Ein junger Filmemacher, der sich von der eigenen Biografie und Lebensgeschichte inspirieren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen…. Sein neuer Film Sad Jokes etwa ist eine direkte Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwischen Uraufführung und Kinostart seines ersten Films schon an den Ideen für den nächsten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurückliegende Trennung vom Ex doch noch nicht so wirklich hinweg ist, während das Kümmern um den kleinen Sohn dadurch erschwert wird, dass dessen Mutter und Josephs beste Freundin Sonya mit schweren Depressionen kämpft. Die traurigen Witze, die Stumms fantastischem Film seinen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes vereint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hierzulande eher selten gelingt. … Wobei Stumm, der obendrein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letztere so echt, glaubwürdig und witzig schreibt wie lange niemand mehr im deutschen Kino. Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er seinen Schauspielenden (darunter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer einzigen Szene eine wunderbare Bühne zum Glänzen bietet. Und weil es nicht nur ein berührender Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, sondern nebenbei auch mit großer Selbstverständlichkeit wichtige Themen wie queere Elternschaft oder psychische Gesundheit verhandelt … ohne je überfrachtet zu wirken. Patrick Heidmann | indiekino INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neuen Films erzählen verschiedene Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen persönlich am besten? Fabian Stumm: Ich kann mich schwer entscheiden. Ich glaube, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist meine Mutter. Sie ist die Komikerin in unserer Familie. Aber sie vertut sich, wie man sieht, gerne mal in der Pointe.
Credits:
DE 2024, 96 Min., in deutsch mit englischen Untertiteln Regie: Fabian Stumm Kamera: Michael Bennett Schnitt: Kaspar Panizza mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem
Ein junger Filmemacher, der sich von der eigenen Biografie und Lebensgeschichte inspirieren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen…. Sein neuer Film Sad Jokes etwa ist eine direkte Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwischen Uraufführung und Kinostart seines ersten Films schon an den Ideen für den nächsten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurückliegende Trennung vom Ex doch noch nicht so wirklich hinweg ist, während das Kümmern um den kleinen Sohn dadurch erschwert wird, dass dessen Mutter und Josephs beste Freundin Sonya mit schweren Depressionen kämpft. Die traurigen Witze, die Stumms fantastischem Film seinen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes vereint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hierzulande eher selten gelingt. … Wobei Stumm, der obendrein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letztere so echt, glaubwürdig und witzig schreibt wie lange niemand mehr im deutschen Kino. Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er seinen Schauspielenden (darunter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer einzigen Szene eine wunderbare Bühne zum Glänzen bietet. Und weil es nicht nur ein berührender Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, sondern nebenbei auch mit großer Selbstverständlichkeit wichtige Themen wie queere Elternschaft oder psychische Gesundheit verhandelt … ohne je überfrachtet zu wirken. Patrick Heidmann | indiekino INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neuen Films erzählen verschiedene Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen persönlich am besten? Fabian Stumm: Ich kann mich schwer entscheiden. Ich glaube, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist meine Mutter. Sie ist die Komikerin in unserer Familie. Aber sie vertut sich, wie man sieht, gerne mal in der Pointe.
Credits:
DE 2024, 96 Min., in deutsch mit englischen Untertiteln Regie: Fabian Stumm Kamera: Michael Bennett Schnitt: Kaspar Panizza mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem
Über drei Jahre begleitet die Filmemacherin Ruth Beckermann eine Klasse im Alter von sieben bis zehn Jahren und ihre engagierte Lehrerin in einer großen Schule im Wiener Bezirk Favoriten. Der Film nimmt uns mit in den Unterricht und lässt uns die täglichen Abenteuer, Kämpfe, Niederlagen und Erfolge der Kinder ganz nah miterleben. Der Stadtteil Favoriten war einst ein Arbeiterbezirk, heute spricht ein Großteil der Kinder an den dortigen Grundschulen nicht Deutsch als Erstsprache. Mit großer Sensibilität begleitet der Film die Kinder, während ihre Lehrerin ihnen dabei hilft, einen Platz in einer Welt zu finden, in der sie sich oft nicht zugehörig fühlen. Indem wir die „Favoriten“ kennen lernen, erleben wir mit ihnen eine bewegte Zeit, die ihre Zukunft entscheidend prägen wird.
