Fern (einfühlsam verkörpert von Frances McDormand) nimmt uns an der Hand auf ihrer Reise durch die USA, ins NOMADLAND. Gezwungen, in ihrem Transporter zu leben, hält sie sich mit saisonalen Gelegenheitsjobs über Wasser. Mal zusammen mit Gleichgesinnten, die wie sie in einer von Rezession gebeutelten Welt keinen Platz mehr finden. Dann wieder ist sie alleine unterwegs in den schier unendlichen Weiten Nordamerikas. Begleitet von der Schönheit der Landschaft. Dicht gefolgt aber auch von der Einsamkeit. Und all jenen Problemen, die ein Leben auf der Straße – nicht ohne Obdach zwar, doch ohne Haus – mit sich bringt. (Tobias Greslehner)
Nomadland
Nomadland
Credits:
USA 2020, 108 Min., engl. OmU, Regie: Chloé Zhao Kamera: Joshua James Richards Schnitt: Chloé Zhao mit: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie, Bob Wells
In previous films, Chloé Zhao already revisited the myths of the American West with a sensitive realism that was grounded in working with people from real life. With NOMADLAND, a recent winner of the Golden Lion in Venice, she achieves an even greater level of resonance, combining individual grief and the need for social routines with the idea of an ever-changing frontier: this time it’s people moving away from settlements, away from a culture in decline. We follow Frances McDormand in a surprisingly restrained lead performance that is all the more enthralling as a result: Fern, a woman of around 60 who has decided to live in a RV following the death of her husband. She’s not homeless, she says, but houseless, refusing a certain kind of sympathy. Most of the other characters, including part-time workers and people found unworthy by the system, are real. NOMADLAND shows a side of America rarely seen in cinema. We accompany destitute people working in areas such as an Amazon packing station or in trailer parks in which the dropouts form substitute communities. Despite its sharp observatory eye, the film is not seeking to make accusations about the excesses of an ailing system. Zhao is more interested in solidarity, about the sense of social support blooming on the edge of society. (Dominik Kamalzadeh)
Nomadland
Nomadland
Credits:
USA 2020, 108 Min., engl. OmU, Regie: Chloé Zhao Kamera: Joshua James Richards Schnitt: Chloé Zhao mit: Frances McDormand, David Strathairn, Linda May, Swankie, Bob Wells
Hollywoodregisseur Orson Welles steht unter Druck. Sein Filmprojekt CITIZENKANE muss so rasch wie möglich abgeschlossen werden, doch das Drehbuch bereitet ihm Sorgen. Kurzerhand engagiert er den in Hollywood als „Drehbuchreparateur“ bekannten Autor Mank, um mit ihm zusammenzuarbeiten. Der Arbeitsprozess verläuft allerdings alles andere als reibungslos. Meinungsverschiedenheiten sind an der Tagesordnung und das skandalös-notorische Verhalten des alkohol- und spielsüchtigen Mank sorgen für Tumulte vor und hinter den Kulissen.
Regisseur David Fincher (FIGHTCLUB, GONEGIRL) erzählt die turbulente Entstehungsgeschichte von Orson Welles‘ filmischem Meisterwerk CITIZENKANE aus der Sicht des Drehbuchautors Herman J. Mankiewicz. Der jahrelange Streit zwischen dem Filmvisionär Orson Welles und dem unterschätzten Mankiewicz über die Urheberschaft des oscargekrönten Drehbuchs ist ebenso legendär wie der Film selbst.
Gedreht im Stil des Film Noir erweckt Fincher die Goldene Ära Hollywoods authentisch und stilecht wieder zum Leben und verleiht gleichzeitig neue Einblicke in die legendäre Zeit der Studiokinos. Mit hochkarätigen Schauspieler*innen wie Gary Oldman und Amanda Seyfried besetzt, gewann der Film bei der diesjährigen Oscarverleihung den Preis für die beste Kamera und für das beste Szenenbild.
Mank
Credits:
US 2020, 131 Min., engl. OmU Regie: David Fincher Kamera: Erik Messerschmidt mit: Gary Oldman Amanda Seyfried Lily Collins Tom Pelphrey Charles Dance Tuppance Middleton
1930’s Hollywood is reevaluated through the eyes of scathing social critic and alcoholic screenwriter Herman J. Mankiewicz as he races to finish the screenplay of Citizen Kane (1941).
