Im Naturhistorischen Museum in Wien wird mit akribischer Energie gesammelt, geforscht, archiviert und reflektiert – mehr als 30 Millionen Objekte sind hier über die Jahrhunderte zusammengetragen worden. Der Film zeigt das Museum als eine Welt, die sich in ständiger Veränderung befindet: Die spektakulären Archivarien aus tausenden Jahren Natur und Menschheitsgeschichte werden durch Grundlagenforschung und den lebendigen Apparat des Museums immer wieder neu in der Gegenwart befragt, um in der Zukunft Geschichten zu erzählen. Wie bei einem Rundgang hinter den Kulissen erschließt sich die Institution: ein kürzlich verstorbener Löwe wird zur Präparation eingeliefert, die Haltung eines Dinosauriers dem aktuellen Forschungsstand angepasst oder Artefakte mittels 3D-Scan digitalisiert. Als aufmerksamer Beobachters entwirft Regisseur und Kameramann Joerg Burger das Museum als einen Ort, an dem das physische Handwerk am Objekt immer auch mit Fragen nach Wissenskonstruktionen und deren inhärenten Machtbeziehungen einhergeht. Die Spezies Mensch – als vermeintlich Betrachtende und Wissende – wird in ihrer Beziehung zu Tier, Natur und Historie schließlich selbst beobachtet.
Im Naturhistorischen Museum in Wien wird mit akribischer Energie gesammelt, geforscht, archiviert und reflektiert – mehr als 30 Millionen Objekte sind hier über die Jahrhunderte zusammengetragen worden. Der Film zeigt das Museum als eine Welt, die sich in ständiger Veränderung befindet: Die spektakulären Archivarien aus tausenden Jahren Natur und Menschheitsgeschichte werden durch Grundlagenforschung und den lebendigen Apparat des Museums immer wieder neu in der Gegenwart befragt, um in der Zukunft Geschichten zu erzählen. Wie bei einem Rundgang hinter den Kulissen erschließt sich die Institution: ein kürzlich verstorbener Löwe wird zur Präparation eingeliefert, die Haltung eines Dinosauriers dem aktuellen Forschungsstand angepasst oder Artefakte mittels 3D-Scan digitalisiert. Als aufmerksamer Beobachters entwirft Regisseur und Kameramann Joerg Burger das Museum als einen Ort, an dem das physische Handwerk am Objekt immer auch mit Fragen nach Wissenskonstruktionen und deren inhärenten Machtbeziehungen einhergeht. Die Spezies Mensch – als vermeintlich Betrachtende und Wissende – wird in ihrer Beziehung zu Tier, Natur und Historie schließlich selbst beobachtet.
Am stärksten im Fokus steht das freundliche Verwischen von Grenzen zwischen den Identitäten und Orientierungen im Film Sehnsucht / Sex. Es ist zugleich der lustigste Teil der Trilogie. Der Film startet mit Aufnahmen vom Osloer Umland: Auffahrtstraßen, Industriegebiet, im Gemeindeschwimmbad ziehen Menschen ihre Bahnen. Dann beginnt ein namenloser Mann , Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, von seinem verwirrenden Traum zu erzählen – einfach so, beim Mittagessen im Pausenraum. David Bowie und er, erzählt der Mann, seien sich in seinem Traum in einer Toilette begegnet, und Bowie hätte ihn gemustert, als wäre er, der Schornsteinfeger, eine Frau. Die Blicke seien nicht abwertend gewesen, einfach nur anders. Nein, eigentlich sogar angenehm. Sein bester Freund, ebenfalls Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, hört ihm aufmerksam und verständnisvoll zu. Dann erzählt er, wie ihm jüngst ein Klient nach getaner Arbeit Zeichen gegeben habe, an ihm interessiert zu sein. Erst habe er gezögert, dann hätten sie Sex gehabt. »Wie er mich angesehen hat, das habe ich noch nie erlebt«, sagt der Freund. »Als hätte er Lust auf mich. Regelrecht schamlos.« Später erzählt der Freund auch seiner Ehefrau von dem Sex. Sein Argument: Gerade weil es mit einem Mann gewesen sei und er ganz offen darüber spreche, habe er sie nicht betrogen. Doch das sieht die Ehefrau ganz anders….“ Hannah Pilarczyk | Der Spiegel Und natürlich besteht auch hier viel Gesprächsbedarf.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
