Der Film wird kontrovers gesehen – manche finden sogar, dass man zum Schluss, wenn der Mann alt und krank ist, Mitleid mit dem „Todesengel von Auschwitz” bekommt. Mir ging es nicht so, denn August Diehl verkörpert Mengele von Anfang bis Ende als inhuman, arrogant und selbstmitleidig. Serebrennikov verfilmt Mengeles Zeit in Lateinamerika (mit einigen Abstechern zurück nach Deutschland) nach seiner Flucht über die „Rattenlinie” als beklemmende Geschichtsstunde, in der viel ausgesprochen und gezeigt wird, was hier niemand wissen wollte und will. Er bezieht sich dabei auf den gleichnamigen, genau recherchierten Bestseller von Olivier Guez, wobei die bestechenden Schwarz-Weiß-Bilder eindeutig keinen dokumentarischen Charakter entfalten. „Seine Haltung [Mengeles] spiegelt nicht die Banalität des Bösen wider, sondern dessen groteske Überhöhung: den Glauben an die eigene Überlegenheit, angeheizt durch ein verzerrtes Opferbewusstsein. Auf diese Weise wird der Film zu einem Kommentar über zeitgenössische Strukturen der Täterschaft und Straflosigkeit, die ohne externe Systeme der Rechenschaftspflicht fortbestehen.“ (Evgeny Gusyatinskiy | Viennale)
Credits:
FR/MX/DE/GB 2025, 135 Min., deutsch, spanische OmU, Regie: Kirill Serebrennikov Kamera: Vladislav Opelyants Schnitt: Hansjörg Weißbrich mit: D: August Diehl, Max Bretschneider, Dana Herfurth, Friederike Becht, Mirco Kreibich, David Ruland
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Der Film wird kontrovers gesehen – manche finden sogar, dass man zum Schluss, wenn der Mann alt und krank ist, Mitleid mit dem „Todesengel von Auschwitz” bekommt. Mir ging es nicht so, denn August Diehl verkörpert Mengele von Anfang bis Ende als inhuman, arrogant und selbstmitleidig. Serebrennikov verfilmt Mengeles Zeit in Lateinamerika (mit einigen Abstechern zurück nach Deutschland) nach seiner Flucht über die „Rattenlinie” als beklemmende Geschichtsstunde, in der viel ausgesprochen und gezeigt wird, was hier niemand wissen wollte und will. Er bezieht sich dabei auf den gleichnamigen, genau recherchierten Bestseller von Olivier Guez, wobei die bestechenden Schwarz-Weiß-Bilder eindeutig keinen dokumentarischen Charakter entfalten. „Seine Haltung [Mengeles] spiegelt nicht die Banalität des Bösen wider, sondern dessen groteske Überhöhung: den Glauben an die eigene Überlegenheit, angeheizt durch ein verzerrtes Opferbewusstsein. Auf diese Weise wird der Film zu einem Kommentar über zeitgenössische Strukturen der Täterschaft und Straflosigkeit, die ohne externe Systeme der Rechenschaftspflicht fortbestehen.“ (Evgeny Gusyatinskiy | Viennale)
Credits:
FR/MX/DE/GB 2025, 135 Min., deutsch, spanische OmU, Regie: Kirill Serebrennikov Kamera: Vladislav Opelyants Schnitt: Hansjörg Weißbrich mit: D: August Diehl, Max Bretschneider, Dana Herfurth, Friederike Becht, Mirco Kreibich, David Ruland
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„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben“, lautet ein Gedanke von Cicely Saunders, Begründerin der Palliative Care. In Philipp Dörings vierstündiger Institutionsbeobachtung flirrt er in einer Präsentation auf, während eine Pflegekraft einen neuen Mitarbeiter einweist. Sie befinden sich im Berliner Franziskus-Krankenhaus. Hier dokumentiert Döring einige Monate zwischen Frühjahr und Sommer, begleitet Ärzte in die Visite und bei Gesprächen mit Angehörigen, lauscht dem internen Austausch des Teams, in dem auch Missstände nicht verschwiegen werden. Ein geschützter, seinen eigenen Gesetzen folgender Raum entsteht. In ihm werden Dialoge über Lebenswege aufgegriffen und reflektiert, Fortschritte gefeiert und sich abzeichnende Abschiede betrauert. Dabei ist Palliativstation auch ein Film über Sprache: Zwischen medizinischem Fachjargon und Dialekt changierend, manchmal nur über technische Hilfsmittel herstellbar. Döring kommt dem Sterben nah, sehr nah, aber mit ihm auch dem Leben. Sein Film hat Gewicht und beeindruckt, und erdrückt doch unter keiner Schicksalslast. Schnell wird deutlich: Das Leben, es endet wirklich erst mit dem letzten Herzschlag.