Mank
Credits:
US 2020, 131 Min., engl. OmU Regie: David Fincher Kamera: Erik Messerschmidt mit: Gary Oldman Amanda Seyfried Lily Collins Tom Pelphrey Charles Dance Tuppance Middleton
Eine Reise entlang der Oder und der Neiße, entlang der deutsch polnischen Grenze. Begegnungen auf beiden Seiten der Flüsse. Erkundungen. Geschichten vom Rand – doch aus der Mitte Europas. Arbeit, Heimat, Liebe. Menschen, ihre Geschichte und ihre Landschaft. Im Süden Niederschlesien – dort, wo Polen Deutschland und Tschechien einander treffen, in der Mitte das flache Land an der Oder, im Norden, das Stettiner Haff. Eine Reise im Grenzland. Bewegungen und Geschichten im Grenzland zwischen Polen und Deutschland – mit seinem neuen Film knüpft Andreas Voigt thematisch an seine Arbeit „Grenzland – Eine Reise“ von 1992 an.
Grenzland
Credits:
DE 2020, 100 Min., Buch & Regie: Andreas Voigt Kamera: Marcus Lenz, Maurice Wilkerling Schnitt: Ina Tangermann
Along the river Oder: Virulent questions about homeland and community, everyday life and politics, asked with confident casualness, provide an account of the present.
Grenzland
Credits:
DE 2020, 100 Min., Buch & Regie: Andreas Voigt Kamera: Marcus Lenz, Maurice Wilkerling Schnitt: Ina Tangermann
Als Lehrerin hat die bosnische Muslimin Aida (Jasna Ðuriči) vor Beginn des Jugoslawienkriegs gearbeitet, lebte mit Mann und zwei Söhnen in Srebrenica, gemeinsam mit Serben und anderen Ethnien, wie es im Vielvölkerstaat Jugoslawien Jahrzehntelang üblich war. Doch der Krieg hat aus Nachbarn Feinde gemacht, die Stadt steht unter Beschuss der bosnisch-serbischen Truppen unter ihrem Anführer Ratko Mladić (Boris Isaković), Gerüchte von Vergewaltigungen und Morden an der Zivilbevölkerung machen die Runde. Aida selbst ist nicht in Gefahr, sie arbeitet für die Blauhelme der UNPROFOR-Truppen als Übersetzerin, doch ihr Mann Nihad (Izudin Bajrović) und die beiden Söhne Hamidja (Boris Ler) und Ejo (Dino Bajrović) sind außerhalb der UN-Anlage, wo sich tausende Menschen unter der sengenden Sonne versammelt haben und Einlass begehren.
Im Inneren ahnt der niederländische Kommandant Karremans (Johan Heldenbergh), dass die Absprache, die er mit Mladić getroffen hat, nur Augenwischerei war: Der Zivilbevölkerung freies Geleit zu geben und nur Soldaten in Gewahrsam zu nehmen war die Vereinbarung, doch der Aufmarsch an schwer bewaffneten serbischen Soldaten lässt keinen Zweifel daran, was passieren wird. Mit zunehmender Verzweiflung versucht Aida Karremans davon zu überzeugen, zumindest ihre Familie zu retten, doch dem Kommandanten sind die Hände gebunden. Und so nehmen die Ereignisse ihren Lauf, an deren Ende über 8000 Tote stehen, ermordet im schlimmsten Massaker der europäischen Nachkriegsgeschichte.
