Rose und ihr älterer Bruder Sam haben eine enge Bindung. Als Sam der Vergewaltigung beschuldigt wird, soll Rose im Rahmen der Ermittlungen gegen ihn aussagen. Das stellt sowohl die Beziehung der beiden als auch Roses moralische Integrität auf die Probe. Regisseurin Sarah Miro Fischer erkundet in Schwesterherz eine innige Geschwisterbeziehung. Sie untersucht, inwiefern die Nähe zu einer Person den Blick auf die Realität verstellen kann und welche Ereignisse die Kraft haben, auch die engsten Bindungen zu zerstören. In ihrer Arbeit mit den Schauspieler*innen legt sie besonderen Wert auf körperlichen Ausdruck, um Geschichten auch jenseits des gesprochenen Worts erzählen zu können.
Credits:
DE/ES 2025, 96 Min., In Deutsch (das meiste) und Englisch, mit englischen und deutschen Untertiteln Regie: Sarah Miro Fischer Kamera: Selma von Polheim Gravesen Schnitt: Elena Weihe mit: Marie Bloching, Anton Weil, Proschat Madani, Laura Balzer, Jane Chirwa
Rose und ihr älterer Bruder Sam haben eine enge Bindung. Als Sam der Vergewaltigung beschuldigt wird, soll Rose im Rahmen der Ermittlungen gegen ihn aussagen. Das stellt sowohl die Beziehung der beiden als auch Roses moralische Integrität auf die Probe. Regisseurin Sarah Miro Fischer erkundet in Schwesterherz eine innige Geschwisterbeziehung. Sie untersucht, inwiefern die Nähe zu einer Person den Blick auf die Realität verstellen kann und welche Ereignisse die Kraft haben, auch die engsten Bindungen zu zerstören. In ihrer Arbeit mit den Schauspieler*innen legt sie besonderen Wert auf körperlichen Ausdruck, um Geschichten auch jenseits des gesprochenen Worts erzählen zu können.
Credits:
DE/ES 2025, 96 Min., In Deutsch (das meiste) und Englisch, mit englischen und deutschen Untertiteln Regie: Sarah Miro Fischer Kamera: Selma von Polheim Gravesen Schnitt: Elena Weihe mit: Marie Bloching, Anton Weil, Proschat Madani, Laura Balzer, Jane Chirwa
Ein Ort im Harz im Wechsel der Zeiten: Sensibel und manchmal absurd zugespitzt bringt Julian Radlmaier (Blutsauger, Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes) in seinem neuen Film Menschen zusammen, die in der öffentlichen Debatte oft gegeneinander ausgespielt werden. Ursula lebt in Sangerhausen von zwei Jobs im Niedriglohnsektor. Die Iranerin Neda wartet auf und kämpft um einen dauerhaften Aufenthaltsstatus. Als erste aber lernen wir Lotte kennen, die vor 230 Jahren als Dienstmagd u.a. den Nachttopf von Novalis leeren musste. Allen drei Frauen ist ihr Status als Verliererinnen in dieser Gesellschaft bewusst. Jede sucht sich ihren Ausweg auf ihre Weise. Lotte will nach Frankreich, als sie von der dortigen Revolution hört, Ursula verliebt sich hoffnungslos in eine Künstlerin aus der Stadt, die einer anderen Klasse angehört, und Neda versucht, sich als Influencerin mit Tipps über billige Urlaubsziele über Wasser zu halten, was sie nach Sangerhausen führt. Zusammen mit Sung-Nam, einem älteren Mann koreanischer Herkunft, und dessen Wahlenkel Buk geraten Ursula und Neda auf Geisterjagd in die nahe Barbarossa-Höhle, in der Lotte einst verschwand. “… kann romantische Sehnsucht einen Ausweg aus dem tristen Alltag bieten? In seiner Komödie verbindet Radlmaier sehr lakonisch seine stets gegenwärtige Kapitalismuskritik mit Ikonen der deutschen Romantik: der Blauen Blume des Dichters Novalis (Friedrich von Hardenberg) sowie dem Kyffhäuser mit seiner Barbarossa-Legende. Der Geist, der den Protagonistinnen Ursula und Neda stattdessen erscheint, hat allerdings einen eher pragmatischen Ratschlag parat: „Hört auf zu jammern!“ (Lars Penning | Viennale)
Credits:
DE 2025, 90 Min., Deutsch mit englischen Untertiteln Regie & Schnitt: Julian Radlmaier Kamera: Faraz Fesharaki mit: Clara Schwinning, Maral Keshavarz, Henriette Confurius, Paula Schindler, Ghazal Shojaei, Kyung-Taek Lie, Buksori Lie, u.a.
