Am 30.11.2025 um 20:00 Uhr findet REVOLVER LIVE! im fsk Kino statt. Gezeigt wird der vielfach ausgezeichnete Film De Facto von Selma Doborac. Im Anschluss an das Screening findet ein Filmgespräch mit Selma Doborac und Franz Müller (Revolver) statt.
Die Frage nach der Repräsentation historischer Täterschaft, die durch Auteurs wie Resnais, Marker und Lanzmann popularisiert wurde, ist eine mit der sich das Kino in seiner Bestrebung und Fähigkeit nach Besserung durch das gesamte letzte Jahrhundert eingehend beschäftigt hat. Und eine Vielzahl an Antworten fließt herbei, genauso wie Geschichte fließt und sich ereignet, immer weitere Fragen stellend – mit jedem ungerechten Tod, mit jedem Massenmord, mit jedem Krieg und mit jedem Genozid, weshalb sich auch das Kino mit der Repräsentation dessen weiterhin auseinanderzusetzen haben wird – aber wie?
De Facto bietet eine mögliche Antwort darauf. Durch seine rigorose und sehr präzise Form findet der Film Mittel, Täter systematisch begangener Verbrechen der jüngeren Zeitgeschichte zu repräsentieren, ihre Weltanschauung zwar sondierend und prüfend ohne diese jedoch jemals auf den Zuschauer zu replizieren. Das Ästhetische und das Politische des Filmes sind weit entfernt davon eine rein zweigliedrige Formel anzubieten, im Gegenteil – sie sind eine und dieselbe Energie, gebündelt in einer herausfordernden Tour de Force. (Flavia Dima)
„Mehr noch als die Sprache vergangener Verbrechen aufzuzeichnen, zu bewahren, geht es Doborac darum, in einem abstrakt-gebauten, aber mit der Wirklichkeit im Austausch stehenden Setting, von dem zu berichten, was man nicht so einfach als Geschichte abheften kann. Oder noch simpler: Dieser Film lässt sich wie eine Schablone auf Genozide, Kriegsverbrechen oder Reden von Diktatoren legen. Er beinhaltet eine gleichbleibende Wahrheit. Sie zu erkennen, ist die Arbeit des Films. Sie zu unterbinden, läge an uns. Dass man diese vom Film evozierte Zeitlichkeit nur erlebt, wenn man sich die komplette Dauer (sowohl einer Einstellung als auch des gesamten Films) aussetzt, ist in der heutigen Zeit fast ein Anachronismus. Zuhören ist ein Anachronismus. Gleichzeitig aber erinnert genau dieses Ausgeliefertsein an die eigentümliche Kraft des Mediums. Man hört zu und erlebt so selbst körperlich, was es bedeutet, sich bewusst zu werden, zu was Menschen fähig sind.“ (Patrick Holzapfel, DE FACTO – Hervorgeholtes vergegenwärtigt, Fidback, Revue de cinéma, Print-Ausgabe #0, September 2024)
„Die identitätspolitische Frage des ‚Wer spricht?’ wird in DE FACTO von Beginn an aus gutem Grund unterlaufen. Denn es sind gerade die scheinbar klaren Positionierungen, die in Bezug auf politische Gewalt eine falsche Sicherheit versprechen. In jahrelanger Recherche hat die Regisseurin Selma Doborac unterschiedlichste Quellen studiert, darunter Gerichtsprotokolle aus Den Haag, Zeugenaussagen und Täterberichte aus einer Vielzahl geschichtlicher Kontexte. An ihnen zeigen sich universelle Dynamiken von Gewalt, die über das Historisch-Spezifische der Verbrechen hinausgehen. Sich mit ihnen zu konfrontieren, verunsichert moralische Gewissheiten und Distanzierungen, weil die beunruhigende Möglichkeit ihrer Wiederkehr ins Bewusstsein rückt. Zugleich wird dadurch aber erst eine tiefgreifende analytische Reflexion möglich, die der Unmenschlichkeit etwas entgegensetzen kann.“ (Silvia Bahl, Nichts ungeheuerer als der Mensch. Der Caligari-Preisträgerfilm DE FACTO, Filmdienst, März 2023)


Credits:
AT/DE 2023, 130 Min., deutsche OmeU
Drehbuch, Regie, Schnitt, Produktion: Selma Doborac
Kamera: Klemens Hufnagl
Ton: Claus Benischke-Lang
Tonmischung: Jochen Jezussek
Musik: Didi Kern & Philipp Quehenberger
Casting: Ulrike Müller
Objekte: Heimo Zobernig & Franz West
Mit: Christoph Bach, Cornelius Obonya
Trailer:
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