Sarahs Karriere als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin geht zu Ende, statt in den Ring zu steigen, wird sie zukünftig Kinder trainieren. Ein plötzliches Angebot aus Jordanien, die Töchter einer reichen Familie zu unterrichten – MMA sei dort gerade der letzte Schrei – hört sich da sehr exotisch und verführerisch an. Sarah sagt ja und packt ihre Sachen. Dort angekommen, muss sie bald erkennen, dass die Familie viel reicher ist als gedacht, und soviel Einfluss besitzt, dass man ihr im Hotel, wo sie untergebracht ist, nichts darüber erzählen mag. Außerdem ist unschwer zu erkennen, dass die drei jungen Frauen kein wirkliches Interesse am Sport haben. Viel lieber sitzen sie im Wohnzimmer, lackieren sich die Nägel und schauen Soaps. Dabei stehen sie immer unter Aufsicht, auch bei gelegentlichen Shopping-Ausflügen begleitet sie ein Bodyguard. Als aufgeklärte Frau aus dem Westen denkt sich Sarah ihren Teil, und als sie gefragt wird, glaubt sie, Nour, Shaima und Fatima helfen zu können und zu müssen.
„Mir war wichtig, dass das Publikum Sarah folgt und sich dieselben Fragen stellt wie sie. Auch Sarah sieht nie das ganze Bild. Trotzdem bleibt die Frage, ob sie solidarisch agieren soll. Dieser Zweifel sollte bis zum Ende bestehen. Mich hat dabei die Geschichte von Prinzessin Latifah, der Tochter des Königs von Dubai, inspiriert. Sie ist mit ihrer finnischen Capoeira-Lehrerin geflüchtet. Tatsächlich kam aber nicht die Prinzessin heil davon, sondern die Europäerin. Das fand ich interessant und wollte dieses Gefühl in Mond wiedergeben: Wem glaubt man? Was ist wirklich passiert? Sind meine eigenen Vorurteile im Weg?” Kurdwin Ayub im ray-Magazin
Nach Sonne ist dies der zweite Teil einer geplanten Trilogie der kurdisch-österreichischen Regisseurin Kurdwin Ayub, die dafür beim Filmfestival von Locarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.
Credits:
AT 2024, 93 Min, deutsch/arabisch/englische OmU Regie: Kurdwin Ayub Kamera: Klemens Hufnagl, Schnitt: Roland Stöttinger, mit: Florentina Holzinger, Andria Tayeh, Celina Antwan, Nagham Abu Baker, u.a.
Sarahs Karriere als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin geht zu Ende, statt in den Ring zu steigen, wird sie zukünftig Kinder trainieren. Ein plötzliches Angebot aus Jordanien, die Töchter einer reichen Familie zu unterrichten – MMA sei dort gerade der letzte Schrei – hört sich da sehr exotisch und verführerisch an. Sarah sagt ja und packt ihre Sachen. Dort angekommen, muss sie bald erkennen, dass die Familie viel reicher ist als gedacht, und soviel Einfluss besitzt, dass man ihr im Hotel, wo sie untergebracht ist, nichts darüber erzählen mag. Außerdem ist unschwer zu erkennen, dass die drei jungen Frauen kein wirkliches Interesse am Sport haben. Viel lieber sitzen sie im Wohnzimmer, lackieren sich die Nägel und schauen Soaps. Dabei stehen sie immer unter Aufsicht, auch bei gelegentlichen Shopping-Ausflügen begleitet sie ein Bodyguard. Als aufgeklärte Frau aus dem Westen denkt sich Sarah ihren Teil, und als sie gefragt wird, glaubt sie, Nour, Shaima und Fatima helfen zu können und zu müssen.
„Mir war wichtig, dass das Publikum Sarah folgt und sich dieselben Fragen stellt wie sie. Auch Sarah sieht nie das ganze Bild. Trotzdem bleibt die Frage, ob sie solidarisch agieren soll. Dieser Zweifel sollte bis zum Ende bestehen. Mich hat dabei die Geschichte von Prinzessin Latifah, der Tochter des Königs von Dubai, inspiriert. Sie ist mit ihrer finnischen Capoeira-Lehrerin geflüchtet. Tatsächlich kam aber nicht die Prinzessin heil davon, sondern die Europäerin. Das fand ich interessant und wollte dieses Gefühl in Mond wiedergeben: Wem glaubt man? Was ist wirklich passiert? Sind meine eigenen Vorurteile im Weg?” Kurdwin Ayub im ray-Magazin
Nach Sonne ist dies der zweite Teil einer geplanten Trilogie der kurdisch-österreichischen Regisseurin Kurdwin Ayub, die dafür beim Filmfestival von Locarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.