Audiodeskriptionen, Untertitel und Hörverstärkung mit der Greta App
Zu Hause, in den Augen ihrer muslimischen Familie, ist die 19-jährige Fatima eine gute Tochter: Sie betet, hat Bestnoten und ein entspanntes Verhältnis zu ihren Eltern und den beiden älteren Schwestern. In der Schule aber raucht sie (obwohl sie Asthma hat) und hängt mit den größten Rabauken ab. Bei den homophoben Sprüchen ihrer Kumpels ist sie still – obwohl sie selbst längst weiß, dass sie wahrscheinlich lesbisch ist. Nachdem sich Fatima per Dating-App zum ersten Mal mit anderen Frauen trifft und dabei Ji-Na (Park Min-ji) kennenlernt, beginnt für sie der lange, steinige Weg raus aus dem „Schrank“, der bei Fatima eher ein Kokon ist.
Regisseurin Hafsia Herzis zweiter Langfilm DIEJÜNGSTETOCHTER (frz. La petite dernière) basiert auf dem gleichnamigen autofiktionalen Roman der algerisch-französischen Autorin Fatima Daas. Die Heldin des Films ist in keiner Welt richtig zu Hause, wächst auf inmitten unauflösbarer Widersprüche. So verschlossen ist sie, dass sie selbst die Zuschauenden stets auf Distanz hält und es ihnen schwer macht, einen richtigen Zugang zu ihr zu finden. Sie lügt ihre Dates und Freund*innen an und hat auf Schritt und Tritt Angst, enttarnt zu werden. Im Sommer mit ihrer ersten großen Liebe, der im gemeinsamen Besuch einer CSD-Veranstaltung mündet, blüht sie erstmals auf, doch das Glück ist nicht von Dauer.
Herzi erzählt elliptisch und in scharf konturierten Sequenzen von Fatimas Selbstfindung. Der Film ist gespickt mit herausragenden filmischen Momenten: das Gespräch mit dem Imam etwa, der ihr vorbetet, warum ihre disparaten Lebenswelten sich nie vereinbaren lassen werden, oder der Versuch, sich gegenüber ihrer liebevollen Mutter zu outen. Schön, dass diese Geschichte für ihr lesbisches Liebespaar nicht nur Tragik, sondern auch ein Quäntchen Hoffnung bereithält.
François Ozon greift einen Stoff aus den 1940er-Jahren auf: den existenzialistischen Romanklassiker Der Fremde von Albert Camus. Darin wartet ein junger Franzose in den 1930er-Jahren in Algerien in einer Gefängniszelle auf seine Hinrichtung, weil er einen Mann getötet hat. Ozon entfaltet das Drama um den seinem Tod entgegensehenden Meursault (Benjamin Voisin) und die in Rückblenden sich entfaltenden Ereignisse, die zu dem Mord geführt haben, in schwarz-weißen Bildern, die in ihrer fast überirdischen Schönheit in ihren Bann schlagen und zugleich Rätsel aufgeben, weil sie in einer seltsamen, spannungsvollen Reibung zur Geschichte stehen.
Der Kamerablick, der ein geradezu erotisches Verhältnis zu der Welt an den Tag legt, scheint ein Widerspruch zu Meursaults Apathie zu sein. Während der junge Mann durch sein Leben treibt, ohne von dem berührt zu werden, was er erlebt – vom Tod der Mutter zu Beginn über die Affäre mit einer ihn liebenden jungen Frau bis letztendlich zum impulsiven Akt der Tötung –, ist der Blick der Kamera umso zugeneigter. Die sparsam, aber sehr wirkungsvoll eingesetzte Musik versucht hartnäckig, Meursaults Kälte gegenüber Menschen und Dingen etwas entgegenzusetzen. Während es in dem Roman um einen Menschen geht, der nichts wertschätzen kann, weil er den Glauben an eine transzendente Dimension verloren hat und jenseits der Dinge keinen höheren Sinn erkennen kann, scheint Ozon diese Materialität durchaus zu genügen, um die Welt zu lieben. Felicitas Kleiner | Filmdienst
Credits:
L’Étranger FR 2025, 120 Min., französische OmU Regie: François Ozon Kamera: Manu Dacosse Schnitt: Clément Selitzki mit: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud
Audiodeskriptionen, Untertitel und Hörverstärkung mit der Greta App
Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Leistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade. Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung überhaupt?
„Die Figuren des Films sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.„ Jafar Panahi
Auch im fsk: Jafar Panahis vorletzter Film No Bears (Spezialpreis der Jury, Venedig)
Credits:
Yek tasadef sadeh یک تصادف ساده, IR/FR/LU 2025, 102 Min., farsi OmU Regie: Jafar Panahi Kamera: Amin Jafari Schnitt: Amir Etminan mit: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten
Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Leistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade. Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung überhaupt?