Nachdem ein Feuer das Camp Moria im September 2020 komplett vernichtet hatte, wurde es gespenstisch still. Nicht nur vor Ort, sondern auch im öffentlichen Diskurs. Weder die menschenrechtswidrigen Bedingungen in den weiteren Lagern an den Außengrenzen Europas noch die zahllosen Pushbacks im Mittelmeer schienen die Allgemeinheit näher zu beschäftigen. Auch die Verhaftung der sechs Jugendlichen, die man der Brandstiftung bezichtigte, blieb ohne weithin hörbares Echo – obwohl schon ein zweiter Blick auf die Umstände der Ermittlungen und den folgenden Strafprozess das Vorgehen der griechischen Justiz als fragwürdig offenbarte. Ganz zu schweigen von der zugrunde liegenden Flüchtlingspolitik der Europäischen Union. Jennifer Mallmann wagt mit ihrem Film diesen zweiten Blick. Im Zentrum steht ihr Briefwechsel mit Hassan, einem der verurteilten Jugendlichen, der ihr aus dem Gefängnis von seinem Alltag, seinen Wünschen und Ängsten berichtet. Ruhige, exakt kadrierte Bilder dokumentieren „Normalität“ an den Rändern der Festung Europa. Sie zeigen, wie strategische Abschottung und die damit einhergehende strukturelle Ausgrenzung funktionieren. Wer wissen will, wie sich unsere Staatengemeinschaft ihre Zukunft vorstellt, muss nur die neu errichteten, futuristischen Hochsicherheitslager betrachten. Dort werden die Ankommenden behandelt wie Menschen, die schwere Verbrechen begangen haben.
Credits:
DE 2024, 82 Min., OmU, Regie: Jennifer Mallmann Kamera: Sina Diehl Schnitt: Maxie Borchert
Caught by the tides ist Jia Zhangkes experimentellster Film und einer seiner besten. Einerseits ist der Film eine Art Coda, eine Wiederholung oder eine Variation von Asche ist reines Weiss (2019). Caught by the tides beginnt, wie der ältere Film, 2001 in Datong. In beiden Filmen sind die Hauptfiguren die Tänzerin Qiaoqiao (Tao Zhao) und der Gangster Guo Bin, der allerdings in Asche von Fan Liao, in Caught by the tides von Zhubin Li gespielt wird. In beiden Filmen sind sie ein Paar, dann werden sie getrennt, und sie sucht ihn einige Jahre später. Die Parallelen gehen noch weiter, aber Asche ist reines Weiss war noch eine Art Neo-Noir, in Caught by the tides ist die Liebesbeziehung aufs extremste reduziert. Qiao und Bin reden nicht ein einziges Mal miteinander. Erst in der allerletzten Szene spricht Qiao ein Wort: „Ha!“. Ihre Beziehung im Film besteht nur aus Gesten. Dafür ist die reine filmische Wucht von Caught by the tides noch größer. Es gibt drei Episoden: 2001 in der Bergarbeiterstadt Datong in Nordchina, 2006 in Fengjie, einer Stadt im Einzugsgebiet des monumentalen „Drei Schluchten“-Staudamms, die komplett umgesiedelt wurde, und 2022 in Zhuhai, Südchina und wieder zurück in Datong, das sich gewaltig verändert hat. Die „drifting generation“ nennt Jia die Generation seiner Hauptfiguren. In den ersten zwanzig Jahren des Jahrhunderts fand in China ein gewaltiger Wandel statt. In Jias Film spiegelt sich dieser Wandel. Caught by the tides ist ein Film, der Treibgut sammelt, Überreste untergegangener Welten und über Bord geworfener Traditionen der Gemeinschaft. Der Film ist aber auch eine Feier des widerständigen Unkrauts, der Menschen, die ziellos durch diese Welt treiben. Einige gehen verloren, viele Abschiede werden genommen, einigen gelingt es, eine neue Art von Gemeinschaft zu finden, und sei es, wie Qiaoqiao, in einer Laufgruppe, die sich die Stadt und die Straßen auf ihre Art zu eigen macht.“ Tom Dorow | indiekino