Credits:
AT 2024, 93 Min, deutsch/arabisch/englische OmU Regie: Kurdwin Ayub Kamera: Klemens Hufnagl, Schnitt: Roland Stöttinger, mit: Florentina Holzinger, Andria Tayeh, Celina Antwan, Nagham Abu Baker, u.a.
Punk ist ein Versprechen – von Rebellion und Selbstermächtigung! Als er Ende der 1970er Jahre von England und den USA aus die ganze Welt erobert, braucht es plötzlich auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz weder Ausbildung noch Perfektion, um sich musikalisch auszudrücken. „Nicht labern, machen!“ ist das Motto. Was zählt, ist die Idee und der Mut, sich auf eine Bühne zu stellen. Und das gilt ganz besonders für die Frauen der Szene: In Düsseldorf gründen sich Östro 430, in West-Berlin Mania D, später Malaria!, und in Zürich Kleenex, später LiLiput. Ihre Vorbilder stammen aus England und heißen X‑Ray Spex, The Slits, The Raincoats oder Siouxsie Sioux. Es entstehen Songs über weibliche Rollenklischees und Spießertum, über Machos und dogmatische Feministinnen. Es geht um weibliches Begehren und sexuelle Selbstbestimmung. Und immer auch um das Erobern von Freiräumen – innerhalb der männerdominierten Punkszene, aber auch gesamtgesellschaftlich.
„Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“ porträtiert Künstlerinnen, die 40 Jahre später immer noch oder wieder zusammen auf der Bühne stehen. Als Pionierinnen des deutschsprachigen She-Punk teilen Gudrun Gut, Beate Bartel, Bettina Köster, Sara Schär, Klaudia Schifferle, Martina Weith und Bettina Flörchinger, ihre Erfahrungen und Geschichten. Trotz des unterschiedlichen Sounds der Bands und ohne es damals zu wissen, waren sie Teil einer weiblichen Revolution in der Musikindustrie, die nachfolgende Künstlerinnen nachhaltig geprägt hat. Ein Film über Punk aus weiblicher Perspektive, Feminismus mit Gitarrenriff und das unvergleichliche Lebensgefühl der späten 70er und frühen 80er Jahre.
Credits:
DE/CH 2024, 89 Min., deutsche OmeU Regie: Reto Caduff Kamera: Roman Schauerte, Stephan Huwyler Schnitt: Beatrice Babin, Ginés Olivares
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
„Wenn ich morgen Abend zurückkomme, gibt es keine Heimlichkeiten mehr”, verspricht Diddi seiner neuen großen Liebe Una. Er will die Beziehung mit seiner langjährigen Freundin Klara beenden, aber soweit kommt es nicht. Am nächsten Tag explodiert ein Straßentunnel und Diddi ist unter den Opfern. Im Freundeskreis kümmert man sich liebevoll vor allem um Klara, und Una muss allein mit ihrer unendlichen Trauer zurecht kommen. Dennoch setzt sie sich der Situation aus, trinkt mit den anderen auf den Freund. Das Treffen mündet in eine spontane Party mit exzessivem Tanz. Verschiedene Arten zu trauern stehen nebeneinander, fließen ineinander. Klara, die von der kongenialen Zusammenarbeit von Una und Diddi bei deren Kunststudium weiß, sucht Unas Nähe. Als beide aufeinander zugehen, ist unklar, ob sie von der Tiefe der Verbindung wusste, es scheint eher, als ob die Intensität beider Trauer sich anzieht. Am Ende des Tages, der Film umspannt 24 Stunden, spricht Klara den nächsten Tag an: „Es wird seltsam sein, morgen aufzuwachen“, überlegt sie, „Weißt du, was du tun wirst?“
„Rúnarssons Film verzichtet auf ein einfaches Melodrama und erforscht stattdessen still und mit allen Sinnen die plötzlichen Verbindungen, die der Tod zwischen den Lebenden herstellt. Die Zukunft wartet in der Schwebe; den Tag zu überstehen ist schon Drama genug.“ Variety
„Ich meine, alle Geschichten wurden bereits erzählt. Alle Emotionen wurden auf die eine oder andere Weise im Kino, in anderen Künsten oder in der Literatur vermittelt. Aber meistens werden Trauer und der Effekt eines Verlustes von jemandem über einen längeren Zeitraum dargestellt. Doch eine gleichaltrige Person zu verlieren, während man noch jung ist, ist eine so brutale Erfahrung, weil in den ersten Tagen alle Grenzen zwischen den verschiedenen Emotionen in deinem Kopf zu verschwimmen beginnen. In der einen Minute fühlst du dich schwerelos, in der nächsten Minute weinst du oder hast einen hysterischen Lachanfall. … Und manchmal interessiere ich mich einfach mehr für diese Grautöne des Lebens.“ R. Runarsson