Ruth Beckermanns neuer Film ist eine Langzeitbeobachtung, die den Blick auf die strukturellen Probleme im Schulsystem lenkt und die Perspektive der Kinder ernst nimmt. Ein erstaunlich heiteres Porträt einer ungewöhnlichen Gemeinschaft, das Fragen stellt, auf die viele von uns eine Antwort suchen. Ein Film über das Lehren und das Lernen und darüber, wie die Zukunft unserer Gesellschaft auch im Klassenzimmer ausgehandelt wird.
Credits:
AT 2024, 118 Min. Regie: Ruth Beckermann Kamera: Johannes Hammel Schnitt: Dieter Pichler
Trailer:
Favoriten (offizieller Trailer) – Ein Film von Ruth Beckermann
„Weißt du noch, was du werden wolltest, als du noch klein warst? Du wolltest Ärztin werden. Mama wollte immer, dass du Arzthelferin wirst. Aber du wolltest Ärztin werden“, erzählt Semra einmal zu ihrer kleinen Schwester Hazal, um sie aufzumuntern. Die kühle Antwort: „Ich wollte nie Ärztin werden. Als ich klein war, wollte ich Popstar werden.“ Ob Ärztin, Arzthelferin oder Popstar, bis dato kann die junge Frau aus dem Wedding trotz vieler Bewerbungen überhaupt keinen Beruf oder Ausbildungsplatz vorweisen, nicht zu einer einzigen Vorstellung wurde sie eingeladen. Das stresst und frustriert, doch an ihrem 18. Geburtstag soll gefeiert werden, dass es kracht, und der gemeine Alltag bleibt daheim. Mit den Freundinnen Elma, Gül und Ebru zieht Hazel durch die Stadt, Höhepunkt soll der Besuch im coolsten Club der Stadt sein, doch dort ist Schluss: kein Einlass, da zu aufgebrezelt. Die extreme Wut über die erneute Zurückweisung entlädt sich bei Hazel in einer Weise, dass sie als Ausweg nur noch die Flucht aus dem Land sieht, und so sitzt sie schon am nächsten Tag in dem ihr unbekannten Istanbul. Konnte sie in Berlin wegen ihrer türkischen Backgrounds nie richtig ankommen, findet sie sich in der für sie fremden Türkei auch nicht zurecht. Die Berliner Regisseurin Asli Özarslan (ihr Dokumentarfilm Dil Leyla war 2017 bei uns zu sehen), verfilmt hier den gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir konsequent aus junger, weiblicher, migrantischer Perspektive. Die Protagonistin möchte eigentlich ein für sie normales Leben führen, wehrt sich aber gegen alle ihr von verschiedenen Seiten zugeschriebenen Rollen, in Deutschland wie in der Türkei, und gerät so zwischen alle Stühle. Mit größtmöglicher Präzision und Einfühlung erzählt Ellbogen die Geschichte eines der vielen jungen Menschen, die aus der Gesellschaft verdrängt werden, die eigentlich die ihre ist.
Credits:
DE/TK/FR 2024, 86 Min., Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Aslı Özarslan Kamera: Andac Karabeyoglu-Thomas Schnitt: David J. Achilles, Ana Branea mit: Melia Kara, Doğa Gürer, Jale Arıkan, Haydar Şahin, Orhan Kiliç, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Mina Sağdıç
Über drei Jahre begleitet die Filmemacherin Ruth Beckermann eine Klasse im Alter von sieben bis zehn Jahren und ihre engagierte Lehrerin in einer großen Schule im Wiener Bezirk Favoriten. Der Film nimmt uns mit in den Unterricht und lässt uns die täglichen Abenteuer, Kämpfe, Niederlagen und Erfolge der Kinder ganz nah miterleben. Der Stadtteil Favoriten war einst ein Arbeiterbezirk, heute spricht ein Großteil der Kinder an den dortigen Grundschulen nicht Deutsch als Erstsprache. Mit großer Sensibilität begleitet der Film die Kinder, während ihre Lehrerin ihnen dabei hilft, einen Platz in einer Welt zu finden, in der sie sich oft nicht zugehörig fühlen. Indem wir die „Favoriten“ kennen lernen, erleben wir mit ihnen eine bewegte Zeit, die ihre Zukunft entscheidend prägen wird.