Gleich mit ihrem Debütfilm „Grbavica“ hatte die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić 2006 den Goldenen Bären gewonnen, ein Film, in dem sie sich mit den psychologischen Folgen des Jugoslawienkrieges beschäftigt hatte. Das sie mit „Quo Vadis, Aida?“ in die Zeit des Krieges zurückkehrt und sich mit einem der am ausführlichsten dokumentierten Ereignisse des Krieges beschäftigt mag daher überraschen. Neue Einblicke in das Massaker kann es nicht geben, die Frage von Tätern und Opfern ist klar beantwortet, das Versagen der internationalen Gemeinschaft ausführlich dokumentiert. Zwischentöne gibt es dann auch bei Žbanić kaum: Wenn Aida auf der serbischen Seite einen ehemaligen Schüler entdeckt, scheint für kurze Momente die Frage aufzukommen, wie aus einst freundlichen Bekannten Gegner auf Leben und Tod werden können, doch schnell wird diese Ambivalenz beiseite gewischt. Etwas einfach macht es sich Žbanić oft, wenn sie die serbischen Truppen als waffenstarrende, glatzköpfige Muskelprotze schildert, die schon aus der Ferne wie blutrünstige Mörder aussehen, denen in Gestalt der kaum volljährig wirkenden holländischen Blauhelmtruppen, oft ohne Gewehr, dafür in kurzen Hosen kleine Jungs gegenüberstehen, die eher wie Pfadfinder wirken.
Einerseits bestätigt Žbanić dadurch die Klischees des Jugoslawienkrieges, andererseits kann es gerade im Fall des Massakers von Srebrenica keine Frage über Schuld und Unschuld geben. Die Komplexität der Ursachen des Krieges, die Verbrechen, die von allen Seiten begangen wurden, spielen in „Quo Vadis, Aida?“ jedoch keine Rolle, Jasmila Žbanić geht es nur darum, ein Ereignis in fast dokumentarischer Manier darzustellen. Ein Ziel, das ihr fraglos auch eindrucksvoll gelingt.
Michael Meyns
Quo Vadis, Aida?
Credits:
BA/AU/PL/DE/RO/FR/NO/TK/NL 2020, 104 Min. Regie & Buch: Jasmila Žbanić Kamera: Christine A. Maier Schnitt: Jarosław Kamiński Darsteller: Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isaković. Johan Heldenbergh, Raymond Thiry
Aida is working as a translator for the UN at their camp in Srebrenica, when negotiations go awry and events quickly heat up. As the troops of the Bosnian Serbs led by Ratko Mladić mobilize, thousands of scared Bosnians flock to the gates of the camp to find shelter there. But the UN are not authorized to give any substantial help, and Aida becomes torn between her professional and private duties. The massacres committed by the Serbian army in Srebrenica in July, 1995 remain an open wound and a taboo to this day, denied by many, discussed and taught by very few people in the former Yugoslavia. The Bosnian War itself has a firm grip on the work of writer-director Jasmila Žbanić ever since her early days as a filmmaker. Here she turns history into a frantic (and very real) thriller that finds its narrative core in Aida’s desperate struggle to save her husband and sons. Three helpless men, one fighting woman: QUOVADIS, AIDA? offers an unmistakably feminist take on the story of the Srebrenica genocide. But in the end it is Serbian actress Jasna Djuricic whose presence, energy, and sheer dedication make this film take flight: A similarly fierce and spellbinding heroine will be hard to find anywhere else in Europe’s contemporary art house cinema. (Stefan Grissemann)
Quo Vadis, Aida?
Credits:
BA/AU/PL/DE/RO/FR/NO/TK/NL 2020, 104 Min. Regie & Buch: Jasmila Žbanić Kamera: Christine A. Maier Schnitt: Jarosław Kamiński mit: Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isaković. Johan Heldenbergh, Raymond Thiry
Das Landleben wird immer gefragter, dabei werden die Schwierigkeiten, mit denen Gemeinden dort zu kämpfen haben, immer größer. Exemplarisch zeigt der Film drei Dörfer und drei Versuche, sie Leben zu lassen: eine Bürgermeisterin verklagt das Land Sachsen, weil die örtliche Schule geschlossen werden soll, eine Bäuerin setzt sich gegen die Agrarkonzentration zur Wehr, und ein Dorf möchte seinen Sternenhimmel vor Lichtverschmutzung retten. »Mein Film will nicht die altbekannten Klischees vom ländlichen Niedergang bedienen. Es geht um Persönlichkeiten, die sich mit Leidenschaft und Humor in einer Umgebung behaupten, die ihnen viel Einsatz abverlangt und manchmal verzweifeln lässt. Ihrem Blick in die Welt will der Film folgen und dabei ein gesell-schaftliches Phänomen, das uns überall in Europa betrifft, aus einer neuen, ungewöhnlichen Perspektive erfahrbar machen.« Gesa Hollerbach
Credits:
DE 2019, 93 Min., Buch und Regie: Gesa Hollerbach, Schnitt: Carina Mergens, Kamera: Jennifer Günther
Life in the country has many facets and faces. Nature, peace, tradition. But reality today is often different, because structural change is destroying Europe’s villages. Schools are forced to close, communities are underfinanced, land speculation makes the farmers’ work harder and glaringly illuminated cities make the stars harder to see than a few years ago even in the hinterland. Locked-up cinemas, dilapidated houses, deserted train stations. Gesa Hollerbach’s unagitated documentary portrays four people and their lives. They come from very different backgrounds: a mayoress, an astronomer, a restaurateur, and a female farmer active in the European Parliament. In Saxony, in the Allgäu, in Austria. Ultimately, though, they are united in a joint, relentless struggle for their respective homes. The film wants to show that change can be imagined and implemented, that resistance bears its first fruits and that the tireless efforts of those courageous guardians of the countryside are not in vain. Today we see young families in the streets again and couples who deliberately choose to move to the country. The change has already begun.
