Ein junger Filmemacher, der sich von der eigenen Biografie und Lebensgeschichte inspirieren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen…. Sein neuer Film Sad Jokes etwa ist eine direkte Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwischen Uraufführung und Kinostart seines ersten Films schon an den Ideen für den nächsten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurückliegende Trennung vom Ex doch noch nicht so wirklich hinweg ist, während das Kümmern um den kleinen Sohn dadurch erschwert wird, dass dessen Mutter und Josephs beste Freundin Sonya mit schweren Depressionen kämpft. Die traurigen Witze, die Stumms fantastischem Film seinen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes vereint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hierzulande eher selten gelingt. … Wobei Stumm, der obendrein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letztere so echt, glaubwürdig und witzig schreibt wie lange niemand mehr im deutschen Kino. Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er seinen Schauspielenden (darunter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer einzigen Szene eine wunderbare Bühne zum Glänzen bietet. Und weil es nicht nur ein berührender Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, sondern nebenbei auch mit großer Selbstverständlichkeit wichtige Themen wie queere Elternschaft oder psychische Gesundheit verhandelt … ohne je überfrachtet zu wirken. Patrick Heidmann | indiekino INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neuen Films erzählen verschiedene Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen persönlich am besten? Fabian Stumm: Ich kann mich schwer entscheiden. Ich glaube, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist meine Mutter. Sie ist die Komikerin in unserer Familie. Aber sie vertut sich, wie man sieht, gerne mal in der Pointe.
Credits:
DE 2024, 96 Min., deutsch-englisch-schwedisch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln Regie: Fabian Stumm Kamera: Michael Bennett Schnitt: Kaspar Panizza mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem
Ein junger Filmemacher, der sich von der eigenen Biografie und Lebensgeschichte inspirieren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen…. Sein neuer Film Sad Jokes etwa ist eine direkte Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwischen Uraufführung und Kinostart seines ersten Films schon an den Ideen für den nächsten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurückliegende Trennung vom Ex doch noch nicht so wirklich hinweg ist, während das Kümmern um den kleinen Sohn dadurch erschwert wird, dass dessen Mutter und Josephs beste Freundin Sonya mit schweren Depressionen kämpft. Die traurigen Witze, die Stumms fantastischem Film seinen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes vereint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hierzulande eher selten gelingt. … Wobei Stumm, der obendrein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letztere so echt, glaubwürdig und witzig schreibt wie lange niemand mehr im deutschen Kino. Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er seinen Schauspielenden (darunter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer einzigen Szene eine wunderbare Bühne zum Glänzen bietet. Und weil es nicht nur ein berührender Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, sondern nebenbei auch mit großer Selbstverständlichkeit wichtige Themen wie queere Elternschaft oder psychische Gesundheit verhandelt … ohne je überfrachtet zu wirken. Patrick Heidmann | indiekino INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neuen Films erzählen verschiedene Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen persönlich am besten? Fabian Stumm: Ich kann mich schwer entscheiden. Ich glaube, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist meine Mutter. Sie ist die Komikerin in unserer Familie. Aber sie vertut sich, wie man sieht, gerne mal in der Pointe.
Credits:
DE 2024, 96 Min., deutsch-englisch-schwedisch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln Regie: Fabian Stumm Kamera: Michael Bennett Schnitt: Kaspar Panizza mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem
Ein junger Filmemacher, der sich von der eigenen Biografie und Lebensgeschichte inspirieren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen…. Sein neuer Film Sad Jokes etwa ist eine direkte Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwischen Uraufführung und Kinostart seines ersten Films schon an den Ideen für den nächsten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurückliegende Trennung vom Ex doch noch nicht so wirklich hinweg ist, während das Kümmern um den kleinen Sohn dadurch erschwert wird, dass dessen Mutter und Josephs beste Freundin Sonya mit schweren Depressionen kämpft. Die traurigen Witze, die Stumms fantastischem Film seinen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes vereint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hierzulande eher selten gelingt. … Wobei Stumm, der obendrein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letztere so echt, glaubwürdig und witzig schreibt wie lange niemand mehr im deutschen Kino. Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er seinen Schauspielenden (darunter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer einzigen Szene eine wunderbare Bühne zum Glänzen bietet. Und weil es nicht nur ein berührender Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, sondern nebenbei auch mit großer Selbstverständlichkeit wichtige Themen wie queere Elternschaft oder psychische Gesundheit verhandelt … ohne je überfrachtet zu wirken. Patrick Heidmann | indiekino INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neuen Films erzählen verschiedene Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen persönlich am besten? Fabian Stumm: Ich kann mich schwer entscheiden. Ich glaube, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist meine Mutter. Sie ist die Komikerin in unserer Familie. Aber sie vertut sich, wie man sieht, gerne mal in der Pointe.