Ruth Beckermanns neuer Film ist eine Langzeitbeobachtung, die den Blick auf die strukturellen Probleme im Schulsystem lenkt und die Perspektive der Kinder ernst nimmt. Ein erstaunlich heiteres Porträt einer ungewöhnlichen Gemeinschaft, das Fragen stellt, auf die viele von uns eine Antwort suchen. Ein Film über das Lehren und das Lernen und darüber, wie die Zukunft unserer Gesellschaft auch im Klassenzimmer ausgehandelt wird.
„In dem Film verschränken sich strukturelle und individuelle Perspektiven. Denn zum einen wirft „Favoriten“ einen Blick auf ein von Mangel und Ungleichheit bestimmtes Bildungssystem, in dem bei aller Einfühlsamkeit und Hingabe der Lehrerin, die von Deutsch, Mathe über den Schwimmunterricht bis hin zum Klassenausflug alles zu verantworten hat, am Ende nur die Leistung zählt. Zum anderen sieht man jungen Individuen dabei zu, wie sie Welt, Sprache und soziales Miteinander begreifen, wie sie an Aufgaben wachsen und daran scheitern, wie sie verzweifeln und neuen Mut fassen. Dieser überaus lebendige Raum, den zu betrachten schön ist, anrührend, traurig und manchmal auch lustig, steht in „Favoriten“ im Zentrum, auch wenn das Systemische immer mitwirkt. Je näher die Schüler:innen dem Moment kommen, an dem sich ihre weitere Schulbildung entscheidet – Mittelschule oder, was für die wenigsten von ihnen in Betracht kommt, der Übertritt ins Gymnasium – arbeitet sich das in den Vordergrund.“ Esther Buss | Filmdienst
Credits:
AT 2024, 118 Min., in deutsch mit englischen Untertiteln Regie: Ruth Beckermann Kamera: Johannes Hammel Schnitt: Dieter Pichler
Trailer:
Favoriten (offizieller Trailer) – Ein Film von Ruth Beckermann
Ein junger Filmemacher, der sich von der eigenen Biografie und Lebensgeschichte inspirieren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen…. Sein neuer Film Sad Jokes etwa ist eine direkte Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwischen Uraufführung und Kinostart seines ersten Films schon an den Ideen für den nächsten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurückliegende Trennung vom Ex doch noch nicht so wirklich hinweg ist, während das Kümmern um den kleinen Sohn dadurch erschwert wird, dass dessen Mutter und Josephs beste Freundin Sonya mit schweren Depressionen kämpft. Die traurigen Witze, die Stumms fantastischem Film seinen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes vereint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hierzulande eher selten gelingt. … Wobei Stumm, der obendrein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letztere so echt, glaubwürdig und witzig schreibt wie lange niemand mehr im deutschen Kino. Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er seinen Schauspielenden (darunter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer einzigen Szene eine wunderbare Bühne zum Glänzen bietet. Und weil es nicht nur ein berührender Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, sondern nebenbei auch mit großer Selbstverständlichkeit wichtige Themen wie queere Elternschaft oder psychische Gesundheit verhandelt … ohne je überfrachtet zu wirken. Patrick Heidmann | indiekino INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neuen Films erzählen verschiedene Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen persönlich am besten? Fabian Stumm: Ich kann mich schwer entscheiden. Ich glaube, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist meine Mutter. Sie ist die Komikerin in unserer Familie. Aber sie vertut sich, wie man sieht, gerne mal in der Pointe.