Credits:
Feng liu yi dai CN 2024, 110 Min., chin. OmU Regie: Jia Zhang-Ke Kamera: Yu Lik-Wai, Eric Gautier Schnitt: Yang Chao, Lin Xudong, Matthieu Laclau mit: Zhao Tao, Li Zhubin, Pan Jianlin, Lan Zhou
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Am stärksten im Fokus steht das freundliche Verwischen von Grenzen zwischen den Identitäten und Orientierungen im Film Sehnsucht / Sex. Es ist zugleich der lustigste Teil der Trilogie. Der Film startet mit Aufnahmen vom Osloer Umland: Auffahrtstraßen, Industriegebiet, im Gemeindeschwimmbad ziehen Menschen ihre Bahnen. Dann beginnt ein namenloser Mann , Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, von seinem verwirrenden Traum zu erzählen – einfach so, beim Mittagessen im Pausenraum. David Bowie und er, erzählt der Mann, seien sich in seinem Traum in einer Toilette begegnet, und Bowie hätte ihn gemustert, als wäre er, der Schornsteinfeger, eine Frau. Die Blicke seien nicht abwertend gewesen, einfach nur anders. Nein, eigentlich sogar angenehm. Sein bester Freund, ebenfalls Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, hört ihm aufmerksam und verständnisvoll zu. Dann erzählt er, wie ihm jüngst ein Klient nach getaner Arbeit Zeichen gegeben habe, an ihm interessiert zu sein. Erst habe er gezögert, dann hätten sie Sex gehabt. »Wie er mich angesehen hat, das habe ich noch nie erlebt«, sagt der Freund. »Als hätte er Lust auf mich. Regelrecht schamlos.« Später erzählt der Freund auch seiner Ehefrau von dem Sex. Sein Argument: Gerade weil es mit einem Mann gewesen sei und er ganz offen darüber spreche, habe er sie nicht betrogen. Doch das sieht die Ehefrau ganz anders….“ Hannah Pilarczyk | Der Spiegel Und natürlich besteht auch hier viel Gesprächsbedarf.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
In einem Haus am Ufer eines idyllischen Sees, umgeben von dichten Wäldern, arbeiten drei Erzieher:innen im Schichtdienst in einer Wohngruppe. Die Kinder nennen sie Herr Wagner, Frau Wagner und Herr Gerecke. Kochen, waschen, einkaufen und die Kinder mit dem Kleintransporter zur Schule und Freizeitaktivitäten zu bringen, gehört ebenso zu ihrem Alltag, wie zuhören, trösten, auf dem Sofa kuscheln, Filmabende und Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Die Betreuer:innen wollen keine Ersatzeltern sein, und dennoch zeigen, wie sich ein familiäres Miteinander anfühlen kann.
Alle fünf Kinder, die hier leben, vereint vor allem eines: der Wunsch eines Tages nach Hause zurückzukehren. Dafür setzen sich die Erzieher:innen unermüdlich ein: sie sprechen mit Vormund, Eltern und Jugendamt, dokumentieren, organisieren, setzen gemeinsam Ziele und treffen Verabredungen – und sind nicht selten darüber enttäuscht, dass diese nicht eingehalten werden. Das erinnert an einen Kampf gegen Windmühlen, an den Grenzen eines überforderten Systems.
Was früher das Dorf war, ist heute der komplexe Apparat der Kinder- und Jugendhilfe. Spätestens seit der Pandemie gilt das Berufsfeld als systemrelevant, und dennoch bleibt die besondere wie herausfordernde Arbeit der Fachkräfte, ihr engagierter Einsatz zum Wohl der Kinder, meist unsichtbar. IMPRINZIPFAMILIE gewährt über ein Jahr lang einen intimen Einblick in den Alltag der Kinder- und Jugendhilfe und richtet den Fokus auf die Menschen im Hintergrund, die Tag für Tag daran arbeiten, den Kindern das zu geben, was sie am meisten brauchen: Geborgenheit und jemanden, der auf ihrer Seite steht.