Credits:
DE 2024, 96 Min., deutsch-englisch-schwedisch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln Regie: Fabian Stumm Kamera: Michael Bennett Schnitt: Kaspar Panizza mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem
Im Jahr 2006 hält die Modernisierung Einzug im Königreich Bhutan: Als letztes Land der Erde erhält Bhutan Zugang zu Fernsehen und Internet. Doch die größte Veränderung steht noch bevor: Die Einführung der Demokratie. Nach seinem Oscar-nominierten Spielfilmdebüt Lunana liefert Pawo Choyning Dorji mit The Monk and the Gun eine witzige und warmherzige Politsatire mit überraschenden Wendungen.
Es war eine kleine Sensation: Im Jahr 2022 wurde ein bhutanischer Filmemacher mit seinem ersten Spielfilm für die Oscars nominiert. Sein Film Lunana, den er ausschließlich mit Solarenergie gedreht hatte, feierte grosse Erfolge und lockte allein in der Schweiz 15’000 Menschen in die Kinos. Mit The Monk and the Gun meldet sich Pawo Choyning Dorji mit einem ebenso vergnüglichen wie auch wohltuenden Film zurück: Während die Bevölkerung gerade James Bond, das Fernsehen und das Internet entdeckt hat, beschließt der König, sein Land weiter zu modernisieren, indem er Wahlen anberaumt, um ein parlamentarisches System einzuführen. Doch kaum steht der politische Wandel bevor, beginnt die Machtgier die Gemüter der sonst so sanftmütigen Bevölkerung zu erhitzen. Dorji schickt drei Figuren auf die Reise, deren Wege sich vor atemberaubender Kulisse kreuzen werden: Wahlleiterin Tshering Yangden soll in den Bergdörfern Testwahlen durchführen und ein junger Mönch für die geheimnisvolle Zeremonie seines Meisters zwei Schusswaffen finden, während ein US-amerikanischer Waffensammler ein altes Gewehr sucht.
Was will ein Mönch mit einer Waffe? Dorjis pazifistische Antwort ist in Zeiten wie diesen schlicht eine Wohltat und die Seitenhiebe auf den Kapitalismus sind urkomisch. In seinem zweiten Spielfilm entpuppt sich der junge Regisseur als begnadeter Geschichtenerzähler, der das Publikum über die Motive seiner Figuren bis zum Schluss rätseln lässt und die Spannung bravourös aufrechterhält. Ohne zu urteilen und mit viel Respekt richtet Dorji seinen Blick auf das Geschehen und auf einen Moment in seiner Heimat, in dem politische Veränderungen mit den traditionellen buddhistischen Werten kollidieren.
Credits:
The Monk and the Gun BT 2023, 107 Min., Dzongkha, Englisch OmU Regie: Pawo Choyning Dorji Kamera: Jigme Tenzing Schnitt: Hsiao-Yun Ku mit: Tandin Wangchuk, Deki Lhamo, Pema Zangmo Sherpa, Tandin Sonam, Harry Einhorn, Choeying Jatsho, Tandin Phubz, Yuphel Lhendup Selden, Kelsang Choejay
PL 2023 R: Paweł Maślona 119 min, OmdU B: Michał A. Zieliński K: Piotr Sobociński jr. S: Piotr Kmiecik M: Mikołaj Trzaska D: Bartosz Bielenia, Jacek Braciak, Jason Mitchell, Robert Więckiewicz, Agnieszka Grochowska, Łukasz Simlat, Andrzej Seweryn u. a.
