more than a hel­pless chat­tel. (The Guardian)

Credits:
F/B 2016, 119 Min., franz. OmU
Regie: Stéphane Brizé, Kamera: Antoine Héberlé
Schnitt: Anne Klotz
mit:Judith Chemla, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau, Swann Arlaud

Termine:

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The Party

A film by Sally Potter. In eng­lish with ger­man subtitles.

Janet has just been appoin­ted minis­ter in the shadow cabi­net – the crow­ning achie­ve­ment of her poli­ti­cal care­er. She and her hus­band Bill plan to cele­bra­te this with a few clo­se friends. The guests arri­ve at their home in London but the par­ty takes an unex­pec­ted turn for the worse when Bill sud­den­ly makes two explo­si­ve reve­la­ti­ons that shock Janet and ever­yo­ne pre­sent to the core. Love, friendships, poli­ti­cal con­vic­tions and a who­le way of life are now cal­led into ques­ti­on. Underneath their cul­ti­va­ted libe­ral left-wing sur­face peop­le are seething. Their dis­pu­te leads to the big guns being brought out – even in a lite­ral sense.
For her eighth thea­tri­cal fea­ture British direc­tor and screen­wri­ter Sally Potter, who last took part in the Berlinale Competition with Rage in 2009, has invi­ted a stel­lar cast to join her par­ty. Beginning as a sub­t­ly wit­ty come­dy rep­le­te with sharp-tongued dia­lo­gue, the film later veers off into tra­ge­dy. When life can no lon­ger be con­trol­led by rea­son, peop­le will fight tooth and nail to pro­tect their see­min­gly sta­ble existence.

Großbritannien 2017, 71 Min., engl. OmU
Regie, Buch: Sally Potter
Kamera: Alexey Rodionov
Schnitt: Anders Refn, Emilie Orsini

mit:
Patricia Clarkson (April)
Bruno Ganz (Gottfried)
Cherry Jones (Martha)
Emily Mortimer (Jinny)
Cillian Murphy (Tom)
Kristin Scott Thomas (Janet)
Timothy Spall (Bill)

Ich, Daniel Blake

Ein Film von Ken Loach.

Nach einem Herzinfarkt darf der 59-jäh­ri­ge Schreiner Daniel Blake nicht mehr arbei­ten. Er bean­tragt die ihm zuste­hen­den staat­li­chen Leistungen und ver­sinkt dabei lang­sam im Treibsand der Bürokratie und ihrer kaf­ka­es­ken Strukturen. Anstatt pro­fes­sio­nel­ler Betreuung durch die dafür zustän­di­gen Behörden fin­det er sich in der Rolle des Don Quijotes wie­der. Dabei lernt er eine allein­er­zie­hen­den Mutter ken­nen, die in der glei­chen Lage steckt (kei­ne Liebesgeschichte). „I, Daniel Blake“ ist durch und durch ein Ken Loach Film, das Mitgefühl für sei­ne Protagonisten spie­gelt sich in jeder Einstellung. Er doku­men­tiert ihren Kampf um mensch­li­che Würde und Grundrechte in einem Staat, der für die Gewinnmaximierung Weniger opti­miert wur­de und den Interessen der Mehrheit mit Ruhigstellungsstrategien begeg­net. Wer dabei nach unten durch­rutscht, darf sich als Paria betrach­ten. Loach macht Filme dar­über, wie ein­fach es sein kann, dort zu lan­den. Darüber, das es sta­tis­tisch wahr­schein­li­cher ist, einen Herzinfarkt zu bekom­men und den Arbeitsplatz zu ver­lie­ren als Aufsteiger der Woche oder Lottokönig zu wer­den. Als Bedürftiger gerät man aber an ein Sozialsystem, das dem Namen nicht mehr gerecht wird. Und Ken Loach bleibt mit sei­nen gera­de mal 80 Jahren ein bewun­derns­wer­ter Regisseur, der die Hauptrolle dem eher unbe­kann­ten Stand-up Comedian Dave Johns anver­trau­te. Seine Darstellung der Titelfigur berührt unge­mein und hat gleich­zei­tig einen Witz, der sei­ne Widerborstigkeit unter­streicht, sich nicht unter­krie­gen zu lassen.