Der Film ist nominiert für den Deutschen Kamerapreis (Kamera: Johannes Praus) und wurde u.a. mit dem ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness (DOK Leipzig Filmfestival 2024) und dem Perception Change Award der Vereinten Nationen beim Filmfestival Visions du Réel 2025 in der Schweiz ausgezeichnet.
Credits:
DE 2024, 91 Min., dt. OmeU Regie: Daniel Abma Kamera: Johannes Praus Schnitt: Jana Dugnus
Caught by the tides ist Jia Zhangkes experimentellster Film und einer seiner besten. Einerseits ist der Film eine Art Coda, eine Wiederholung oder eine Variation von Asche ist reines Weiss (2019). Caught by the tides beginnt, wie der ältere Film, 2001 in Datong. In beiden Filmen sind die Hauptfiguren die Tänzerin Qiaoqiao (Tao Zhao) und der Gangster Guo Bin, der allerdings in Asche von Fan Liao, in Caught by the tides von Zhubin Li gespielt wird. In beiden Filmen sind sie ein Paar, dann werden sie getrennt, und sie sucht ihn einige Jahre später. Die Parallelen gehen noch weiter, aber Asche ist reines Weiss war noch eine Art Neo-Noir, in Caught by the tides ist die Liebesbeziehung aufs extremste reduziert. Qiao und Bin reden nicht ein einziges Mal miteinander. Erst in der allerletzten Szene spricht Qiao ein Wort: „Ha!“. Ihre Beziehung im Film besteht nur aus Gesten. Dafür ist die reine filmische Wucht von Caught by the tides noch größer. Es gibt drei Episoden: 2001 in der Bergarbeiterstadt Datong in Nordchina, 2006 in Fengjie, einer Stadt im Einzugsgebiet des monumentalen „Drei Schluchten“-Staudamms, die komplett umgesiedelt wurde, und 2022 in Zhuhai, Südchina und wieder zurück in Datong, das sich gewaltig verändert hat. Die „drifting generation“ nennt Jia die Generation seiner Hauptfiguren. In den ersten zwanzig Jahren des Jahrhunderts fand in China ein gewaltiger Wandel statt. In Jias Film spiegelt sich dieser Wandel. Caught by the tides ist ein Film, der Treibgut sammelt, Überreste untergegangener Welten und über Bord geworfener Traditionen der Gemeinschaft. Der Film ist aber auch eine Feier des widerständigen Unkrauts, der Menschen, die ziellos durch diese Welt treiben. Einige gehen verloren, viele Abschiede werden genommen, einigen gelingt es, eine neue Art von Gemeinschaft zu finden, und sei es, wie Qiaoqiao, in einer Laufgruppe, die sich die Stadt und die Straßen auf ihre Art zu eigen macht.“ Tom Dorow | indiekino
Credits:
Feng liu yi dai CN 2024, 110 Min., chin. OmU Regie: Jia Zhang-Ke Kamera: Yu Lik-Wai, Eric Gautier Schnitt: Yang Chao, Lin Xudong, Matthieu Laclau mit: Zhao Tao, Li Zhubin, Pan Jianlin, Lan Zhou
Nach Oslo-Stories: Liebe, diesem Filmjuwel, dass sich bisher viel zu viele haben entgehen lassen, kommt hier schon der nächste Teil von Dag Johan Haugeruds Oslo-Trilogie ins Kino, und er bringt wertvolles Gepäck mit – den Goldenen Bären der letzten Berlinale. Die Tradition des Festivals, explizit politisch zu lesende Filme auszuzeichnen, wurde diesmal unterbrochen. Träume ist deswegen nicht minder aufregend. Die 17-jährige Johanne verliebt sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin. Im späteren Verlangen, diese wichtige Zeit für sich festzuhalten, verpackt sie die Erlebnisse in eine Erzählung. Als erst ihre Mutter, und später auch ihre Großmutter, eine bekannte Dichterin, den Text lesen, ist die Aufregung groß. Bewunderung und Stolz, Sorge und sogar Konkurrenzangst wechseln sich ab, und zwischen den Frauen dreier Generationen gibt es viel Gesprächsbedarf. „Träume ist einerseits ein sehr