Frühjahr 1794, Polen ist in Aufruhr. General Tadeusz „Kos“ Kościuszko, ein enger Verbündeter von General George Washington und Oberst in der Kontinentalarmee, kehrt in seine polnische Heimat zurück. Begleitet wird er von seinem dunkelhäutigen Freund Domingo, einem ehemaligen Sklaven. Gemeinsam planen sie, den polnischen Adel und die Bauern zu einem Aufstand gegen die Russen zu mobilisieren.
Doch Kościuszko wird von Anfang an von dem gnadenlosen russischen Rittmeister Dunin verfolgt. Der will den General um jeden Preis gefangen nehmen, bevor dieser einen Volksaufstand auslösen kann. Zur gleichen Zeit träumt der junge Bauer Ignacy – ein adeliger Bastard – davon, Wappen und Gut von seinem leblichen Vater Duchnowski zu erhalten. Dieser hatte ihn kurz vor seinem Tod testamentarisch damit bedacht.
Ein bisschen Western, ein bisschen Tarantino – so respektlos, gnadenlos und provokant wurde die polnische Geschichte lange nicht mehr auf die Leinwand gebracht. Maślona gelang es mit seinem zweiten Film nicht nur, den Staub einiger Historienfilme wegzupusten, sondern auch, den Hauptpreis beim polnischen Filmfestival in Gdynia zu gewinnen und ein großes Publikum jeden Alters ins Kino zu locken. [Bernd Karwen / Rainer Mende]
In jedem Road-Movie steckt immer auch ein Weg der Hauptfigur zu sich selbst, und Crossing schickt die Georgierin Lia los. Nach dem Tod ihrer geliebten Schwester, die sie lange pflegte, hat die streng wirkende, pensionierte Lehrerin das Gefühl, keine Perspektive im Leben und nichts mehr zu verlieren zu haben. Allerdings hat sie einen Auftrag mitbekommen: sie soll ihre verschollene trans Nichte Tekla, der sie einst sehr nahe stand, finden. Als ihr junger Nachbar Achi behauptet, Teklas Adresse in Istanbul – eine Stadt, in der man gut verschwinden kann, wenn man will – zu kennen, und zudem Englisch zu sprechen, nimmt sie ihn widerstrebend mit auf die Suche. Die Reise verändert Lia zusehends. Durch ihre Beziehung zu Achi und ihre Begegnungen mit der trans Community in Istanbul, insbesondere mit der lebenslustigen, engagierten Anwältin Evrim, öffnet sich Lia allmählich und sieht die Welt und ihren Platz darin mit anderen Augen. Alle drei Protagonist:innen eint, in ihrem Leben große Opfer gebracht und Einschränkungen in Kauf genommen zu haben, um die herrschende Hegemonie, im persönlichen wie politischem Umfeld, nicht zu stören. Crossing ist ein lebendiger, ungeschönter Film über Solidarität, über die kleinen Gesten der Güte, und des Verständnisses zwischen Fremden und innerhalb der Familie. In vielerlei Hinsicht ist er auch ein Liebesbrief an Istanbul und seine Geschichte, trotz der offensichtlichen, durch die Straßenkinder Izzet und Gulpembe ins Bild aufgenommenen Armut: „Istanbul ist ein Ort, an dem man auf engstem Raum gegensätzliche Welten antreffen kann. Die eine Straße ist sehr religiös, und wenn man zwei Straßen weitergeht, ist man plötzlich in einer queeren Oase, wo Männer händchenhaltend herumlaufen. Diese Ambivalenz wollte ich im Film darstellen. Wenn Lia und Achi im Film ins queere Viertel gehen, ist der kurze Weg, den sie gehen, der tatsächliche Weg in der Realität. In Istanbul leben die unterschiedlichsten Religionen, Menschen und, nicht zu vergessen, Katzen und Hunde.“ Levan Akin Teddy – Preis der Jury 2024 Berlinale – Panorama
Credits:
SE/DK/FR/TR/GE 2023, 105 Min., georgisch, türkisch, engl. OmU Regie: Levan Akin Kamera: Lisabi Fridell Schnitt: Emma Lagrelius, Levan Akin mit: Mzia Arabuli, Lucas Kankava, Deniz Dumanlı