Credits:
DE 2024, 96 Min., in deutsch mit englischen Untertiteln Regie: Fabian Stumm Kamera: Michael Bennett Schnitt: Kaspar Panizza mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem
Richtig fassungslos war ich, als gegen Ende des Filmes der bis 2022 aktive Geistliche Vorsteher der Brüdergemeinde geradezu dreist Erkenntnisse aus der Soziologie umdreht und die Traumata und psychischen Schwierigkeiten der ehemaligen Heimkinder quasi deren „niederer“ Geburt zuschreibt. Ebenso erschreckend ist die Beschwerde eines gläubigen Ehepaars, wahrscheinlich stellvertretend für dortige Bürger, dass ihre Spenden an die Brüdergemeinde jetzt als Schmerzensgeld für die Opfer verwendet werden. Internate, Klöster, Waisenhäuser, Sportvereine … die Liste ließe sich lange fortsetzen. Immer wieder kommen überall neue Fälle von Missbrauch von Schutzbefohlenen ans Licht. 2014 geriet die Evangelische Brüdergemeinde in Korntal, einem beschaulichen Ort in der Nähe von Stuttgart, in den Fokus. Ein ehemaliger Zögling hatte sich aufraffen können, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, anstatt sich umzubringen, wie einige seiner früheren Leidensgenossen. Daraufhin meldeten sich über 170 weitere Betroffene, die in dem Heim bis weit in die 2000er Jahre hinein ebenfalls systematischer psychischer, körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, ausgeübt von Angehörigen der pietistischen Bruderschaft, Hausangestellten oder sogenannten Pateneltern im Ort. Die Kinder waren Waisen oder kamen aus „schwierigen Verhältnissen“, es gab keinerlei Kontrolle, sie waren ihren Peinigern ausgeliefert. Schwer traumatisiert und nicht selten gebrochen gehen sie als Erwachsene durchs Leben. Sechs von ihnen berichten vom Erlebten, dazu kommen Mitglieder der „Aufklärungskommission“, ranghohe Gemeindemitglieder und Ortsansässige zu Wort.
„Je länger Die Kinder aus Korntal läuft, desto deutlicher wird, dass das Einstehen für die schwere Schuld, die die Brüdergemeinde auf sich geladen hat, und eine echte Aufarbeitung der Taten noch lange nicht passiert sind. Vielmehr schwingt unterschwellig immer das Gefühl mit: Jetzt muss es auch mal gut sein mit dieser leidigen alten Geschichte.“ Elisa Reznicek | Haus des Dokumentarfilms
Credits:
DE 2023, 90 Min., Deutsch mit englischen Untertiteln Regie: Julia Charakter Kamera: Jonas Eckert Schnitt: Jonas Eckert, Julia Charakter
„Weißt du noch, was du werden wolltest, als du noch klein warst? Du wolltest Ärztin werden. Mama wollte immer, dass du Arzthelferin wirst. Aber du wolltest Ärztin werden“, erzählt Semra einmal zu ihrer kleinen Schwester Hazal, um sie aufzumuntern. Die kühle Antwort: „Ich wollte nie Ärztin werden. Als ich klein war, wollte ich Popstar werden.“ Ob Ärztin, Arzthelferin oder Popstar, bis dato kann die junge Frau aus dem Wedding trotz vieler Bewerbungen überhaupt keinen Beruf oder Ausbildungsplatz vorweisen, nicht zu einer einzigen Vorstellung wurde sie eingeladen. Das stresst und frustriert, doch an ihrem 18. Geburtstag soll gefeiert werden, dass es kracht, und der gemeine Alltag bleibt daheim. Mit den Freundinnen Elma, Gül und Ebru zieht Hazel durch die Stadt, Höhepunkt soll der Besuch im coolsten Club der Stadt sein, doch dort ist Schluss: kein Einlass, da zu aufgebrezelt. Die extreme Wut über die erneute Zurückweisung entlädt sich bei Hazel in einer Weise, dass sie als Ausweg nur noch die Flucht aus dem Land sieht, und so sitzt sie schon am nächsten Tag in dem ihr unbekannten Istanbul. Konnte sie in Berlin wegen ihrer türkischen Backgrounds nie richtig ankommen, findet sie sich in der für sie fremden Türkei auch nicht zurecht. Die Berliner Regisseurin Asli Özarslan (ihr Dokumentarfilm Dil Leyla war 2017 bei uns zu sehen), verfilmt hier den gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir konsequent aus junger, weiblicher, migrantischer Perspektive. Die Protagonistin möchte eigentlich ein für sie normales Leben führen, wehrt sich aber gegen alle ihr von verschiedenen Seiten zugeschriebenen Rollen, in Deutschland wie in der Türkei, und gerät so zwischen alle Stühle. Mit größtmöglicher Präzision und Einfühlung erzählt Ellbogen die Geschichte eines der vielen jungen Menschen, die aus der Gesellschaft verdrängt werden, die eigentlich die ihre ist.
