Souleymans Geschichte

Souleymans Geschichte

Ein Film von Boris Lojkine. Ab 19.2. im fsk.

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Schon von Berufs wegen kommt Souleyman (Abou Sangare) kaum zur Ruhe: Als Fahrradkurier rast er durch die Straßen von Paris, hetzt von Restaurants zu Empfängern, uner­bitt­lich über­wacht von der App sei­nes Auftragsgebers. Jede Minute zählt, Zeit ist Geld, all­zu viel bleibt am Ende der Woche ohne­hin nicht übrig, denn Souleyman ist ein sans-papier, ein Migrant ohne Papiere, der des­we­gen kei­ner regu­lä­ren Arbeit nach­ge­hen kann.

So mie­tet er qua­si das lega­le Konto eines Kameruners, der schon län­ger in Frankreich ist, der legal vor Ort ist und des­we­gen auch schon mal über „die­se Afrikaner“ motzt, die immer wie­der ihren Ruf als unzu­ver­läs­sig zu bestä­ti­gen schei­nen. Nur die Hälfte sei­nes Verdienstes kann Souleyman behal­ten, zumin­dest ist das die Abmachung, aber dass dar­aus nichts wird, ahnt man schnell.

Dabei braucht Souleyman jeden Euro, man­chen schickt er nach Hause, zu sei­ner Mutter, die teu­re Medikamente braucht, von denen er nicht weiß, ob sie sie bekommt. In Paris wie­der­um steht bald ein ent­schei­den­der Moment an, der über Souleymans Schicksal ent­schei­den könn­te: Ein Termin beim Amt für Migration, wo der Mann aus Guinea eine wil­de Geschichte auf­ti­schen will: Ein Mitglied der UFDG, der Union des forces démo­cra­ti­ques de Guinée behaup­tet Souleyman zu sein, eine der poli­ti­schen Fraktionen sei­ner Heimat, er behaup­tet, poli­tisch ver­folgt zu sein und bit­tet daher um Asyl. Reine Phantasie ist die­se Story, Souleyman lernt sie wie in der Schule aus­wen­dig, bekommt von einem Mittelsmann die pas­sen­den Papiere, einen Mitgliedsausweis der Partei und ande­res besorgt – natür­lich für Geld.

Während zu Hause in Guinea eine Frau auf ihn war­tet, lebt Souleyman in Paris in einer Unterkunft für Asylsuchende, irgend­wo am Rand der Stadt, weit weg vom Zentrum der Metropole, deren Dienstleistungsgewerbe ohne Migranten wie Souleyman nicht mehr funk­tio­nie­ren wür­de, in der sich bes­ser­ste­hen­de Franzosen aber eben so sehr über eine Veränderung des Stadtbildes bekla­gen dürf­ten, wie Friedrich Merz und Co.

In einem frü­he­ren Film hat­te der fran­zö­si­sche Autor und Regisseur Boris Lojkine den lan­gen Weg von Westafrika nach Europa beschrie­ben, in „Souleymans Geschichte“ geht es nun um das Schicksal, das vie­le Migranten im Herzen Frankreichs erle­ben. Hauptdarsteller Abou Sangare stammt selbst aus Guinea, einer ehe­ma­li­gen fran­zö­si­schen Kolonie in Westafrika, spielt hier sei­ne ers­te Rolle in einem Film, in die auch eige­ne Erlebnisse ein­ge­flos­sen sind.

In jeder Szene ist Souleyman zu sehen, ganz nah bleibt die Kamera an ihm dran, folgt ihm, wenn er durch die Straßen fährt, Autos aus­weicht, mög­lichst schnell sei­ne Lieferungen erle­di­gen will. Kontakt mit Kunden, mit wei­ßen Franzosen, gibt es kaum, auch in den Restaurants wer­den Lieferanten wie Souleyman meist nicht ger­ne gese­hen, müs­sen oft drau­ßen war­ten, trotz der Kälte. Und immer droht die Gefahr, eine schlech­te Bewertung zu bekom­men, eine zer­knit­ter­te Tüte kann aus­rei­chen, wür­de den Jobverlust bedeu­ten, die Probleme verschärfen.

Unterstützung erhält Souleyman von kaum jeman­den, in der Unterkunft hat er einen Freund, für ein paar Momente tauscht man sich aus, herrscht so etwas wie Normalität, doch früh am nächs­ten Morgen geht die Hetze wie­der los. Unerbittlich schil­dert Lojkine die­ses Leben, das exem­pla­risch für das vie­ler Migranten steht, die irgend­wie im Westen blei­ben wol­len, dem Staat nicht auf der Tasche lie­gen, von den Strukturen der Gig-Economy jedoch nur all­zu ger­ne aus­ge­nutzt werden.

Wer Lieferando oder Flink benutzt, wer sei­ne Pakete von Amazon bekommt, mag nach die­sem Film beim nächs­ten Mal viel­leicht ein biss­chen genau­er hin­schau­en, wer denn da das Essen oder Anderes lie­fert. Meist sind das auch in Deutschland Menschen mit Migrationshintergrund, denn ande­re haben auf die­se Jobs meist kei­ne Lust. Ihr Schicksal stellt „Souleymans Geschichte“ in den Mittelpunkt, ihnen ver­leiht Boris Lojkines ein­dring­li­cher Film eine Stimme. Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

L’Histoire de Souleymane
FR 2024, 93 Min., Französisch, Pular, Maninka OmU
Regie: Boris Lojkine
Kamera: Tristan Galand
Schnitt: Xavier Sirven
mit: Abou Sangare, Nina Meurisse, Alpha Oumar Sow, Emmanuel Yovanie, Younoussa Diallo, Ghislain Mahan, Mamadou Barry, Yaya Diallo, Keita Diallo

Trailer:
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