(Carolin Weidner)
Credits:
DE 2025, 245 Min., Regie, Kamera, Schnitt: Philipp Döring
Sorda ist das spanische Wort für taub. Ein ganz normales Paar, Ángela und Héctor, wünscht sich nach längerer Partnerschaft ein ganz normales Kind. Ángela ist fast gehörlos und was an sich schon eine ungemeine Herausforderung für ein Paar werden kann, bringt die beiden an die Grenzen, die zwischen beider Welten verlaufen. Genauso, wie sich Héctor auf einer Party seiner Frau und ihrem gehörlosen Freundeskreis als Randfigur wahrnimmt, wird Ángela noch bewusster, wie isoliert sich ein Leben mit ihrem Handicap anfühlen kann. Und zu welcher Gesellschaft wird das erwartete Kind gehören, das vielleicht auch gehörlos sein wird? Die Intimität und Feinsinnigkeit des Films sind sicher auch der Tatsache geschuldet, dass die gehörlose Hauptdarstellerin Miriam Garlo und die Regisseurin Eva Libertad Schwestern sind.
„Was heißt es, als gehörlose Frau in einer hörenden Mehrheitsgesellschaft Mutter zu sein? Diese Frage stellt sich Protagonistin Ángela in Eva Libertads Sorda, als sie und ihr hörender Partner Hector gemeinsam ein Kind erwarten. Inspiriert von Gesprächen mit ihrer gehörlosen Schwester Garlo, die auch die Hauptrolle übernimmt, untersucht Libertad die Vereinbarkeit der hörenden und gehörlosen Welt, teils anhand von Bevormundung und Ausgrenzung, die Ángela erfährt, insbesondere aber durch ein nuanciertes und emotionales Porträt einer liebevollen Paar- und Familiendynamik, die zwischen den Welten balanciert.” (Charlie Hain, Filmlöwin)
SORDA erhielt den Panorama Publikumspreis für den besten Spielfilm der Berlinale 2025.
Credits:
ES 2025, 99 Min., Spanisch, Spanische Gebärdensprache mit deutschen Untertiteln Regie, Buch: Eva Libertad Kamera: Gina Ferrer García Schnitt: Marta Velasco mit: Miriam Garlo, Álvaro Cervantes, Elena Irureta, Joaquín Notario
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Trailer:
Trailer SORDA, von Eva Libertad (OV/de), ab 6. November im Kino
Ein Ort im Harz im Wechsel der Zeiten: Sensibel und manchmal absurd zugespitzt bringt Julian Radlmaier (Blutsauger, Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes) in seinem neuen Film Menschen zusammen, die in der öffentlichen Debatte oft gegeneinander ausgespielt werden. Ursula lebt in Sangerhausen von zwei Jobs im Niedriglohnsektor. Die Iranerin Neda wartet auf und kämpft um einen dauerhaften Aufenthaltsstatus. Als erste aber lernen wir Lotte kennen, die vor 230 Jahren als Dienstmagd u.a. den Nachttopf von Novalis leeren musste. Allen drei Frauen ist ihr Status als Verliererinnen in dieser Gesellschaft bewusst. Jede sucht sich ihren Ausweg auf ihre Weise. Lotte will nach Frankreich, als sie von der dortigen Revolution hört, Ursula verliebt sich hoffnungslos in eine Künstlerin aus der Stadt, die einer anderen Klasse angehört, und Neda versucht, sich als Influencerin mit Tipps über billige Urlaubsziele über