„Weißt du noch, was du werden wolltest, als du noch klein warst? Du wolltest Ärztin werden. Mama wollte immer, dass du Arzthelferin wirst. Aber du wolltest Ärztin werden“, erzählt Semra einmal zu ihrer kleinen Schwester Hazal, um sie aufzumuntern. Die kühle Antwort: „Ich wollte nie Ärztin werden. Als ich klein war, wollte ich Popstar werden.“ Ob Ärztin, Arzthelferin oder Popstar, bis dato kann die junge Frau aus dem Wedding trotz vieler Bewerbungen überhaupt keinen Beruf oder Ausbildungsplatz vorweisen, nicht zu einer einzigen Vorstellung wurde sie eingeladen. Das stresst und frustriert, doch an ihrem 18. Geburtstag soll gefeiert werden, dass es kracht, und der gemeine Alltag bleibt daheim. Mit den Freundinnen Elma, Gül und Ebru zieht Hazel durch die Stadt, Höhepunkt soll der Besuch im coolsten Club der Stadt sein, doch dort ist Schluss: kein Einlass, da zu aufgebrezelt. Die extreme Wut über die erneute Zurückweisung entlädt sich bei Hazel in einer Weise, dass sie als Ausweg nur noch die Flucht aus dem Land sieht, und so sitzt sie schon am nächsten Tag in dem ihr unbekannten Istanbul. Konnte sie in Berlin wegen ihrer türkischen Backgrounds nie richtig ankommen, findet sie sich in der für sie fremden Türkei auch nicht zurecht. Die Berliner Regisseurin Asli Özarslan (ihr Dokumentarfilm Dil Leyla war 2017 bei uns zu sehen), verfilmt hier den gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir konsequent aus junger, weiblicher, migrantischer Perspektive. Die Protagonistin möchte eigentlich ein für sie normales Leben führen, wehrt sich aber gegen alle ihr von verschiedenen Seiten zugeschriebenen Rollen, in Deutschland wie in der Türkei, und gerät so zwischen alle Stühle. Mit größtmöglicher Präzision und Einfühlung erzählt Ellbogen die Geschichte eines der vielen jungen Menschen, die aus der Gesellschaft verdrängt werden, die eigentlich die ihre ist.
Credits:
DE/TK/FR 2024, 86 Min., Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Aslı Özarslan Kamera: Andac Karabeyoglu-Thomas Schnitt: David J. Achilles, Ana Branea mit: Melia Kara, Doğa Gürer, Jale Arıkan, Haydar Şahin, Orhan Kiliç, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Mina Sağdıç
Die Filmemacherin Farahnaz Sharifi porträtiert in My stolen planet ihr Leben, geprägt durch die Machtübernahme der Mullahs im Iran 1979. In ihrem Geburtsjahr fand die Revolution statt und die Monarchie wurde weggefegt. Genauso wie die Hoffnungen der demokratischen Kräfte, die nach den Hinrichtungswellen gegen die Mittäter des Schah-Regimes in den Focus des neuen Regimes gerieten und genauso eliminiert wurden. Der Wechsel von einer Diktatur in die nächste wurde extrem schnell vollzogen, Farahnaz wuchs in einer schizophrenen Welt auf, zu hause wurde getanzt, gesungen, gelebt, sich auf Augenhöhe begegnet. Draußen vor der Tür war all das verboten, draußen tanzte nur die Doppelmoral. Die Jin-Jiyan-Azadî-Bewegung scheint Jahrzehnte später alles verändern zu können, setzt Mut und Hoffnung frei. My stolen Planet ist ein opulentes, scharfsinniges Werk voller Bilder, denn die Regisseurin wuchs mit Kameras auf, machte hemmungslos Gebrauch davon und entführt in die geheime, private Welt ihrer Familie. Außerdem hat sie Trödelläden durchsiebt und Amateurfilme mitgenommen, die ebenfalls von dieser Welt hinter verschlossenen Türen handeln. Mit den Protesten öffnen sich diese Türen, die Ereignisse überschlagen sich. Für mich der beeindruckendste Film der letzten Berlinale.