Julia Weigl
Credits:
DE 2019, 93 Min., Buch und Regie: Gesa Hollerbach, Schnitt: Carina Mergens, Kamera: Jennifer Günther
Der Film porträtiert das Schicksal mehrerer Jugendlicher, die sehr früh – oft schon im Alter von 11, 12 oder 13 Jahren – entschieden haben, von zu Hause wegzugehen und für eine bestimmte Zeit oder dauerhaft auf der Straßezu leben: Sunny, Toni, Krümel, JJ, Stöpsel, Soja und Za.
Menschen also, von denen jeder einzelne mittlerweile auch schon neun Leben gelebt haben könnte. Versehen mit seelischen und körperlichen Beschädigungen. Doch trotz dieser Zerstörungen gibt es bei ihnen eine enorme Kraft, Talente und Fähigkeiten zu entdecken. Dieser Reichtum an persönlichen Möglichkeiten steht im Mittelpunkt des Films.
Die Lebensumstände der Jugendlichen auf der Straße werden deshalb auch nicht dokumentiert, sondern sie werden von ihnen in freier Wahl erzählt oder auch nicht. So kommen sehr persönliche, mitreissende und berührende Zeugnisse zustande.
Um den Fokus auf ihre Persönlichkeiten zu legen, erzählen sie vor neutralem Hintergrund im Studio von ihren Leben. Einige haben ihre Musikinstrumente mitgebracht und spielen spontan, andere zeigen Fotos oder andere künstlerische Arbeiten. So entstehen filmische Porträts wie in einer Ausstellung, einem Kunstraum.
Vorurteile und Klischeevorstellungen über „Penner“ und „Punks“ lösen sich auf. Die Jugendlichen werden in ihrer bewundernswerten Einmaligkeit erkennbar.
Und sie werden zu Stars – zu Recht.
9 Leben
[nbsp] Credits:
Deutschland 2010 Regie: Maria Speth Drehbuch: Maria Speth Kamera: Reinhold Vorschneider Schnitt: Maria Speth
In der Kunstwerkstatt Mosaik in Berlin arbeiten Künstler*innen mit Behinderung an ihren Werken. Sabine Herpich beobachtet sie bei der Arbeit und richtet den Blick auf die Institution selbst, auf die Abläufe, das Personal, die Räumlichkeiten. Ihr gelingt es, nicht die Behinderung der Menschen ins Zentrum zu stellen, sondern die künstlerische Arbeit. Um diese herum formiert sich die Institution und wird so primär als Institution für die Kunst und nicht als Institution für Menschen mit Behinderung sichtbar. Die Idee von Kunst wird ganzheitlich, beinhaltet die Menschen, die sie machen, wie auch die Orte, an denen sie erzeugt wird, meint das Sehen der Werke, das Sprechen über sie, meint aber auch: Kunst als Arbeit, mit Arbeitszeiten und Gehalt. Die Filmemacherin selbst ist nicht unsichtbar. Sie fragt die Künstler*innen nach ihren Gedanken, Ideen, Vorgehensweisen. In der Begegnung der Künstler*innen vor der Kamera mit dem Blick der Filmemacherin entsteht eine erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilität – für die Gestimmtheiten der Werke, ihrer Schöpfer*innen und Betrachter*innen, wie auch für die behutsame, nicht schüchterne, genaue, sich nicht verschließende Form dieses Films über Kunst. (Alejandro Bachmann, Berlinale Forum)
Mit: Adolf Beutler, Suzy van Zehlendorf, Gabriele Beer, Till Kalischer, Nina Pfannenstiel u. a.
