Ellbogen

Ellbogen

Ein Film von Aslı Özarslan. 

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Weißt du noch, was du wer­den woll­test, als du noch klein warst? Du woll­test Ärztin wer­den. Mama woll­te immer, dass du Arzthelferin wirst. Aber du woll­test Ärztin wer­den“, erzählt Semra ein­mal zu ihrer klei­nen Schwester Hazal, um sie auf­zu­mun­tern. Die küh­le Antwort: „Ich woll­te nie Ärztin wer­den. Als ich klein war, woll­te ich Popstar wer­den.“ Ob Ärztin, Arzthelferin oder Popstar, bis dato kann die jun­ge Frau aus dem Wedding trotz vie­ler Bewerbungen über­haupt kei­nen Beruf oder Ausbildungsplatz vor­wei­sen, nicht zu einer ein­zi­gen Vorstellung wur­de sie ein­ge­la­den. Das stresst und frus­triert, doch an ihrem 18. Geburtstag soll gefei­ert wer­den, dass es kracht, und der gemei­ne Alltag bleibt daheim. Mit den Freundinnen Elma, Gül und Ebru zieht Hazel durch die Stadt, Höhepunkt soll der Besuch im cools­ten Club der Stadt sein, doch dort ist Schluss: kein Einlass, da zu auf­ge­bre­zelt. Die extre­me Wut über die erneu­te Zurückweisung ent­lädt sich bei Hazel in einer Weise, dass sie als Ausweg nur noch die Flucht aus dem Land sieht, und so sitzt sie schon am nächs­ten Tag in dem ihr unbe­kann­ten Istanbul. Konnte sie in Berlin wegen ihrer tür­ki­schen Backgrounds nie rich­tig ankom­men, fin­det sie sich in der für sie frem­den Türkei auch nicht zurecht.
Die Berliner Regisseurin Asli Özarslan (ihr Dokumentarfilm Dil Leyla war 2017 bei uns zu sehen), ver­filmt hier den gleich­na­mi­gen Roman von Fatma Aydemir kon­se­quent aus jun­ger, weib­li­cher, migran­ti­scher Perspektive. Die Protagonistin möch­te eigent­lich ein für sie nor­ma­les Leben füh­ren, wehrt sich aber gegen alle ihr von ver­schie­de­nen Seiten zuge­schrie­be­nen Rollen, in Deutschland wie in der Türkei, und gerät so zwi­schen alle Stühle. Mit größt­mög­li­cher Präzision und Einfühlung erzählt Ellbogen die Geschichte eines der vie­len jun­gen Menschen, die aus der Gesellschaft ver­drängt wer­den, die eigent­lich die ihre ist.

Credits:


DE/TK/FR 2024, 86 Min., Originalfassung mit deut­schen und eng­li­schen Untertiteln
Regie: Aslı Özarslan
Kamera: Andac Karabeyoglu-Thomas
Schnitt: David J. Achilles, Ana Branea
mit: Melia Kara, Doğa Gürer, Jale Arıkan, Haydar Şahin, Orhan Kiliç, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Mina Sağdıç 