Credits:
DE/TK/FR 2024, 86 Min., Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Aslı Özarslan Kamera: Andac Karabeyoglu-Thomas Schnitt: David J. Achilles, Ana Branea mit: Melia Kara, Doğa Gürer, Jale Arıkan, Haydar Şahin, Orhan Kiliç, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Mina Sağdıç
Über drei Jahre begleitet die Filmemacherin Ruth Beckermann eine Klasse im Alter von sieben bis zehn Jahren und ihre engagierte Lehrerin in einer großen Schule im Wiener Bezirk Favoriten. Der Film nimmt uns mit in den Unterricht und lässt uns die täglichen Abenteuer, Kämpfe, Niederlagen und Erfolge der Kinder ganz nah miterleben. Der Stadtteil Favoriten war einst ein Arbeiterbezirk, heute spricht ein Großteil der Kinder an den dortigen Grundschulen nicht Deutsch als Erstsprache. Mit großer Sensibilität begleitet der Film die Kinder, während ihre Lehrerin ihnen dabei hilft, einen Platz in einer Welt zu finden, in der sie sich oft nicht zugehörig fühlen. Indem wir die „Favoriten“ kennen lernen, erleben wir mit ihnen eine bewegte Zeit, die ihre Zukunft entscheidend prägen wird.
Ruth Beckermanns neuer Film ist eine Langzeitbeobachtung, die den Blick auf die strukturellen Probleme im Schulsystem lenkt und die Perspektive der Kinder ernst nimmt. Ein erstaunlich heiteres Porträt einer ungewöhnlichen Gemeinschaft, das Fragen stellt, auf die viele von uns eine Antwort suchen. Ein Film über das Lehren und das Lernen und darüber, wie die Zukunft unserer Gesellschaft auch im Klassenzimmer ausgehandelt wird.
„In dem Film verschränken sich strukturelle und individuelle Perspektiven. Denn zum einen wirft „Favoriten“ einen Blick auf ein von Mangel und Ungleichheit bestimmtes Bildungssystem, in dem bei aller Einfühlsamkeit und Hingabe der Lehrerin, die von Deutsch, Mathe über den Schwimmunterricht bis hin zum Klassenausflug alles zu verantworten hat, am Ende nur die Leistung zählt. Zum anderen sieht man jungen Individuen dabei zu, wie sie Welt, Sprache und soziales Miteinander begreifen, wie sie an Aufgaben wachsen und daran scheitern, wie sie verzweifeln und neuen Mut fassen. Dieser überaus lebendige Raum, den zu betrachten schön ist, anrührend, traurig und manchmal auch lustig, steht in „Favoriten“ im Zentrum, auch wenn das Systemische immer mitwirkt. Je näher die Schüler:innen dem Moment kommen, an dem sich ihre weitere Schulbildung entscheidet – Mittelschule oder, was für die wenigsten von ihnen in Betracht kommt, der Übertritt ins Gymnasium – arbeitet sich das in den Vordergrund.“ Esther Buss | Filmdienst
Credits:
AT 2024, 118 Min., in deutsch mit englischen Untertiteln Regie: Ruth Beckermann Kamera: Johannes Hammel Schnitt: Dieter Pichler
Trailer:
Favoriten (offizieller Trailer) – Ein Film von Ruth Beckermann
Ist es das schlechte Gewissen, hilflose Panik, Einsicht oder Angst vor den Konsequenzen, was den Architekten Lutz dazu bringt, die 14-jährige Irsa zurück nach Albanien zu bringen? Nach der Pleite seines eigenen Büros bekam von einem Kollegen gnadenhalber einen Job als Bauleiter bei einem Projekt für Luxuswohnungen. Auch alle erforderlichen Maßnahmen jenseits der Grauzone, die zur Einhaltung von Terminen und Ausgaben nötig sind, fallen in seinen Aufgaben- und Verantwortungsbereich, so auch, wie hier, Unfälle. Ein illegal beschäftigter Bauarbeiter aus Albanien verunglückt tödlich und muss unauffällig beseitigt werden. Überraschend jedoch verschafft sich am nächsten Tag Irsa, die junge Tochter des Mannes, dessen