Regie, Kamera, Montage: Sabine Herpich O‑Ton Schnitt, Mischung: Marilyn Janssen Color Grading: Florian Lampersberger Titel- und Plakatgestaltung: Ulrike Damm Produktion: Sabine Herpich, Tobias Büchner
Freigegeben ohne Altersbeschränkunge (FSK Prüfkarte: pdf)
At the Mosaik art studio in Berlin, artists with disabilities are absorbed in their work. Sabine Herpich observes the artists in the course of creation and directs her gaze at the institution itself: its processes, staff and spaces. The film succeeds in maintaining its focus on the art itself rather than the handicaps of its creators. It is around these works that the institution takes form, thus coming into view first and foremost as an institution for art, not one for people with disabilities. The idea of art becomes holistic, encompassing the people who make it as well as the places where it is created; it means looking at the works, and talking about them, but also art as work, complete with working hours and wage. The filmmaker herself is not invisible. She asks the artists about their thoughts, ideas, methods. As the artists before the camera meet the gaze of the filmmaker, a heightened sense of attention and sensitivity is produced – for the moods of the works, their creators and observers, as well as for this film about art itself, with its gentle, yet not timid, precise yet non-restrictive form.
Mit: Adolf Beutler, Suzy van Zehlendorf, Gabriele Beer, Till Kalischer, Nina Pfannenstiel u. a.
Regie, Kamera, Montage: Sabine Herpich O‑Ton Schnitt, Mischung: Marilyn Janssen Color Grading: Florian Lampersberger Titel- und Plakatgestaltung: Ulrike Damm Produktion: Sabine Herpich, Tobias Büchner
Freigegeben ohne Altersbeschränkunge (FSK Prüfkarte: pdf)
Berlin, 1931: Ein Ort zwischen Untermiete und Unterwelt, wo Bordelle Ateliers sind, Nazis auf den Straßen pöbeln und man in Babelsberg vom „psychologischen Film“ träumt. Das Leben brodelt, die Gesellschaft gärt, korrodiert. Solange er noch Arbeit hat, verfasst der promovierte Germanist Jakob Fabian tagsüber Werbetexte, nachts zieht er mit Stephan Labude durch die schrägen Etablissements der Stadt. Während sein Freund – er wird später bekennen, „in den Fächern Leben und Beruf“ versagt zu haben – ein Draufgänger in Sachen Kommunismus und Sex ist, bleibt Fabian nüchtern und distanziert. Er wartet auf den „Sieg der Anständigkeit“, ohne recht daran zu glauben. Nur die Liebe zu Cornelia lässt ihn an seinem ironischen Fatalismus zweifeln. Sie wird zum Lichtblick in seinem zerrinnenden Leben. Erich Kästners tieftraurigen autobiografischen „Fabian“ – einen der bedeutendsten Romane der Weimarer Republik – aus seinem Schattendasein zu holen, ist bei allen Parallelen zum vermaledeiten Heute eine Herausforderung. Dominik Graf meistert sie kongenial: spitzfindig pointiert sein Stil, kaltschnäuzig flott, und doch von schweigsamer Melancholie. Ein Film wie eine Diskokugel, die sich langsam dreht. Über den Zusammenhang von Geschlechtsverkehr und leerem Kühlschrank – und den Zerfall des Traums vom Glück.
Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Credits:
DE 2021, 176 Min., Regie: Dominik Graf Kamera: Hanno Lentz Schnitt: Claudia Wolscht mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker, Michael Wittenborn
Berlin, 1931. A milieu between sublets and the underworld, where brothels are artists’ studios, Nazis are yelling abuse in the streets and Babelsberg is dreaming of producing “psychological cinema”. Life is surging, society is fermenting and corroding. As long as he still has a job, Jakob Fabian, who has a doctorate in German studies, writes advertising copy during the day and frequents the city’s more outlandish establishments with Stephan Labude at night. While his friend – who later confesses to having failed “in the subjects of life and profession” – is a go-getter when it comes to communism and sex, Fabian remains sober and distant. Without really believing in it, he is waiting for the “victory of decency”. His love for Cornelia is the only thing that makes him question his ironic fatalism. She becomes a ray of hope in his crumbling existence. Despite all the parallels with today’s maligned world, bringing Erich Kästner’s deeply sad, autobiographical “Fabian” – one of the most important novels of the Weimar Republic – out of the shadows is a challenge. Dominik Graf masters it brilliantly. His style is finely pointed, cold-bloodedly brisk and yet quietly melancholic. A film like a slowly turning disco ball, about the connections between sexual intercourse and an empty fridge – and the disintegration of the dream of happiness.
Fabian oder Der Gang vor die Hunde
Credits:
DE 2021, 176 Min., Regie: Dominik Graf Kamera: Hanno Lentz Schnitt: Claudia Wolscht mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker, Michael Wittenborn
Ein Haus mit Pool, inmitten eines akkurat geschnittenen grünen Rasens, Wald drumherum, ein Mann, ein Mädchen: trotz des etwas unwirklichen Eindrucks des Settings, der Tonspur und der Beziehung zwischen den beiden dauert es eine kleine Weile, bis sich diese Künstlichkeit mit einem aha-Effekt erklärt. Die Kleine, Ellie, – sie nennt den Mann Papa – ist weniger lebendig, als sie scheinen soll. Erinnerung soll sie lernen, und vieles andere, dazu ist sie da. Schwer erklärbar, aber sie entzieht sich dem und wird als „er“ den nächsten Ersatz-und Trost-Job annehmen. Sich mit Verlusten abzufinden, ist die Sache der realen Menschen nicht mehr. Man kann ja jetzt anders. So ist es die Geschichte einer Maschine und der Geister, die wir alle in uns tragen. “ … maximal produktive Verstörung, ein audiovisuelles Ereignis, streng, flirrend, in alle Richtungen offen. Nicht die Technik, verkörpert durch Ellie, ist pervers, sondern der Mensch, der sich nach Reinactments, nach einem Leben in der Fiktion, sehnt. Auf Ellies Pullover steht: Nature is the future.“ Jens Balkenborg | epd-Film Im ENCOUNTERS Wettbewerb der Berlinale 2020 wurde THETROUBLEWITHBEINGBORN mit dem SPEZIALPREISDERJURY ausgezeichnet.
Credits:
AU/DE 2020, 94 Min., Regie: Sandra Wollner Kamera: Timm Kröger Schnitt: Hannes Bruun mit Lena Watson, Dominik Warta, Ingrid Burkhard, Jana McKinnon
Somewhere in Central Europe, perhaps in the vicinity of Vienna, in the near future. Ten-year-old Elli is an android, as we soon learn. She takes shape through programming and this turns her into a fantasy figure. Firstly for a man she calls “Daddy” with whom she lies by the pool and for whom she dresses up in the house at the edge of the forest. Elli is the vessel for his memories, which mean nothing to her, but everything to him. One day he runs after a strange echo and gets lost in the darkness while Elli, who follows him, is picked up by strangers. A new identity awaits her, a new ghostly existence – as a blank screen onto which others can project their loss of the paradise that is childhood. Austria’s new voice for the nexus between desire and the abyss, fear and mystery, feeling and emptiness is Sandra Wollner. As in Das unmögliche Bild, in her provocative second feature film she develops the plot from a complex basic constellation (not the other way around) and reconstructs families that never existed. And so the machine becomes a mirror of human emotion, and the film a captivating ladder into virtual and psychological realities.