Trailer:
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Kategorie: archiv

  • Ellbogen

    Ellbogen

    Ein Film von Aslı Özarslan. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Weißt du noch, was du wer­den woll­test, als du noch klein warst? Du woll­test Ärztin wer­den. Mama woll­te immer, dass du Arzthelferin wirst. Aber du woll­test Ärztin wer­den“, erzählt Semra ein­mal zu ihrer klei­nen Schwester Hazal, um sie auf­zu­mun­tern. Die küh­le Antwort: „Ich woll­te nie Ärztin wer­den. Als ich klein war, woll­te ich Popstar wer­den.“ Ob Ärztin, Arzthelferin oder Popstar, bis dato kann die jun­ge Frau aus dem Wedding trotz vie­ler Bewerbungen über­haupt kei­nen Beruf oder Ausbildungsplatz vor­wei­sen, nicht zu einer ein­zi­gen Vorstellung wur­de sie ein­ge­la­den. Das stresst und frus­triert, doch an ihrem 18. Geburtstag soll gefei­ert wer­den, dass es kracht, und der gemei­ne Alltag bleibt daheim. Mit den Freundinnen Elma, Gül und Ebru zieht Hazel durch die Stadt, Höhepunkt soll der Besuch im cools­ten Club der Stadt sein, doch dort ist Schluss: kein Einlass, da zu auf­ge­bre­zelt. Die extre­me Wut über die erneu­te Zurückweisung ent­lädt sich bei Hazel in einer Weise, dass sie als Ausweg nur noch die Flucht aus dem Land sieht, und so sitzt sie schon am nächs­ten Tag in dem ihr unbe­kann­ten Istanbul. Konnte sie in Berlin wegen ihrer tür­ki­schen Backgrounds nie rich­tig ankom­men, fin­det sie sich in der für sie frem­den Türkei auch nicht zurecht.
    Die Berliner Regisseurin Asli Özarslan (ihr Dokumentarfilm Dil Leyla war 2017 bei uns zu sehen), ver­filmt hier den gleich­na­mi­gen Roman von Fatma Aydemir kon­se­quent aus jun­ger, weib­li­cher, migran­ti­scher Perspektive. Die Protagonistin möch­te eigent­lich ein für sie nor­ma­les Leben füh­ren, wehrt sich aber gegen alle ihr von ver­schie­de­nen Seiten zuge­schrie­be­nen Rollen, in Deutschland wie in der Türkei, und gerät so zwi­schen alle Stühle. Mit größt­mög­li­cher Präzision und Einfühlung erzählt Ellbogen die Geschichte eines der vie­len jun­gen Menschen, die aus der Gesellschaft ver­drängt wer­den, die eigent­lich die ihre ist.

    Credits:


    DE/TK/FR 2024, 86 Min., Originalfassung mit deut­schen und eng­li­schen Untertiteln
    Regie: Aslı Özarslan
    Kamera: Andac Karabeyoglu-Thomas
    Schnitt: David J. Achilles, Ana Branea
    mit: Melia Kara, Doğa Gürer, Jale Arıkan, Haydar Şahin, Orhan Kiliç, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Mina Sağdıç 

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  • Sad Jokes

    Sad Jokes

    Ein Film von Fabian Stumm. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Ein jun­ger Filmemacher, der sich von der eige­nen Biografie und Lebensgeschichte inspi­rie­ren lässt? Was nach einem alten Hut klingt, wird bei Fabian Stumm zu etwas sehr Besonderen….
    Sein neu­er Film Sad Jokes etwa ist eine direk­te Reaktion auf das Debüt Knochen und Namen, was dazu führt, dass im Zweitling nun ein Regisseur namens Joseph zwi­schen Uraufführung und Kinostart sei­nes ers­ten Films schon an den Ideen für den nächs­ten feilt. Derweil zeigt sich, dass er über die schon eine Weile zurück­lie­gen­de Trennung vom Ex doch noch nicht so wirk­lich hin­weg ist, wäh­rend das Kümmern um den klei­nen Sohn dadurch erschwert wird, dass des­sen Mutter und Josephs bes­te Freundin Sonya mit schwe­ren Depressionen kämpft.
    Die trau­ri­gen Witze, die Stumms fan­tas­ti­schem Film sei­nen Namen geben, sind hier Programm. Sad Jokes ver­eint Humor und Tragik mit einer Leichtigkeit, die hier­zu­lan­de eher sel­ten gelingt. … Wobei Stumm, der oben­drein auch noch ein Händchen für Slapstick hat, letz­te­re so echt, glaub­wür­dig und wit­zig schreibt wie lan­ge nie­mand mehr im deut­schen Kino.
    Zum Ereignis wird sein Film aber auch, weil er sei­nen Schauspielenden (dar­un­ter Marie-Lou Sellem, Godehard Giese, Knut Berger oder Anneke Kim Sarnau) mit oft nur einer ein­zi­gen Szene eine wun­der­ba­re Bühne zum Glänzen bie­tet. Und weil es nicht nur ein berüh­ren­der Film über Erwachsenen-Alltag und Kunstschaffen ist, son­dern neben­bei auch mit gro­ßer Selbstverständlichkeit wich­ti­ge Themen wie que­e­re Elternschaft oder psy­chi­sche Gesundheit ver­han­delt … ohne je über­frach­tet zu wir­ken.
    Patrick Heidmann | indie­ki­no
    INDIEKINO: In der Eingangssequenz Ihres neu­en Films erzäh­len ver­schie­de­ne Menschen vor der Kamera Witze. Welcher gefällt Ihnen per­sön­lich am bes­ten?
    Fabian Stumm: Ich kann mich schwer ent­schei­den. Ich glau­be, der mit dem Oktopus, obwohl er sehr lang ist. Die Frau, die ihn erzählt, ist mei­ne Mutter. Sie ist die Komikerin in unse­rer Familie. Aber sie ver­tut sich, wie man sieht, ger­ne mal in der Pointe.