Wasser zu halten, was sie nach Sangerhausen führt. Zusammen mit Sung-Nam, einem älteren Mann koreanischer Herkunft, und dessen Wahlenkel Buk geraten Ursula und Neda auf Geisterjagd in die nahe Barbarossa-Höhle, in der Lotte einst verschwand. “… kann romantische Sehnsucht einen Ausweg aus dem tristen Alltag bieten? In seiner Komödie verbindet Radlmaier sehr lakonisch seine stets gegenwärtige Kapitalismuskritik mit Ikonen der deutschen Romantik: der Blauen Blume des Dichters Novalis (Friedrich von Hardenberg) sowie dem Kyffhäuser mit seiner Barbarossa-Legende. Der Geist, der den Protagonistinnen Ursula und Neda stattdessen erscheint, hat allerdings einen eher pragmatischen Ratschlag parat: „Hört auf zu jammern!“ (Lars Penning | Viennale)
Credits:
DE 2025, 90 Min., Deutsch mit englischen Untertiteln Regie & Schnitt: Julian Radlmaier Kamera: Faraz Fesharaki mit: Clara Schwinning, Maral Keshavarz, Henriette Confurius, Paula Schindler, Ghazal Shojaei, Kyung-Taek Lie, Buksori Lie, u.a.
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Die 15-jährige Leo sucht nach ihrem ihr unbekannten Vater und erkennt ihn schließlich als Surflehrer in Italien auf einem youtube-Video. Kurzerhand macht sie sich auf den Weg von Berlin an die Küste des winterlichen Norden Italiens. Der kleine Badeort, in dem Paolo lebt und arbeitet, scheint völlig verlassen. Als Leo ihrem Vater dort schließlich findet, ist er völlig überfordert, schickt sie aber nicht gleich fort. „Schauspielerin und Kinderärztin Alissa Jung präsentiert mit Paternal Leave … ihr Langfilmdebüt als Regisseurin. In der deutsch-italienischen Koproduktion, in der ihr Ehemann Luca Marinelli die männliche Hauptrolle spielt, widmet sich Jung auf feinfühlige, aber kitschfreie Art einer gerade erst beginnenden Vater-Tochter-Beziehung. Leo und Paolo legt sie als unkonventionelle, komplexe Charaktere an, die Fehler machen dürfen: Auf kurze Momente der Annäherung folgt schnell die nächste Enttäuschung. Selbstbewusst konfrontiert Leo ihren Vater mit seinen Versäumnissen und seinem fehlenden Verantwortungsgefühl. Auf seine faulen Ausreden hat Leo immer die passende Antwort und hält ihm konsequent den Spiegel vor. In den tristen Nebensaisonaufnahmen des im Sommer sehr belebten, kinderfreundlichen Ortes spiegelt sich Leos Traurigkeit, während Paolos liebevoller Umgang mit seiner jüngeren Tochter Emilia Leo schmerzlich vor Augen führt, was Paolo ihr vorenthalten hat. Die … Tragikomödie überzeugt mit dem relevanten Thema abwesender Väter – und vor allem mit ihrer coolen und schlagfertigen jungen Heldin, die sich erwachsener und reflektierter verhält als ihr Vater.“ Stefanie Borowsky | indiekino
Am 30.11.2025 um 20:00 Uhr findet REVOLVERLIVE! im fsk Kino statt. Gezeigt wird der vielfach ausgezeichnete Film De Facto von Selma Doborac. Im Anschluss an das Screening findet ein Filmgespräch mit Selma Doborac und Franz Müller (Revolver) statt.
