De Facto

Revolver Live! #64: Selma Doborac, De Facto – Das Unfassbare begreifen

Am 30.11.2025 um 20:00 Uhr fin­det REVOLVER LIVE! im fsk Kino statt. Gezeigt wird der viel­fach aus­ge­zeich­ne­te Film De Facto von Selma Doborac. Im Anschluss an das Screening fin­det ein Filmgespräch mit Selma Doborac und Franz Müller (Revolver) statt.

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Die Frage nach der Repräsentation his­to­ri­scher Täterschaft, die durch Auteurs wie Resnais, Marker und Lanzmann popu­la­ri­siert wur­de, ist eine mit der sich das Kino in sei­ner Bestrebung und Fähigkeit nach Besserung durch das gesam­te letz­te Jahrhundert ein­ge­hend beschäf­tigt hat. Und eine Vielzahl an Antworten fließt her­bei, genau­so wie Geschichte fließt und sich ereig­net, immer wei­te­re Fragen stel­lend – mit jedem unge­rech­ten Tod, mit jedem Massenmord, mit jedem Krieg und mit jedem Genozid, wes­halb sich auch das Kino mit der Repräsentation des­sen wei­ter­hin aus­ein­an­der­zu­set­zen haben wird – aber wie?
De Facto bie­tet eine mög­li­che Antwort dar­auf. Durch sei­ne rigo­ro­se und sehr prä­zi­se Form fin­det der Film Mittel, Täter sys­te­ma­tisch began­ge­ner Verbrechen der jün­ge­ren Zeitgeschichte zu reprä­sen­tie­ren, ihre Weltanschauung zwar son­die­rend und prü­fend ohne die­se jedoch jemals auf den Zuschauer zu repli­zie­ren. Das Ästhetische und das Politische des Filmes sind weit ent­fernt davon eine rein zwei­glied­ri­ge Formel anzu­bie­ten, im Gegenteil – sie sind eine und die­sel­be Energie, gebün­delt in einer her­aus­for­dern­den Tour de Force. (Flavia Dima)

Mehr noch als die Sprache ver­gan­ge­ner Verbrechen auf­zu­zeich­nen, zu bewah­ren, geht es Doborac dar­um, in einem abs­trakt-gebau­ten, aber mit der Wirklichkeit im Austausch ste­hen­den Setting, von dem zu berich­ten, was man nicht so ein­fach als Geschichte abhef­ten kann. Oder noch simp­ler: Dieser Film lässt sich wie eine Schablone auf Genozide, Kriegsverbrechen oder Reden von Diktatoren legen. Er beinhal­tet eine gleich­blei­ben­de Wahrheit. Sie zu erken­nen, ist die Arbeit des Films. Sie zu unter­bin­den, läge an uns. Dass man die­se vom Film evo­zier­te Zeitlichkeit nur erlebt, wenn man sich die kom­plet­te Dauer (sowohl einer Einstellung als auch des gesam­ten Films) aus­setzt, ist in der heu­ti­gen Zeit fast ein Anachronismus. Zuhören ist ein Anachronismus. Gleichzeitig aber erin­nert genau die­ses Ausgeliefertsein an die eigen­tüm­li­che Kraft des Mediums. Man hört zu und erlebt so selbst kör­per­lich, was es bedeu­tet, sich bewusst zu wer­den, zu was Menschen fähig sind.“ (Patrick Holzapfel, DE FACTO – Hervorgeholtes ver­ge­gen­wär­tigt, Fidback, Revue de ciné­ma, Print-Ausgabe #0, September 2024)

Die iden­ti­täts­po­li­ti­sche Frage des ‚Wer spricht?’ wird in DE FACTO von Beginn an aus gutem Grund unter­lau­fen. Denn es sind gera­de die schein­bar kla­ren Positionierungen, die in Bezug auf poli­ti­sche Gewalt eine fal­sche Sicherheit ver­spre­chen. In jah­re­lan­ger Recherche hat die Regisseurin Selma Doborac unter­schied­lichs­te Quellen stu­diert, dar­un­ter Gerichtsprotokolle aus Den Haag, Zeugenaussagen und Täterberichte aus einer Vielzahl geschicht­li­cher Kontexte. An ihnen zei­gen sich uni­ver­sel­le Dynamiken von Gewalt, die über das Historisch-Spezifische der Verbrechen hin­aus­ge­hen. Sich mit ihnen zu kon­fron­tie­ren, ver­un­si­chert mora­li­sche Gewissheiten und Distanzierungen, weil die beun­ru­hi­gen­de Möglichkeit ihrer Wiederkehr ins Bewusstsein rückt. Zugleich wird dadurch aber erst eine tief­grei­fen­de ana­ly­ti­sche Reflexion mög­lich, die der Unmenschlichkeit etwas ent­ge­gen­set­zen kann.“ (Silvia Bahl, Nichts unge­heue­rer als der Mensch. Der Caligari-Preisträgerfilm DE FACTO, Filmdienst, März 2023)

Credits:

AT/DE 2023, 130 Min., deut­sche OmeU
Drehbuch, Regie, Schnitt, Produktion: Selma Doborac
Kamera: Klemens Hufnagl
Ton: Claus Benischke-Lang
Tonmischung: Jochen Jezussek
Musik: Didi Kern & Philipp Quehenberger
Casting: Ulrike Müller
Objekte: Heimo Zobernig & Franz West
Mit: Christoph Bach, Cornelius Obonya

Trailer:
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