    Credits:

    DE 2024, 96 Min., in deutsch mit eng­li­schen Untertiteln
    Regie: Fabian Stumm
    Kamera: Michael Bennett

    Schnitt: Kaspar Panizza
    mit Fabian Stumm, Haley Louise Jones, Justus Meyer, Ulrica Flach, Jonas Dassler, Godehard Giese, Marie-Lou Sellem

    Trailer:
    SAD JOKES Trailer Deutsch | German [HD]
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  • filmPOLSKA reloaded: Erotica 2022

    filmPOLSKA reloaded: Erotica 2022

    [Tickets]

    Eine Frau erstickt in einer Welt mit strikt getrenn­ten Geschlechtern an ihrer Ehe mit einem untreu­en Mann. Eine zwei­te wird aus einem hava­rier­ten Zug eva­ku­iert und nähert sich ille­gal einem jun­gen Mann an. Eine drit­te übt mit einem Roboterkind für die Elternschaft und war­tet sehn­süch­tig auf die Genehmigung dafür. Eine vier­te kann in einer post­apo­ka­lyp­ti­schen Betonwelt nur noch betrun­ken Sex haben. Eine fünf­te ver­sam­melt Leidensgenossinnen um sich und begibt sich auf einen Rachefeldzug an der Männerwelt.

    In fünf Episoden ent­wer­fen Regisseurinnen nach Drehbüchern nam­haf­ter Schriftstellerinnen – unter ihnen die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk und Bestseller-Autorin Joanna Bator – dys­to­pi­sche Visionen über eine nicht all­zu fern lie­gen­de Zukunft. Im Speziellen beschäf­ti­gen sie sich mit der Rolle der Frauen. Bereitet gesell­schaft­li­cher Fortschritt den Weg zur Emanzipation? Bleibt in einer von Technik domi­nier­ten Welt Platz für Gefühle?

    Folgt man den Autorinnen, ist die Zukunft wenig ver­hei­ßungs­voll. Missstände wer­den nicht besei­tigt, son­dern eher noch ver­stärkt, sozia­le Ungleichheiten mani­fes­tiert, Freiheit und Individualität blei­ben auf der Strecke. Für Gefühle, Sinnlichkeit und Erfüllung bleibt in der kal­ten, düs­te­ren Realität kein Platz. [Rainer Mende]

    R: Anna Kazejak, Anna Jadowska, Kasia Adamik, Jagoda Szelc, Olga Chajdas
    PL 2022, 137 min, OmeU
    B: Anna Kazejak, Olga Tokarczuk, Anna Jadowska, Grażyna Plebanek, Kasia Adamik, Joanna Bator, Jagoda Szelc, Ilona Witkowska, Gaja Grzegorzewska
    K: Ita Zbroniec-Zajt, Małgorzata Szyłak, Jacqueline Sobiszewski, Przemysław Brynkiewicz, Rafał Paradowski
    S: Maciej Pawliński, Anna Koc-Wittels, Kasia Adamik, Anna Garncarczyk
    M: Joanna Duda
    D: Agata Buzek, Monika Pikuła, Agnieszka Żulewska, Sara Celler-Jezierska, Małgorzata Bela u. a.