Leiche Lutz gerade im Fluss versenkt hat, Zugang zur Baustelle. Während er gerade mit einem Investoren-Paar verhandelt und Aussicht auf einen beruflichen Neustart im großen Stil wittert, lässt sie nicht locker bei der Suche nach dem Vater. In die Enge gedrängt, macht er sich mit dem Mädchen auf Richtung Süden. Angenehm zurückhaltend, ohne spektakuläre Szenen erzählt erzählt der Film von ungeheuerlicher, aber alltäglicher Realität: „Die Baubranche mit ihren vielen illegal beschäftigten unsichtbaren ArbeiterInnen bildet die Kulisse für Lutz und Irsa. Der tragische Unfall in der Hafencity Hamburg im November 2023 mit fünf Toten verdeutlicht die Vulnerabilität illegal beschäftigter MigrantInnen, insbesondere derer aus Herkunftsländern, die weder EU- noch Schengen-Mitglied sind. Irsas Suche nach ihrem Vater und ihrem Grundbedürfnis nach einem Dach über dem Kopf stehen im krassen Kontrast zu Lutz‘ Streben nach beruflichem Erfolg. Die erzwungene Verbindung zwischen ihnen wirft Fragen nach Schuld und dem System der Ausbeutung auf…“ Tuna Kaptan
Credits:
DE 2023, 86 Min., Deutsch, Englisch, Albanisch mit dt. UT Regie: Tuna Kaptan Kamera: Ben Bernhard Schnitt: Beatrice Babin mit: Angjela Prenci, Peter Schneider
Richtig fassungslos war ich, als gegen Ende des Filmes der bis 2022 aktive Geistliche Vorsteher der Brüdergemeinde geradezu dreist Erkenntnisse aus der Soziologie umdreht und die Traumata und psychischen Schwierigkeiten der ehemaligen Heimkinder quasi deren „niederer“ Geburt zuschreibt. Ebenso erschreckend ist die Beschwerde eines gläubigen Ehepaars, wahrscheinlich stellvertretend für dortige Bürger, dass ihre Spenden an die Brüdergemeinde jetzt als Schmerzensgeld für die Opfer verwendet werden. Internate, Klöster, Waisenhäuser, Sportvereine … die Liste ließe sich lange fortsetzen. Immer wieder kommen überall neue Fälle von Missbrauch von Schutzbefohlenen ans Licht. 2014 geriet die Evangelische Brüdergemeinde in Korntal, einem beschaulichen Ort in der Nähe von Stuttgart, in den Fokus. Ein ehemaliger Zögling hatte sich aufraffen können, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, anstatt sich umzubringen, wie einige seiner früheren Leidensgenossen. Daraufhin meldeten sich über 170 weitere Betroffene, die in dem Heim bis weit in die 2000er Jahre hinein ebenfalls systematischer psychischer, körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, ausgeübt von Angehörigen der pietistischen Bruderschaft, Hausangestellten oder sogenannten Pateneltern im Ort. Die Kinder waren Waisen oder kamen aus „schwierigen Verhältnissen“, es gab keinerlei Kontrolle, sie waren ihren Peinigern ausgeliefert. Schwer traumatisiert und nicht selten gebrochen gehen sie als Erwachsene durchs Leben. Sechs von ihnen berichten vom Erlebten, dazu kommen Mitglieder der „Aufklärungskommission“, ranghohe Gemeindemitglieder und Ortsansässige zu Wort.
„Je länger Die Kinder aus Korntal läuft, desto deutlicher wird, dass das Einstehen für die schwere Schuld, die die Brüdergemeinde auf sich geladen hat, und eine echte Aufarbeitung der Taten noch lange nicht passiert sind. Vielmehr schwingt unterschwellig immer das Gefühl mit: Jetzt muss es auch mal gut sein mit dieser leidigen alten Geschichte.“ Elisa Reznicek | Haus des Dokumentarfilms
Credits:
DE 2023, 90 Min., Deutsch mit englischen Untertiteln Regie: Julia Charakter Kamera: Jonas Eckert Schnitt: Jonas Eckert, Julia Charakter
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