Credits:
AU/DE 2020, 94 Min., Regie: Sandra Wollner Kamera: Timm Kröger Schnitt: Hannes Bruun mit Lena Watson, Dominik Warta, Ingrid Burkhard, Jana McKinnon
In welcher Stadt war ich im Kino am häufigsten? Paris natürlich, es folgen ähnliche Ikonen der städtischen Topographie. Und Bukarest, dem Gegenteil des urbanen Sehnsuchtsortes. Was sich hier seit den 00ern vor meinen eigenen Augen auf der Leinwand abspielte, war eine der aufregendsten neuen Wellen voller Verve, Wut und Wahnsinn. Kommst du mit in den Alltag VII oder VIII. Aber nein, hier lieber nicht! Keine Romantik, kein Feel Good Lost Faktor, nur wegeloses Gewirr der Unorte.
Radu Jude war mit seinem ersten Spielfilm THEHAPPIESTGIRLINTHEWORLD auf der Berlinale (Forum 2009), mit EVERYBODYINTHEFAMILY ebenda (Forum 2012), mit AFERIM! gewann er 2015 den silbernen Bären. Dann 2020 mit UPPERCASEPRINT und als Co-Regisseur von THEEXITOFTHETRAINS doppelt im Forum vertreten. 2021 wählte die Jury aus RegisseurInnen, die in den vergangenen Jahren den Goldbären gewannen, BADLUCKBANGINGORLOONYPORN zum Gewinner des goldenen Bären 2021.
Das Thema der faschistischen Vergangenheit Rumäniens hat Radu Jude mit MIRISTESEGAL, OBWIRALSBARBARENINDIEGESCHICHTEEINGEHEN auf den Punkt gebracht, BADLUCK… taucht ebenso schnell und stilsicher in den Alltag einer Lehrerin ab, die durch den Upload eines privaten Sexfilms unter Verdacht der Teilnahme an und Verbreitung von PORNOGRAPHIE steht. Gedreht letzten Sommer kommt durch die Maskologie, die heuer kaum noch jemand missen möchte, ganz natürlich surreal daher. Die wundervollen Möglichkeiten der Manipulation der Realität durch die digitale Parallelwelt und die entsprechend gnadenlosen Bauchlandungen dank der immer noch existenten alten Welt mit ihren physischen Grenzen werden in Drehbüchern immer noch zu selten ausgelotet. Hier ein vergnügliches Beispiel für eine gelungene Abwärtsspirale im Wirrwarr der Realitäten, egal ob die Mall, der Wohnblock, das Internet. Ein Sommerfilm.
Bad Luck Banging or Loony Porn
Credits:
Babardeală cu bucluc sau porno balamuc Rumänien / Luxemburg / Kroatien / Tschechische Republik 2021, 108 Min., rumänische OmU Regie, Buch: Radu Jude Kamera: Marius Panduru Schnitt: Cătălin Cristuțiu mit Katia Pascariu, Claudia Ieremia, Olimpia Mălai, Nicodim Ungureanu, Alexandru Potocean
A video goes viral. It shows a man and a woman having sex while wearing masks. The woman is, nevertheless, identified. Too bad she is a teacher and supposed to be a role model. And this, moreover, in a (post-socialist but ultimately any) society that is about to get lost in a social network discourse of would-be healing squeaky-clean attitudes, pseudo-political knowing-it-all, sanctimonious chauvinism and grotesque conspiracy theories. Everyone has an opinion. The debate turns into a tribunal – about consensual sex, pornography and more. Always up for innovative cinematic experiments, Radu Jude has crafted from this constellation an intelligent, satirical triptych: with its nonchalantly precise camerawork and manic humour found in the stress of everyday life on Bucharest’s streets, the first part shows us what contemporary cinema at the documentary-fiction interface can look like. The second part is an offbeat series of laconic, static images intended as an encyclopaedia of the symbols of our time. The film’s grand – albeit open-ended – finale is a discussion held at the school in which judgement is passed on our heroine’s right to exist.
Bad Luck Banging or Loony Porn
Credits:
Babardeală cu bucluc sau porno balamuc Rumänien / Luxemburg / Kroatien / Tschechische Republik 2021, 108 Min., rumänische OmU Regie, Buch: Radu Jude Kamera: Marius Panduru Schnitt: Cătălin Cristuțiu mit Katia Pascariu, Claudia Ieremia, Olimpia Mălai, Nicodim Ungureanu, Alexandru Potocean
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