  • filmPOLSKA reloaded – God & Lunapark Warriors

    filmPOLSKA reloaded – God & Lunapark Warriors

    Bóg i wojow­ni­cy luna­par­ków / God & Lunapark Warriors

    [Tickets]

    PL 2022
    R/B: Bartłomiej Żmuda
    77 min, OmeU
    K: Michał Opala
    S: Rafał Stós & Agnieszka Kowalczyk
    M: Mikołaj Majkusiak

    Es knirscht gewal­tig zwi­schen dem Schriftsteller und Berufs-Provokateur Andrzej Rodan und sei­nem Sohn Paweł. Kein Wunder, schließ­lich ver­dient der über­zeug­te Atheist Andrzej sei­nen Lebensunterhalt mit Büchern, in denen er Kirche und Christentum angreift, wäh­rend sein Sohn tief gläu­big ist und sei­ne beruf­li­che Zukunft in der katho­li­schen Kirche sieht. Dabei war es doch frü­her so idyl­lisch: Gemeinsam mach­ten sie eine Tour durch die Vergnügungsparks Europas und kein Blatt Papier pass­te zwi­schen Vater und Sohn, wie ein­ge­floch­te­ne Videoband-Schnipsel bezeugen.

    Einen letz­ten Versuch will Paweł noch wagen, um das zer­rüt­te­te Verhältnis wie­der zu kit­ten. Dreißig Jahre spä­ter wol­len sie sich noch ein­mal auf den Weg machen, zu zweit mit dem Auto quer durch Polen, und Orte besu­chen, die für Paweł eine beson­de­re spi­ri­tu­el­le Bedeutung haben. Vielleicht gelingt es ja jeman­dem, im Kopf des Kirchenkritikers ein Körnchen Zweifel an sei­ner fun­da­men­ta­len Ablehnung alles Spirituellen zu säen?

    Schmerzhaft nah an den Helden die­ses tra­gi­ko­mi­schen Dokumentar-Roadmovies schau­en wir tief in die ver­wun­de­ten Seelen zwei­er Menschen, die in ihren Ansichten gefes­tigt und doch unend­lich unglück­lich sind. Der Film erzählt von zer­ris­se­nen Familienbanden, der iso­lie­ren­den Wirkung von Fanatismus und der ver­zwei­fel­ten Suche nach einer Basis für einen Dialog auf Augenhöhe. [Rainer Mende]

    Bartłomiej Żmuda (geb. 1981 in Nysa) stu­dier­te Regie in Łódź. Nach Kurzfilmen, die inter­na­tio­nal Beachtung fan­den, arbei­tet er momen­tan an sei­nem Langspielfilm-Debüt mit dem Arbeitstitel „Więcej“ (Mehr).

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  • filmPOLSKA reloaded – The Hatcher

    filmPOLSKA reloaded – The Hatcher

    Matecznik / The Hatcher

    [Tickets]

    PL 2022
    R: Grzegorz Mołda
    81 min, OmeU
    B: Grzegorz Mołda & Monika Powalisz
    K: Constanze Schmitt
    S: Piasek & Wójcik
    D: Agnieszka Kryst, Michał Zieliński u.a.

    Etwas ver­lo­ren wirkt Karol so allein in der ziem­lich lee­ren Wohnung. Aber er ist auch nicht frei­wil­lig hier – er trägt eine elek­tro­ni­sche Fußfessel und absol­viert hier eine Art Training, um zu bewei­sen, dass er in der Lage ist, selbst­stän­dig und ohne Gesetzesübertretungen sei­nen Alltag zu bewäl­ti­gen. Damit ihm das gelingt, steht ihm Marta als Betreuerin zur Seite. Sie kon­trol­liert die Abläufe, gibt Ratschläge und ord­net neue Übungen an. Beispielsweise soll Karol mit einer Babypuppe bewei­sen, dass er sich zuver­läs­sig um ein Kind küm­mern kann.