Mein lang­jäh­ri­ger Ko-Autor Paul Laverty und ich hat­ten viel über die Stolpersteine der Sozialhilfe gehört. Also tour­ten wir durch England und tra­fen uns mit Leuten in Jobcentern und Ausspeisungsstellen. Ihre Geschichten haben uns scho­ckiert. Unzählige sind unwür­di­gen Mechanismen aus­ge­setzt, aber kaum einer spricht dar­über. …Die Jobcenter-Angestellten müs­sen ein gewis­ses Sanktionspensum erfül­len. Wenn sie das nicht schaf­fen, wer­den sie auf eine „Optimierungsliste“ gesetzt und ste­hen unter Druck, ihre Straffrequenz zu erhö­hen. Es ist eine Zermürbungsstrategie. Wenn das Amt einen Sozialhilfeanwärter als arbeits­taug­lich ein­stuft, die­ser aber mit einem ärzt­li­chen Attest Einspruch erhebt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich durch­set­zen kann, rela­tiv hoch. Also ver­sucht man, es gar nicht so weit kom­men zu las­sen.“ Ken Loach


OT: I, Daniel Blake

Frankreich/Großbritannien 2016, 100 Min., engl. OmU
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Kamera: Robbie Ryan
Schnitt: Jonathan Morris
Darsteller: Hayley Squires, Colin Coombs, Micky McGregor, Dave Johns, Briana Shann

 

Alice und das Meer

Ein Film von Lucie Borleteau. Ab 22.9. im fsk.

Alice ist frisch­ge­ba­cke­ne Schiffsmechanikerin. Ihr ers­ter Job führt sie auf den betag­ten, ihr bereits gut bekann­ten Frachter Fidelio und auch Gaël (Melvil Poupaud – TAGEBUCH EINES VERFÜHRERS; DIE ZEIT DIE BLEIBT; LAURENCE ANYWAYS), der Kapitän, ist ihr nicht fremd. Zurück an Land bleibt aller­dings ihre neue gro­ße Liebe, der nor­we­gi­sche Comiczeichner Felix (Anders Danielsen Lie – REPRISE; OSLO, 31. AUGUST). Continue rea­ding

Cemetery of Splendour

Ein Film von Apichatpong Weerasethakul. Ab 14. Januar im fsk Kino

In einem zur Klinik umge­wan­del­ten Schulgebäude wer­den schlaf­kran­ke Soldaten behan­delt. Während die Ärzte mit Hilfe neu­es­ter Technik das Leid der Soldaten zu lin­dern ver­su­chen, inter­es­sie­ren sich die bei­den Pflegerinnen Jen und Keng für eine ganz ande­re Sichtweise auf die Krankheit, deren Ursachen und mög­li­cher Heilung. Keng kann die Gedanken und Erinnerungen der schla­fen­den Soldaten lesen und teilt sie den Angehörigen mit. Jen ver­sucht die Skizzen im Notizbuch eines Soldaten zu deu­ten, zu dem sie sich hin­ge­zo­gen fühlt. Möglich wäre auch ein Zusammenhang zwi­schen der Geschichte des Ortes und dem aktu­el­len Leiden der Soldaten – wenn man Sinneserfahrung, Gedanken und Träume als gleich­wer­ti­ge Weisen der Erkenntnis ansieht.

(…)„Dies ist mein per­sön­lichs­ter Film“, sagt Apichatpong Weerasethakul, der selbst an die Wiederkehr der Toten glaubt. „Ich spü­re ihre Anwesenheit tat­säch­lich“, bekennt er im Gespräch, „aber nur zu Hause, nicht wenn ich in Frankreich bin“. Man muss ihm kei­nes­wegs in eso­te­ri­sche Gefilde fol­gen, um dem Zauber die­ses behut­sa­men Filmgedichts zu erlie­gen. Als Kind eines Arztes ver­brach­te er einen Großteil sei­ner Jugend in einem Krankenhaus, was die hei­me­li­ge Atmosphäre die­ses Hospitals der Geister erklä­ren mag.

Höhepunkte sind eine rät­sel­haf­te Montageszene, in der er den heil­sa­men Farben bis in ein Multiplexkino folgt, wo man einen bil­li­gen Fantasy-Blockbuster mit ganz ande­ren Geistern spielt. Oder eine Exkursion in den Wald, der das Krankenhaus umgibt und in dem die Frauen einen unsicht­ba­ren Palast ent­de­cken…“ Daniel Kothenschulte, FR

Thailand, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Malaysia 2015,
122 Min.,  thai­länd. OmU 
Regie: Apichatpong Weerasethakul 
Kamera: Diego Garcia 
Schnitt: Lee Chatametikoo 
Mit: Jenjira Pongpas Widner, Banlop Lomnoi, Jarinpattra Rueangram u.a.