„Die Figuren des Films sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.„ Jafar Panahi
Auch im fsk: Jafar Panahis vorletzter Film No Bears (Spezialpreis der Jury, Venedig)
Credits:
Yek tasadef sadeh یک تصادف ساده, IR/FR/LU 2025, 102 Min., farsi OmU Regie: Jafar Panahi Kamera: Amin Jafari Schnitt: Amir Etminan mit: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten
Zu Hause, in den Augen ihrer muslimischen Familie, ist die 19-jährige Fatima eine gute Tochter: Sie betet, hat Bestnoten und ein entspanntes Verhältnis zu ihren Eltern und den beiden älteren Schwestern. In der Schule aber raucht sie (obwohl sie Asthma hat) und hängt mit den größten Rabauken ab. Bei den homophoben Sprüchen ihrer Kumpels ist sie still – obwohl sie selbst längst weiß, dass sie wahrscheinlich lesbisch ist. Nachdem sich Fatima per Dating-App zum ersten Mal mit anderen Frauen trifft und dabei Ji-Na (Park Min-ji) kennenlernt, beginnt für sie der lange, steinige Weg raus aus dem „Schrank“, der bei Fatima eher ein Kokon ist.
Regisseurin Hafsia Herzis zweiter Langfilm DIEJÜNGSTETOCHTER (frz. La petite dernière) basiert auf dem gleichnamigen autofiktionalen Roman der algerisch-französischen Autorin Fatima Daas. Die Heldin des Films ist in keiner Welt richtig zu Hause, wächst auf inmitten unauflösbarer Widersprüche. So verschlossen ist sie, dass sie selbst die Zuschauenden stets auf Distanz hält und es ihnen schwer macht, einen richtigen Zugang zu ihr zu finden. Sie lügt ihre Dates und Freund*innen an und hat auf Schritt und Tritt Angst, enttarnt zu werden. Im Sommer mit ihrer ersten großen Liebe, der im gemeinsamen Besuch einer CSD-Veranstaltung mündet, blüht sie erstmals auf, doch das Glück ist nicht von Dauer.
Herzi erzählt elliptisch und in scharf konturierten Sequenzen von Fatimas Selbstfindung. Der Film ist gespickt mit herausragenden filmischen Momenten: das Gespräch mit dem Imam etwa, der ihr vorbetet, warum ihre disparaten Lebenswelten sich nie vereinbaren lassen werden, oder der Versuch, sich gegenüber ihrer liebevollen Mutter zu outen. Schön, dass diese Geschichte für ihr lesbisches Liebespaar nicht nur Tragik, sondern auch ein Quäntchen Hoffnung bereithält.
François Ozon greift einen Stoff aus den 1940er-Jahren auf: den existenzialistischen Romanklassiker Der Fremde von Albert Camus. Darin wartet ein junger Franzose in den 1930er-Jahren in Algerien in einer Gefängniszelle auf seine Hinrichtung, weil er einen Mann getötet hat. Ozon entfaltet das Drama um den seinem Tod entgegensehenden Meursault (Benjamin Voisin) und die in Rückblenden sich entfaltenden Ereignisse, die zu dem Mord geführt haben, in schwarz-weißen Bildern, die in ihrer fast überirdischen Schönheit in ihren Bann schlagen und zugleich Rätsel aufgeben, weil sie in einer seltsamen, spannungsvollen Reibung zur Geschichte stehen.
Der Kamerablick, der ein geradezu erotisches Verhältnis zu der Welt an den Tag legt, scheint ein Widerspruch zu Meursaults Apathie zu sein. Während der junge Mann durch sein Leben treibt, ohne von dem berührt zu werden, was er erlebt – vom Tod der Mutter zu Beginn über die Affäre mit einer ihn liebenden jungen Frau bis letztendlich zum impulsiven Akt der Tötung –, ist der Blick der Kamera umso zugeneigter. Die sparsam, aber sehr wirkungsvoll eingesetzte Musik versucht hartnäckig, Meursaults Kälte gegenüber Menschen und Dingen etwas entgegenzusetzen. Während es in dem Roman um einen Menschen geht, der nichts wertschätzen kann, weil er den Glauben an eine transzendente Dimension verloren hat und jenseits der Dinge keinen höheren Sinn erkennen kann, scheint Ozon diese Materialität durchaus zu genügen, um die Welt zu lieben. Felicitas Kleiner | Filmdienst
Credits:
L’Étranger FR 2025, 120 Min., französische OmU Regie: François Ozon Kamera: Manu Dacosse Schnitt: Clément Selitzki mit: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud
Audiodeskriptionen, Untertitel und Hörverstärkung mit der Greta App
Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Leistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade. Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung überhaupt?
„Die Figuren des Films sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.„ Jafar Panahi
Auch im fsk: Jafar Panahis vorletzter Film No Bears (Spezialpreis der Jury, Venedig)
Credits:
Yek tasadef sadeh یک تصادف ساده, IR/FR/LU 2025, 102 Min., farsi OmU Regie: Jafar Panahi Kamera: Amin Jafari Schnitt: Amir Etminan mit: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten
Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Leistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade. Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung überhaupt?
„Die Figuren des Films sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.„ Jafar Panahi
Auch im fsk: Jafar Panahis vorletzter Film No Bears (Spezialpreis der Jury, Venedig)
Credits:
Yek tasadef sadeh یک تصادف ساده, IR/FR/LU 2025, 102 Min., farsi OmU Regie: Jafar Panahi Kamera: Amin Jafari Schnitt: Amir Etminan mit: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten
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