    Aber im Gegensatz zu der Puppe ist Marta ein Mensch mit Gefühlen, der nicht immer bere­chen­bar ist. Zwischen Kontrolleurin und Kontrolliertem ent­spinnt sich ein fei­nes Netz aus Zwang, Abhängigkeit, Manipulation, Widerstand, Zu- und Abneigung. Damit spielt das for­mal enorm redu­zier­te und ori­gi­nell foto­gra­fier­te, durch das her­aus­ra­gen­de Schauspieler*innen-Duo getra­ge­ne Kammerspiel in bedäch­ti­gem Tempo im Kleinen das kom­ple­xe Verhältnis von Macht und Missbrauch durch. [Rainer Mende]

    Grzegorz Mołda (geb. 1993 in Włoszczowa) stu­dier­te Regie an der Filmschule Gdynia. Nach sei­nem Abschlussfilm „Koniec wid­ze­nia / Time To Go“ (2017) und eini­gen Filmen der TV-Serie „Na sygna­le“ war er 2022 beim Filmfestival in Gdynia nicht nur mit „Matecznik“ im Wettbewerb für Low-Budget-Filme, son­dern auch mit dem Drama „Zadra“ im Spielfilm-Hauptwettbewerb vertreten.

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  • filmPOLSKA reloaded – Stilles Land

    filmPOLSKA reloaded – Stilles Land

    Cicha zie­mia / Stilles Land

    [Tickets]

    PL/ITA/CZ 2021
    R: Aga Woszczyńska
    113 min, OmdU
    B: Aga Woszczyńska & Piotr Litwin
    K: Bartosz Świniarski
    S: Jarosław Kamiński
    M: Piotr Kurek
    D: Dobromir Dymecki, Agnieszka Żulewska, Jean-Marc Barr, Alma Jodorowsky, Marcello Romolo u. a.

    Hell scheint die medi­ter­ra­ne Sonne vor wol­ken­lo­sem Himmel auf das gepfleg­te Ferienhaus, gleich neben­an glit­zert azur­blau das Meer – das per­fek­te Setting für einen ent­spann­ten Urlaub. Gut, der aus­ge­trock­ne­te Pool müss­te noch repa­riert wer­den. Aber das wer­de sofort gemacht, beteu­ert der Vermieter dem eigen­ar­tig unter­kühlt wir­ken­den pol­ni­schen Paar, das sich an der Küste Sardiniens ein­ge­mie­tet hat.

    Aber Kino wäre nicht Kino, wenn sich hin­ter die­ser Traumkulisse nicht dunk­le Geheimnisse ver­ber­gen wür­den. Denn die sar­di­sche Küste ist nicht nur Sehnsuchtsort vie­ler Urlauber*innen, son­dern auch von Geflüchteten, die ver­su­chen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelan­gen und dort Fuß zu fas­sen. Die pol­ni­schen Urlauber*innen Anna und Adam – und nicht nur sie – ver­schlie­ßen davor die Augen, aber durch die Hintertür drin­gen die glo­ba­len Probleme in ihren Alltag und in ihr Unterbewusstsein ein.

    In lan­gen sta­ti­schen Einstelllungen mit sehr dezen­tem Musikeinsatz, in denen viel geschwie­gen bzw. ver­schwie­gen wird, arbei­tet sich die Regisseurin sehr behut­sam in die Psyche der Hauptfiguren (Dobromir Dymecki und Agnieszka Żulewska mit gekonn­tem Underacting) vor. Woszczyńska ver­knüpft geschickt ein Psycho-Kammerspiel mit zeit­po­li­ti­schen Fragen, ohne dass eines der Themen in die zwei­te Reihe gedrängt wird. [Rainer Mende]

    Aga Woszczyńska (geb. 1984 in Lódź) stu­dier­te Regie an der Filmhochschule ihrer Geburtsstadt. Während ihres Studium dreh­te sie sie­ben kur­ze Spielfilme, u. a. das preis­ge­krön­te Drama „Fragmenty“ (2014), bevor sie mit „Cicha zie­mia“ ihren ers­ten Langfilm in die Kinos brach­te und auf Festivals meh­re­re Preise errang.