Die Frage nach der Repräsentation historischer Täterschaft, die durch Auteurs wie Resnais, Marker und Lanzmann popularisiert wurde, ist eine mit der sich das Kino in seiner Bestrebung und Fähigkeit nach Besserung durch das gesamte letzte Jahrhundert eingehend beschäftigt hat. Und eine Vielzahl an Antworten fließt herbei, genauso wie Geschichte fließt und sich ereignet, immer weitere Fragen stellend – mit jedem ungerechten Tod, mit jedem Massenmord, mit jedem Krieg und mit jedem Genozid, weshalb sich auch das Kino mit der Repräsentation dessen weiterhin auseinanderzusetzen haben wird – aber wie? De Facto bietet eine mögliche Antwort darauf. Durch seine rigorose und sehr präzise Form findet der Film Mittel, Täter systematisch begangener Verbrechen der jüngeren Zeitgeschichte zu repräsentieren, ihre Weltanschauung zwar sondierend und prüfend ohne diese jedoch jemals auf den Zuschauer zu replizieren. Das Ästhetische und das Politische des Filmes sind weit entfernt davon eine rein zweigliedrige Formel anzubieten, im Gegenteil – sie sind eine und dieselbe Energie, gebündelt in einer herausfordernden Tour de Force. (Flavia Dima)
„Mehr noch als die Sprache vergangener Verbrechen aufzuzeichnen, zu bewahren, geht es Doborac darum, in einem abstrakt-gebauten, aber mit der Wirklichkeit im Austausch stehenden Setting, von dem zu berichten, was man nicht so einfach als Geschichte abheften kann. Oder noch simpler: Dieser Film lässt sich wie eine Schablone auf Genozide, Kriegsverbrechen oder Reden von Diktatoren legen. Er beinhaltet eine gleichbleibende Wahrheit. Sie zu erkennen, ist die Arbeit des Films. Sie zu unterbinden, läge an uns. Dass man diese vom Film evozierte Zeitlichkeit nur erlebt, wenn man sich die komplette Dauer (sowohl einer Einstellung als auch des gesamten Films) aussetzt, ist in der heutigen Zeit fast ein Anachronismus. Zuhören ist ein Anachronismus. Gleichzeitig aber erinnert genau dieses Ausgeliefertsein an die eigentümliche Kraft des Mediums. Man hört zu und erlebt so selbst körperlich, was es bedeutet, sich bewusst zu werden, zu was Menschen fähig sind.“ (Patrick Holzapfel, DEFACTO – Hervorgeholtes vergegenwärtigt, Fidback, Revue de cinéma, Print-Ausgabe #0, September 2024)
„Die identitätspolitische Frage des ‚Wer spricht?’ wird in DEFACTO von Beginn an aus gutem Grund unterlaufen. Denn es sind gerade die scheinbar klaren Positionierungen, die in Bezug auf politische Gewalt eine falsche Sicherheit versprechen. In jahrelanger Recherche hat die Regisseurin Selma Doborac unterschiedlichste Quellen studiert, darunter Gerichtsprotokolle aus Den Haag, Zeugenaussagen und Täterberichte aus einer Vielzahl geschichtlicher Kontexte. An ihnen zeigen sich universelle Dynamiken von Gewalt, die über das Historisch-Spezifische der Verbrechen hinausgehen. Sich mit ihnen zu konfrontieren, verunsichert moralische Gewissheiten und Distanzierungen, weil die beunruhigende Möglichkeit ihrer Wiederkehr ins Bewusstsein rückt. Zugleich wird dadurch aber erst eine tiefgreifende analytische Reflexion möglich, die der Unmenschlichkeit etwas entgegensetzen kann.“ (Silvia Bahl, Nichts ungeheuerer als der Mensch. Der Caligari-Preisträgerfilm DEFACTO, Filmdienst, März 2023)
Credits:
AT/DE 2023, 130 Min., deutsche OmeU Drehbuch, Regie, Schnitt, Produktion: Selma Doborac Kamera: Klemens Hufnagl Ton: Claus Benischke-Lang Tonmischung: Jochen Jezussek Musik: Didi Kern & Philipp Quehenberger Casting: Ulrike Müller Objekte: Heimo Zobernig & Franz West Mit: Christoph Bach, Cornelius Obonya
Ein abgelegenes, mehr als baufälliges Haus irgendwo im Herzen Amerikas soll das neue zu Hause werden: Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson) sind freilebende, frei denkende Künstlernaturen, sie schreibt, er macht Musik, die der Großstadt und ihren Versuchungen entkommen wollen. Die Zivilisation wirkt sehr fern, allein Jacksons alternde Mutter Pam (Sissy Spacek) lebt nicht allzu weit weg.