„Schon als Kind erlebt Farahnaz Sharifi den Alltag im Iran getrennt in ein privates und ein öffentliches Leben, die so weit voneinander entfernt liegen, wie zwei unterschiedliche Planeten. Auf ihrem Heimatplaneten im Kreis von Familie und Freund*innen kann sie tanzen, singen, lachen und weitestgehend frei von den zahlreichen Einschränkungen und Repressionen des Regimes leben. Sie entwickelt eine Faszination für private Aufnahmen, die eine Realität des Irans abbilden, welche die Machthaber gewaltsam zu unterdrücken versuchen. Super 8 Videos von Geburtstagsfeiern und Familienurlauben werden zum Beleg für Verstöße gegen das Verbot von Tanzen, Trinken, weiblichen Stimmen, unverschleierten Frauen. Sie bewahren die Erinnerung daran, dass es eine Alternative zur bestehenden islamistischen Ordnung gibt. Sharaifi sammelt die Aufnahmen von Unbekannten, um sie vor dem erzwungenen kollektiven Vergessen zu bewahren.“ (Lea Gronenberg, Filmlöwin)
PL/NL/CZ 2023 R: Olga Chajdas 113 min, OmeU B: Lena Góra & Olga Chajdas K: Tomasz Naumiuk S: Pavel Hrdlička M: Andrzej Smolik D: Lena Góra, Bogusława Schubert, Mateusz Więcławek, Wacław Warchoł, Michał Balicki, Wojciech Brzeziński u. a.
Gdańsk in den Achtzigerjahren – graue Industriemetropole und Fenster zur Welt, Hort katholischer Familientraditionen und Hotspot einer alternativen Jugendkultur, die der New Wave aus Manchester viel näher steht als dem sozialistischen Mainstream aus Warschau. In dieser explosiven Mischung schlägt sich Ela durch ihr junges Erwachsenenleben. Doch irgendwie scheint ihr freier Geist nicht kompatibel mit dem traditionellen Erwartungen ihrer Familie zu sein.
Elas Fluchtwege sind die Musik, die Kunst, die Drogen, der Sex. Wie im Rausch treibt sie aktiv und passiv durch die Subkultur der Dreistadt, scheinbar losgelöst von Raum und Zeit – die doch ihre Grenzen haben, denn der kommunistische Staat hat Erwartungen in seine Staatsbürgerinnen, vor allem in ihre Rolle als berufstätige Mütter und Ehefrauen. Die passt nicht zu einer Frau, die Kette raucht, als Sängerin einer Indie-Band nächtelang durch die Clubs tingelt, an Performances mitwirkt und deren Leben selbst eine Performance ist.