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  • filmPOLSKA reloaded – Woman On The Roof

    filmPOLSKA reloaded – Woman On The Roof

    Kobieta na dachu / Woman On The Roof

    [Tickets]

    PL/FRA/CH 2022
    R/B: Anna Jadowska
    97 min, OmeU
    K: Ita Zbroniec-Zajt
    S: Piotr Kmiecik & Julia Gregory
    M: Katharina Nuttall
    D: Dorota Pomykała, Bogdan Koca, Adam Bobik u. a.

    Zwei Jahre Arbeit in der Geburtsstation hat die Ärztin Mira noch vor sich, dann ist die ersehn­te Rente erreicht. Ihr Gehalt ist zwar nicht üppig, reicht aber für die klei­ne Block-Wohnung in der Provinzstadt und die drei­köp­fi­ge Familie – theo­re­tisch, denn heim­lich hat sie ihrer Schwester viel Geld geborgt, Kredite auf­ge­nom­men und kommt nun mit der Tilgung nicht mehr hin­ter­her. Als die Lage aus­sichts­los wird, reagiert sie so ver­zwei­felt wie unge­schickt: Sie ver­sucht eine Bank zu über­fal­len, was gründ­lich schief geht. Aber anstatt sich ihren Verwandten anzu­ver­trau­en, frisst sie den Kummer in sich hin­ein, bis sie auf dem titel­ge­ben­den Dach steht und vor sich nur noch den Abgrund sieht.

    Wie schon in ihrem Drama „Dzikie róże / Wild Roses“ (2017) gelingt es Jadowska vir­tu­os, weit ab von markt­schreie­ri­schen Effekten mit klei­nen Schritten ein Psycho-Porträt zu ent­wer­fen, in dem das Verschwiegene schwe­rer wiegt als das Gesagte. Ihr größ­ter Trumpf ist dabei Dorota Pomykała, die als ver­zwei­fel­te Anti-Heldin sowohl das Kinopublikum als auch Festival-Jurys über­zeu­gen konn­te. In einem sehr brei­ten Bildformat mit hell und kühl aus­ge­leuch­te­ten Szenen beherrscht sie ohne musi­ka­li­sche Unterstützung sou­ve­rän die Leinwand. [Rainer Mende]

    Anna Jadowska (geb. 1973 in Oleśnica) stu­dier­te Polonistik in Wrocław und Regie in Łódź. Als Regisseurin arbei­te­te sie für popu­lä­re TV-Serien wie „M jak miłość“ oder „Na dob­re i na złe“. Als Autorenfilmerin dreh­te sie Dokumentar- und Spielfilme, wobei sie das mit zahl­rei­chen Preisen (u. a. beim FilmFestival Cottbus) aus­ge­zeich­ne­te Drama „Dzikie róże / Wild Roses“ (2017) inter­na­tio­nal bekannt machte.

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  • filmPOLSKA reloaded – Liebeslieder

    filmPOLSKA reloaded – Liebeslieder

    Piosenki o miłości / Songs About Love / Liebeslieder

    [Tickets]

    PL 2021
    R/B: Tomasz Habowski
    90 min, OmdU
    K: Weronika Bilska
    S: Patrycja Piróg
    M: Kamil Kryszak
    D: Tomasz Włosok, Justyna Święs, Andrzej Grabowski, Patrycja Volny u. a.