Anfangs wirkt die selbstgewählte Einsamkeit auch mehr als stimulierend auf das Paar, der Alkohol fließt in Strömen, der Sex ist wild und bald wird ein Kind geboren. Und damit beginnen die Probleme, langsam, aber unaufhaltbar. Immer irritierter wirkt Grace, immer weniger bereit, sich in die von der Gesellschaft vorgegebene Rolle der sorgenden Mutter zu fügen, während Jackson immer häufiger der Arbeit (aber auch der Affären) wegen verschwunden ist und die Einsamkeit Grace zusätzlich belastet.
Acht Jahre ist es her, dass die schottische Regisseurin Lynne Ramsay zuletzt einen Film drehen konnte, den düsteren Thriller „You Were Never Really Here“, in dem Joaquin Phoenix so gut war wie selten und sich ganz der Vision Ramsays hingab. Ähnliches lässt sich nun über Jennifer Lawrence sagen, um die es in den letzten Jahren ein wenig ruhiger wurde, die sich nun aber mit einer fulminanten Darstellung zurückmeldet, die ebenso exzessiv wirkt, wie der Film.
Den baut Ramsay wie immer nicht linear, sondern impressionistisch auf, sie erzählt stringent, sondern elliptisch, springt zwischen Szenen, die in der Zukunft liegen und der Gegenwart hin und her, deutet in sporadischen Rückblenden die Anfänge der Beziehung zwischen Grace und Jackson an, vor allem aber zum Leben ihrer Schwiegermutter Pam und dessen inzwischen verstorbenen Mann Harry (Nick Nolte).
„Im ersten Jahr drehen wir alle ein bisschen durch“ sagt Pam einmal zu ihrer Schwiegertochter, wobei nicht ganz klar ist, ob sie vom ersten Jahr der Ehe oder vom ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes spricht – oder Beidem. Die Geschichte wiederholt sich jedenfalls, die Muster einer Beziehung ändern sich nur schwer. Während Pam offenbar Probleme mit Harry hatte, aber dennoch bis zu dessen Tod mit ihm zusammenblieb (und noch Monate später seine Hemden bügelt), kann sich Grace nur schwer dazu durchringen, den Konventionen zu entsprechen, sich in ihre Rolle als Mutter und Hausfrau zu fügen.
Hätte ein Mann diesen Film gedreht, würde man ihm wohl vorhalten, sich am zunehmend labilen Zustand einer langsam in eine Psychose abdriftenden Frau zu laben und ihr Leid auszustellen. Als Blick einer Frau auf eine andere Frau wirkt „Die My Love“ jedoch bei allem Exzess wie ein sensibler, zunehmend tragischer Blick auf eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich mit allem was sie hat, den von Männern gemachten Konventionen widersetzt. Dass es am Ende Lynne Ramsay selbst ist, die eine wunderbar sanfte Version des legendären Joy Divison Songs „Love will tear us apart“ singt, bringt die Intentionen dieses oft anstrengenden, aber ebenso mitreißenden Films schließlich auf den Punkt.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
CA 2024, 118 Min., Englisch OmU Regie: Lynne Ramsay Kamera: Seamus McGarvey Schnitt: Toni Froschhammer mit : Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Lakeith Stanfield, Sissy Spacek
Trailer:
DIEMYLOVE | Offizieller Teaser-Trailer | Ab 13. November im Kino
Ein abgelegenes, mehr als baufälliges Haus irgendwo im Herzen Amerikas soll das neue zu Hause werden: Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson) sind freilebende, frei denkende Künstlernaturen, sie schreibt, er macht Musik, die der Großstadt und ihren Versuchungen entkommen wollen. Die Zivilisation wirkt sehr fern, allein Jacksons alternde Mutter Pam (Sissy Spacek) lebt nicht allzu weit weg.