„Wenn ich morgen Abend zurückkomme, gibt es keine Heimlichkeiten mehr”, verspricht Diddi seiner neuen großen Liebe Una. Er will die Beziehung mit seiner langjährigen Freundin Klara beenden, aber soweit kommt es nicht. Am nächsten Tag explodiert ein Straßentunnel und Diddi ist unter den Opfern. Im Freundeskreis kümmert man sich liebevoll vor allem um Klara, und Una muss allein mit ihrer unendlichen Trauer zurecht kommen. Dennoch setzt sie sich der Situation aus, trinkt mit den anderen auf den Freund. Das Treffen mündet in eine spontane Party mit exzessivem Tanz. Verschiedene Arten zu trauern stehen nebeneinander, fließen ineinander. Klara, die von der kongenialen Zusammenarbeit von Una und Diddi bei deren Kunststudium weiß, sucht Unas Nähe. Als beide aufeinander zugehen, ist unklar, ob sie von der Tiefe der Verbindung wusste, es scheint eher, als ob die Intensität beider Trauer sich anzieht. Am Ende des Tages, der Film umspannt 24 Stunden, spricht Klara den nächsten Tag an: „Es wird seltsam sein, morgen aufzuwachen“, überlegt sie, „Weißt du, was du tun wirst?“
„Rúnarssons Film verzichtet auf ein einfaches Melodrama und erforscht stattdessen still und mit allen Sinnen die plötzlichen Verbindungen, die der Tod zwischen den Lebenden herstellt. Die Zukunft wartet in der Schwebe; den Tag zu überstehen ist schon Drama genug.“ Variety
„Ich meine, alle Geschichten wurden bereits erzählt. Alle Emotionen wurden auf die eine oder andere Weise im Kino, in anderen Künsten oder in der Literatur vermittelt. Aber meistens werden Trauer und der Effekt eines Verlustes von jemandem über einen längeren Zeitraum dargestellt. Doch eine gleichaltrige Person zu verlieren, während man noch jung ist, ist eine so brutale Erfahrung, weil in den ersten Tagen alle Grenzen zwischen den verschiedenen Emotionen in deinem Kopf zu verschwimmen beginnen. In der einen Minute fühlst du dich schwerelos, in der nächsten Minute weinst du oder hast einen hysterischen Lachanfall. … Und manchmal interessiere ich mich einfach mehr für diese Grautöne des Lebens.“ R. Runarsson
Eine Mischung aus Polit-Thriller und Drama im Schatten der Frankfurter Hochfinanz-Skyline – in Angelina Maccarones fünften Kinofilm treffen dort für eine kurze Zeit vier Personen schicksalshaft aufeinander. Die Eltern der jungen Juristin Amina stammen aus Marokko, deshalb gilt es für die konservative Europapolitikerin Mathilda als cleverer Schachzug, sie als persönliche Assistentin zu gewinnen. Mathildas guter Freund aus Jugendtagen, der Brite Richard, hat lange in Marokko gelebt. Jetzt kommt er zurück und braucht für Malik, einen von ihm illegal eingeschleusten Schützling, ein sicheres Versteck, und fragt ausgerechnet die Politikerin um Hilfe für ein Visum und Unterkunft. Ihrem eigenen politischen Credo widersprechend willigt sie ein, und beauftragt Amina, auf den jungen Mann in ihrer Wohnung aufzupassen. Doch Malik, der von einem besseren Leben in Europa träumt, will sich nicht einsperren lassen. Konsequent erzählt der Film aus den vier Perspektiven, wodurch sich nach und nach erst das ganze Bild ergibt. „Die Perspektiven bündeln sich zu einem kaleidoskopartigen Porträt der gegenwärtigen, von wachsendem gegenseitigen Misstrauen gekennzeichneten Gesellschaft. Dabei enthält sich Angelina Maccarone jeglicher Wertung. Sie zeigt die Bilder, ohne zu sympathisieren oder Partei zu ergreifen. Und Gewissheiten lässt sie ebenfalls nicht zu. Wer sich anfangs ein Urteil über eine der Personen gebildet hat, wird es irgendwann revidieren müssen. Ganz wie im wirklichen Leben sind die Dinge meist nicht so, wie sie zu sein scheinen…. Angelina Maccarone hat sich mit „Klandestin“ zudem auf die Spuren Claude Chabrols begeben. Sie hat eine Polit-Thriller-Handlung mit politischer Analyse und beißender Gesellschaftskritik verknüpft, ohne dabei die intelligente Unterhaltung des Publikums zu vernachlässigen.“ Gaby Sikorski | Programmkino.de