In ihrem Zweitwerk taucht Olga Chajdas mit dezidiert weiblichem Fokus tief in das Lebensgefühl der Achtzigerjahre ein, das sie kongenial zitiert – u. a. durch den Retro-Soundtrack von Andrzej Smolik und die körnig-analogen Bildern von Tomasz Naumiok. Hauptdarstellerin und Co-Autorin Lena Góra schlüpft mit Bravour in ihre bisher vermutlich schwierigste Rolle – die ihrer (inzwischen verstorbenen) Mutter, die als Sängerin die nordpolnische Kulturszene der Achtzigerjahre prägte und mit der sie sich durch diesen Rollentausch aussöhnt. [Rainer Mende]
Ein junger Filmemacher, der sich von der eigenen Biografie und Lebensgeschichte inspirieren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen…. Sein neuer Film Sad Jokes etwa ist eine direkte Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwischen Uraufführung und Kinostart seines ersten Films schon an den Ideen für den nächsten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurückliegende Trennung vom Ex doch noch nicht so wirklich hinweg ist, während das Kümmern um den kleinen Sohn dadurch erschwert wird, dass dessen Mutter und Josephs beste Freundin Sonya mit schweren Depressionen kämpft. Die traurigen Witze, die Stumms fantastischem Film seinen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes vereint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hierzulande eher selten gelingt. … Wobei Stumm, der obendrein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letztere so echt, glaubwürdig und witzig schreibt wie lange niemand mehr im deutschen Kino. Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er seinen Schauspielenden (darunter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer einzigen Szene eine wunderbare Bühne zum Glänzen bietet. Und weil es nicht nur ein berührender Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, sondern nebenbei auch mit großer Selbstverständlichkeit wichtige Themen wie queere Elternschaft oder psychische Gesundheit verhandelt … ohne je überfrachtet zu wirken. Patrick Heidmann | indiekino INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neuen Films erzählen verschiedene Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen persönlich am besten? Fabian Stumm: Ich kann mich schwer entscheiden. Ich glaube, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist meine Mutter. Sie ist die Komikerin in unserer Familie. Aber sie vertut sich, wie man sieht, gerne mal in der Pointe.
Credits:
DE 2024, 96 Min., deutsch-englisch-schwedisch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln Regie: Fabian Stumm Kamera: Michael Bennett Schnitt: Kaspar Panizza mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem
„Weißt du noch, was du werden wolltest, als du noch klein warst? Du wolltest Ärztin werden. Mama wollte immer, dass du Arzthelferin wirst. Aber du wolltest Ärztin werden“, erzählt Semra einmal zu ihrer kleinen Schwester Hazal, um sie aufzumuntern. Die kühle Antwort: „Ich wollte nie Ärztin werden. Als ich klein war, wollte ich Popstar werden.“ Ob Ärztin, Arzthelferin oder Popstar, bis dato kann die junge Frau aus dem Wedding trotz vieler Bewerbungen überhaupt keinen Beruf oder Ausbildungsplatz vorweisen, nicht zu einer einzigen Vorstellung wurde sie eingeladen. Das stresst und frustriert, doch an ihrem 18. Geburtstag soll gefeiert werden, dass es kracht, und der gemeine Alltag bleibt daheim. Mit den Freundinnen Elma, Gül und Ebru zieht Hazel durch die Stadt, Höhepunkt soll der Besuch im coolsten Club der Stadt sein, doch dort ist Schluss: kein Einlass, da zu aufgebrezelt. Die extreme Wut über die erneute Zurückweisung entlädt sich bei Hazel in einer Weise, dass sie als Ausweg nur noch die Flucht aus dem Land sieht, und so sitzt sie schon am nächsten Tag in dem ihr unbekannten Istanbul. Konnte sie in Berlin wegen ihrer türkischen Backgrounds nie richtig ankommen, findet sie sich in der für sie fremden Türkei auch nicht zurecht. Die Berliner Regisseurin Asli Özarslan (ihr Dokumentarfilm Dil Leyla war 2017 bei uns zu sehen), verfilmt hier den gleichnamigen Roman von Fatma Aydemir konsequent aus junger, weiblicher, migrantischer Perspektive. Die Protagonistin möchte eigentlich ein für sie normales Leben führen, wehrt sich aber gegen alle ihr von verschiedenen Seiten zugeschriebenen Rollen, in Deutschland wie in der Türkei, und gerät so zwischen alle Stühle. Mit größtmöglicher Präzision und Einfühlung erzählt Ellbogen die Geschichte eines der vielen jungen Menschen, die aus der Gesellschaft verdrängt werden, die eigentlich die ihre ist.
Credits:
DE/TK/FR 2024, 86 Min., Originalfassung mit deutschen und englischen Untertiteln Regie: Aslı Özarslan Kamera: Andac Karabeyoglu-Thomas Schnitt: David J. Achilles, Ana Branea mit: Melia Kara, Doğa Gürer, Jale Arıkan, Haydar Şahin, Orhan Kiliç, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Mina Sağdıç
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