Anfangs wirkt die selbstgewählte Einsamkeit auch mehr als stimulierend auf das Paar, der Alkohol fließt in Strömen, der Sex ist wild und bald wird ein Kind geboren. Und damit beginnen die Probleme, langsam, aber unaufhaltbar. Immer irritierter wirkt Grace, immer weniger bereit, sich in die von der Gesellschaft vorgegebene Rolle der sorgenden Mutter zu fügen, während Jackson immer häufiger der Arbeit (aber auch der Affären) wegen verschwunden ist und die Einsamkeit Grace zusätzlich belastet.
Acht Jahre ist es her, dass die schottische Regisseurin Lynne Ramsay zuletzt einen Film drehen konnte, den düsteren Thriller „You Were Never Really Here“, in dem Joaquin Phoenix so gut war wie selten und sich ganz der Vision Ramsays hingab. Ähnliches lässt sich nun über Jennifer Lawrence sagen, um die es in den letzten Jahren ein wenig ruhiger wurde, die sich nun aber mit einer fulminanten Darstellung zurückmeldet, die ebenso exzessiv wirkt, wie der Film.
Den baut Ramsay wie immer nicht linear, sondern impressionistisch auf, sie erzählt stringent, sondern elliptisch, springt zwischen Szenen, die in der Zukunft liegen und der Gegenwart hin und her, deutet in sporadischen Rückblenden die Anfänge der Beziehung zwischen Grace und Jackson an, vor allem aber zum Leben ihrer Schwiegermutter Pam und dessen inzwischen verstorbenen Mann Harry (Nick Nolte).
„Im ersten Jahr drehen wir alle ein bisschen durch“ sagt Pam einmal zu ihrer Schwiegertochter, wobei nicht ganz klar ist, ob sie vom ersten Jahr der Ehe oder vom ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes spricht – oder Beidem. Die Geschichte wiederholt sich jedenfalls, die Muster einer Beziehung ändern sich nur schwer. Während Pam offenbar Probleme mit Harry hatte, aber dennoch bis zu dessen Tod mit ihm zusammenblieb (und noch Monate später seine Hemden bügelt), kann sich Grace nur schwer dazu durchringen, den Konventionen zu entsprechen, sich in ihre Rolle als Mutter und Hausfrau zu fügen.
Hätte ein Mann diesen Film gedreht, würde man ihm wohl vorhalten, sich am zunehmend labilen Zustand einer langsam in eine Psychose abdriftenden Frau zu laben und ihr Leid auszustellen. Als Blick einer Frau auf eine andere Frau wirkt „Die My Love“ jedoch bei allem Exzess wie ein sensibler, zunehmend tragischer Blick auf eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich mit allem was sie hat, den von Männern gemachten Konventionen widersetzt. Dass es am Ende Lynne Ramsay selbst ist, die eine wunderbar sanfte Version des legendären Joy Divison Songs „Love will tear us apart“ singt, bringt die Intentionen dieses oft anstrengenden, aber ebenso mitreißenden Films schließlich auf den Punkt.