Dag Johan Haugeruds Trilogie Oslo Stories besteht aus drei jeweils eigenständigen Filmen mit einer unabhängigen Geschichte. Der Teil Träume („Der mit der Lehrerin“, ab 8.5.) hat gerade den Goldenen Bären gewonnen, Sehnsucht heist im Original Sex („Der mit den Dachdeckern“, Panorama 2024, ab 22.5.) und zuerst nun der Teil Liebe („Der mit der Fähre“ Venedig 2024)
Oslo Stories: LIEBE ist ein romantischer Film, der Sexualität, Beziehungen und Liebe erforscht und sich um einen schwulen Krankenpfleger und eine heterosexuelle Ärztin dreht. In vielerlei Hinsicht ist dieser Film utopisch: Er handelt vom Streben nach sexueller und emotionaler Nähe zu anderen, ohne sich dabei unbedingt an die gesellschaftlichen Normen und Konventionen zu halten, die Beziehungen regeln. Die weibliche Sexualität, die in vielen Teilen der Gesellschaft sowohl von Männern als auch von Frauen ständig unter die Lupe genommen und in Frage gestellt wird, ist ein zentraler Schwerpunkt des Films. Wir haben noch nicht den Punkt erreicht, an dem Frauen Entscheidungen in Bezug auf ihre Sexualität und ihr Liebesleben treffen können, ohne sich verteidigen oder erklären zu müssen. Der Film deutet auch an, dass bestimmte Erfahrungen und Praktiken innerhalb der homosexuellen Gemeinschaft wertvolle Erkenntnisse für die Gesellschaft im Allgemeinen bieten könnten. Aber im Kern geht es in dem Film um die Frage, wie man Gutes tun kann. Ich glaube, dass Fiktion eine entscheidende Rolle dabei spielt, sich alternative Welten und Prspektiven vorzustellen. Sie ermöglicht es den Menschen, sich auszudrücken und auf ungewöhnliche Weise zu handeln. Für mich besteht eine wichtige Funktion der Fiktion darin, neue Denkweisen im wirklichen Leben zu inspirieren. Mit Oslo Stories: LIEBE – und der gesamten Trilogie – war es mein vorrangiges Ziel, zu vermitteln, dass neue Denk- und Verhaltensweisen möglich sind.
Dag Johan Haugerud
Credits:
Love NO 2024, 119 Min, Norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad, mit: Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, Lars Jacob Holm, Thomas Gullestad
Punk ist ein Versprechen – von Rebellion und Selbstermächtigung! Als er Ende der 1970er Jahre von England und den USA aus die ganze Welt erobert, braucht es plötzlich auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz weder Ausbildung noch Perfektion, um sich musikalisch auszudrücken. „Nicht labern, machen!“ ist das Motto. Was zählt, ist die Idee und der Mut, sich auf eine Bühne zu stellen. Und das gilt ganz besonders für die Frauen der Szene: In Düsseldorf gründen sich Östro 430, in West-Berlin Mania D, später Malaria!, und in Zürich Kleenex, später LiLiput. Ihre Vorbilder stammen aus England und heißen X‑Ray Spex, The Slits, The Raincoats oder Siouxsie Sioux. Es entstehen Songs über weibliche Rollenklischees und Spießertum, über Machos und dogmatische Feministinnen. Es geht um weibliches Begehren und sexuelle Selbstbestimmung. Und immer auch um das Erobern von Freiräumen – innerhalb der männerdominierten Punkszene, aber auch gesamtgesellschaftlich.
„Einfach machen! She-Punks von 1977 bis heute“ porträtiert Künstlerinnen, die 40 Jahre später immer noch oder wieder zusammen auf der Bühne stehen. Als Pionierinnen des deutschsprachigen She-Punk teilen Gudrun Gut, Beate Bartel, Bettina Köster, Sara Schär, Klaudia Schifferle, Martina Weith und Bettina Flörchinger, ihre Erfahrungen und Geschichten. Trotz des unterschiedlichen Sounds der Bands und ohne es damals zu wissen, waren sie Teil einer weiblichen Revolution in der Musikindustrie, die nachfolgende Künstlerinnen nachhaltig geprägt hat. Ein Film über Punk aus weiblicher Perspektive, Feminismus mit Gitarrenriff und das unvergleichliche Lebensgefühl der späten 70er und frühen 80er Jahre.
Credits:
DE/CH 2024, 89 Min., deutsche OmeU Regie: Reto Caduff Kamera: Roman Schauerte, Stephan Huwyler Schnitt: Beatrice Babin, Ginés Olivares
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
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