einfacher Film, der eine kleine Geschichte ohne dramatische Wendungen erzählt. Andererseits ist Träume ein sehr komplexer Film, der auf mehreren klug verschachtelten Ebenen darüber nachdenkt, wie Texte, die Realität, die sie beschreiben, und die Menschen, die sie verfassen oder rezipieren, miteinander verbunden sind, und wie ihre Bedeutungen einer permanenten Veränderung unterworfen sind – je nachdem wer was wann warum wo sagt oder hört, oder auch verschweigt. Und schließlich ist Träume ein sehr freundlicher, tröstlicher Film, der von Wandelbarkeit erzählt. Wo die meisten Filme versuchen, eine mehrdeutige und unordentliche Realität in eine sinnhafte Geschichte zu verwandeln, unternimmt Träume das Gegenteil. Jede Szene, jede Person, jede Form des Diskurses fügt der Welt, die Träume abbildet, eine neue Facette hinzu, macht sie größer, offener, vielfältiger. Für mich hätte Träume einfach immer weiter gehen können.“ Hendrike Bake | indiekino
Die drei „Oslo-Stories“ bilden eine einzigartige Filmtrilogie. Liebe (Venedig Wettbewerb 2024), Träume (Berlinale Goldener Bär 2025) und Sehnsucht / Sex (Berlinale Panorama 2024) sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte, und jeder ist ein Ereignis. Getrennt voneinander werfen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Identität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und klugen Dialogen gewitzt und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten. Und Oslo sehen wir aus der Perspektive der Protagonisten: innerstädtisch bei Träume, hoch auf den Dächern bei Sehnsucht / Sex und in Liebe wird ständig der Oslofjord mit der Fähre überquert.
Goldener Bär – Berlinale 2025
Credits:
NO 2024, 110 Min., norwegische OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Am stärksten im Fokus steht das freundliche Verwischen von Grenzen zwischen den Identitäten und Orientierungen im Film Sehnsucht / Sex. Es ist zugleich der lustigste Teil der Trilogie. Der Film startet mit Aufnahmen vom Osloer Umland: Auffahrtstraßen, Industriegebiet, im Gemeindeschwimmbad ziehen Menschen ihre Bahnen. Dann beginnt ein namenloser Mann , Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, von seinem verwirrenden Traum zu erzählen – einfach so, beim Mittagessen im Pausenraum. David Bowie und er, erzählt der Mann, seien sich in seinem Traum in einer Toilette begegnet, und Bowie hätte ihn gemustert, als wäre er, der Schornsteinfeger, eine Frau. Die Blicke seien nicht abwertend gewesen, einfach nur anders. Nein, eigentlich sogar angenehm. Sein bester Freund, ebenfalls Schornsteinfeger, Familienvater, Mitte vierzig, hört ihm aufmerksam und verständnisvoll zu. Dann erzählt er, wie ihm jüngst ein Klient nach getaner Arbeit Zeichen gegeben habe, an ihm interessiert zu sein. Erst habe er gezögert, dann hätten sie Sex gehabt. »Wie er mich angesehen hat, das habe ich noch nie erlebt«, sagt der Freund. »Als hätte er Lust auf mich. Regelrecht schamlos.« Später erzählt der Freund auch seiner Ehefrau von dem Sex. Sein Argument: Gerade weil es mit einem Mann gewesen sei und er ganz offen darüber spreche, habe er sie nicht betrogen. Doch das sieht die Ehefrau ganz anders….“ Hannah Pilarczyk | Der Spiegel Und natürlich besteht auch hier viel Gesprächsbedarf.
Credits:
OT: Sex DE 2023, 90 Min., norw. OmU Regie: Dag Johan Haugerud Kamera: Cecilie Semec Schnitt: Jens Christian Fodstad mit: Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen
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