Michael Meyns | programmkino.de
Credits:
CA 2024, 118 Min., Englisch OmU Regie: Lynne Ramsay Kamera: Seamus McGarvey Schnitt: Toni Froschhammer mit : Jennifer Lawrence, Robert Pattinson, Lakeith Stanfield, Sissy Spacek
Trailer:
DIEMYLOVE | Offizieller Teaser-Trailer | Ab 13. November im Kino
Ein Ort im Harz im Wechsel der Zeiten: Sensibel und manchmal absurd zugespitzt bringt Julian Radlmaier (Blutsauger, Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes) in seinem neuen Film Menschen zusammen, die in der öffentlichen Debatte oft gegeneinander ausgespielt werden. Ursula lebt in Sangerhausen von zwei Jobs im Niedriglohnsektor. Die Iranerin Neda wartet auf und kämpft um einen dauerhaften Aufenthaltsstatus. Als erste aber lernen wir Lotte kennen, die vor 230 Jahren als Dienstmagd u.a. den Nachttopf von Novalis leeren musste. Allen drei Frauen ist ihr Status als Verliererinnen in dieser Gesellschaft bewusst. Jede sucht sich ihren Ausweg auf ihre Weise. Lotte will nach Frankreich, als sie von der dortigen Revolution hört, Ursula verliebt sich hoffnungslos in eine Künstlerin aus der Stadt, die einer anderen Klasse angehört, und Neda versucht, sich als Influencerin mit Tipps über billige Urlaubsziele über Wasser zu halten, was sie nach Sangerhausen führt. Zusammen mit Sung-Nam, einem älteren Mann koreanischer Herkunft, und dessen Wahlenkel Buk geraten Ursula und Neda auf Geisterjagd in die nahe Barbarossa-Höhle, in der Lotte einst verschwand. “… kann romantische Sehnsucht einen Ausweg aus dem tristen Alltag bieten? In seiner Komödie verbindet Radlmaier sehr lakonisch seine stets gegenwärtige Kapitalismuskritik mit Ikonen der deutschen Romantik: der Blauen Blume des Dichters Novalis (Friedrich von Hardenberg) sowie dem Kyffhäuser mit seiner Barbarossa-Legende. Der Geist, der den Protagonistinnen Ursula und Neda stattdessen erscheint, hat allerdings einen eher pragmatischen Ratschlag parat: „Hört auf zu jammern!“ (Lars Penning | Viennale)
Credits:
DE 2025, 90 Min., Deutsch mit englischen Untertiteln Regie & Schnitt: Julian Radlmaier Kamera: Faraz Fesharaki mit: Clara Schwinning, Maral Keshavarz, Henriette Confurius, Paula Schindler, Ghazal Shojaei, Kyung-Taek Lie, Buksori Lie, u.a.
Audiodeskriptionen, Untertitel und Hörverstärkung mit der Greta App
Die 15-jährige Leo sucht nach ihrem ihr unbekannten Vater und erkennt ihn schließlich als Surflehrer in Italien auf einem youtube-Video. Kurzerhand macht sie sich auf den Weg von Berlin an die Küste des winterlichen Norden Italiens. Der kleine Badeort, in dem Paolo lebt und arbeitet, scheint völlig verlassen. Als Leo ihrem Vater dort schließlich findet, ist er völlig überfordert, schickt sie aber nicht gleich fort. „Schauspielerin und Kinderärztin Alissa Jung präsentiert mit Paternal Leave … ihr Langfilmdebüt als Regisseurin. In der deutsch-italienischen Koproduktion, in der ihr Ehemann Luca Marinelli die männliche Hauptrolle spielt, widmet sich Jung auf feinfühlige, aber kitschfreie Art einer gerade erst beginnenden Vater-Tochter-Beziehung. Leo und Paolo legt sie als unkonventionelle, komplexe Charaktere an, die Fehler machen dürfen: Auf kurze Momente der Annäherung folgt schnell die nächste Enttäuschung. Selbstbewusst konfrontiert Leo ihren Vater mit seinen Versäumnissen und seinem fehlenden Verantwortungsgefühl. Auf seine faulen Ausreden hat Leo immer die passende Antwort und hält ihm konsequent den Spiegel vor. In den tristen Nebensaisonaufnahmen des im Sommer sehr belebten, kinderfreundlichen Ortes spiegelt sich Leos Traurigkeit, während Paolos liebevoller Umgang mit seiner jüngeren Tochter Emilia Leo schmerzlich vor Augen führt, was Paolo ihr vorenthalten hat. Die … Tragikomödie überzeugt mit dem relevanten Thema abwesender Väter – und vor allem mit ihrer coolen und schlagfertigen jungen Heldin, die sich erwachsener und reflektierter verhält als ihr Vater.“ Stefanie Borowsky | indiekino
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