    GAST: Tomasz Habowski

    Der jun­ge Komponist Robert lei­det etwas unter sei­nem domi­nan­ten Vater, der als Theater-Star erwar­tet, dass auch sein Sohn irgend­wann mit sei­ner Kunst groß raus­kommt. Aber im Grunde führt Robert ein behü­te­tes Leben ohne den Druck, etwas ver­öf­fent­li­chen zu müs­sen, damit die Miete bezahlt wer­den kann. Ganz anders geht es Alicja, die als Kellnerin schuf­ten muss, um über die Runden zu kom­men. Dabei kann sie – das hört Robert sofort – fan­tas­tisch sin­gen, und zwar ihre eige­nen Lieder.

    Alicja lässt sich nach eini­gem Zögern davon über­zeu­gen, Probe-Aufnahmen zu machen und ihre Kompositionen arran­gie­ren zu las­sen. Aber auf kei­nen Fall will sie sich von Robert oder irgend­ei­nem Produzenten zu einem Pop-Sternchen zurecht­stut­zen las­sen – sie wei­gert sich stur, ihre Lieder zu ver­öf­fent­li­chen oder live zu spie­len. Robert fin­det heim­lich eine Plattenfirma, die an dem Material inter­es­siert ist und es groß her­aus­brin­gen will – aber ohne Alicja.

    In redu­zier­ten Schwarz-Weiß-Bildern mit bun­ten Einsprengseln aus dem Smartphone-Display, per­fekt in Szene gesetzt von Kamerafrau Weronika Bilska, ent­wi­ckelt sich ein Kammerspiel um Ambitionen, Ängste, Loyalität, Prinzipientreue und die Kraft der Musik. Getragen wird es vor allem von der Darstellerin der Alicja – Justyna Święs ist nicht nur Schauspielerin, son­dern vor allem Sängerin des erfolg­rei­chen Pop-Duos The Dumplings und als zurück­hal­ten­der musi­ka­li­scher Rohdiamant eine Traumbesetzung. [Rainer Mende]

    Tomasz Habowski (geb. 1988) ist seit 2019 Drehbuchautor für die Daily Soap „Na Wspólnej“ – dem pol­ni­schen Pendant von „Unter uns“ – und war an der zwei­ten Staffel der Netflix-Serie „Sexify“ betei­ligt. „Piosenki o miłości“ ist sein Regie-Debüt.

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  • filmPOLSKA reloaded – Das Pfandhaus

    filmPOLSKA reloaded – Das Pfandhaus

    Lombard / Das Pfandhaus

    [Tickets]

    PL 2022
    R/B: Łukasz Kowalski
    81 min, OmdU
    K: Stanisław Cuske
    S: Adriana Fernández Castellanos, Filip Kowalski, Jakub Darewski & Kosma Kowalczyk
    M: Krzysztof Aleksander Janczak

    Das Zweckgebäude, das etwas abseits in der pol­ni­schen Industriestadt Bytom steht, könn­te man leicht über­se­hen. Beide hat­ten schon bes­se­re Zeiten. Doch aus die­sem ecki­gen Kasten mit ergrau­tem Putz scheint ein Licht, denn hin­ter den Mauern befin­det sich nicht nur ein Gebrauchtwarenladen, son­dern eine Art sozio­kul­tu­rel­les Zentrum.

    Die Betreiber bekom­men deut­lich zu spü­ren, dass um sie her­um vie­les den Bach run­ter­geht. Obwohl ihre Waren nicht teu­er sind, dre­hen vie­le Kund*innen vor dem Kauf jeden Złoty um, wol­len lie­ber etwas ver­kau­fen oder kom­men eigent­lich nur, um einen Schwatz zu hal­ten und sich etwas auf­zu­wär­men. Selbst für die Beschäftigten ist die Arbeit im A & V mehr als nur ein Job. Aber die schil­lern­den Betreiber Jola und Wiesiek sind nicht nur Seelsorger, son­dern auch Geschäftsleute und müs­sen dafür sor­gen, dass ihr Laden ren­ta­bel bleibt. Doch wie soll das funk­tio­nie­ren, wenn die Pläne groß, die Portemonnaies aber leer sind?

    Kowalski ist mit sei­nem Debüt eine fein­füh­li­ge Sozialstudie gelun­gen, die abwech­selnd zu Tränen des Mitleids und der Freude rührt und dabei ihre schil­lern­den Hauptfiguren zu kei­ner Sekunde der Lächerlichkeit preis­gibt. [Rainer Mende]

    Łukasz Kowalski debü­tier­te mit „Lombard“ als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Der Film gewann zahl­rei­che Preise auf Festivals, bevor er regu­lär in die pol­ni­schen Kinos kam.

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  • filmPOLSKA reloaded – The Silent Twins

    filmPOLSKA reloaded – The Silent Twins

    The Silent Twins

    am 17.1. 18:00 im fsk.

    [Tickets]

    PL/USA/GB 2022
    R: Agnieszka Smoczyńska
    113 min, engl. OV
    B: Andrea Seigel
    K: Jakub Kijowski
    S: Agnieszka Glińska
    M: Marcin Macuk & Zuzanna Wrońska
    D: Letitia Wright, Tamara Lawrance, Leah Mondesir-Simmonds, Eva-Arianna Baxter, Nadine Marshall, Treva Etienne u. a.

    Die unzer­trenn­li­chen Zwillinge June und Jennifer Gibbons leben in den Siebzigerjahren mit ihren Eltern und Geschwistern in der wali­si­schen Provinz. Die Familie kommt aus Barbados und die dun­kel­häu­ti­gen Schülerinnen erle­ben den übli­chen Alltagsrassismus, wach­sen aber im Grunde behü­tet auf. Trotzdem pas­siert eines Tages das Unvorstellbare: Sie ver­stum­men. Lehrer*innen, Ärzt*innen und Psycholog*innen mühen sich an ihnen ab, aber kein Wort kommt mehr über ihre Lippen. Einzelgespräche, Schulverweis, Hausunterricht – kei­ne Maßnahme ver­mag es, sie wie­der zum Sprechen zu bringen.

    Doch hin­ter der Mauer des Schweigens ver­birgt sich eine über­bor­den­de Fantasie. In den schüt­zen­den vier Wänden ihres kun­ter­bun­ten Kinderzimmers ent­wer­fen die Schwestern ihre eige­ne Welt aus Puppentheater, Radiosendungen, Liedern und Geschichten. Dort ist Sprache auch kein Hindernis, sie plau­dern unun­ter­bro­chen mit­ein­an­der – mehr noch, sie ent­wi­ckeln lite­ra­ri­sche Ambitionen und begin­nen, ihre Geschichten nie­der­zu­schrei­ben. Aus den Kindern wer­den Teenies, die sich von Abenteuern für ihre Texte inspi­rie­ren las­sen – nicht immer in den Grenzen des Legalen und nach wie vor schwei­gend. Aus der Sicht der Gesellschaft sind sol­che Regelbrecherinnen nicht län­ger tragbar.

    Agnieszka Smoczyńska ver­sucht sich nicht an einer rea­lis­ti­schen, his­to­risch exak­ten Rekonstruktion der authen­ti­schen Geschichte, son­dern lädt ein zu einer Achterbahnfahrt durch die Fantasie der Mädchen, die aus dem gesell­schaft­li­chen Normkorsett aus­bre­chen. Mit über­spru­deln­den visu­el­len Einfällen, im Sound der Epoche und ver­setzt mit vir­tuo­sen Animationen von Barbara Rupik ler­nen wir das Paar viel­leicht nicht zu ver­ste­hen, aber zumin­dest teil­wei­se zu erfüh­len. [Rainer Mende]

    Agnieszka Smoczyńska (geb. 1978 in Wrocław) stu­dier­te Regie in Katowice und Warschau sowie Kulturwissenschaften in Wrocław. Neben Kurzfilmen, Arbeiten fürs Fernsehen und ihrem umju­bel­ten Debüt „Córki dancin­gu“ (2015) dreh­te sie das Amnesie-Drama „Fuga / Fugue“ (2018). „The Silent Twins“ (2022) ist ihre ers­te fremd­spra­chi­ge Produktion.