Die Schattenjäger

Die Schattenjäger

Ein Film von Jonathan Millet.

[Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

Für die aller­meis­ten Beobachter völ­lig über­ra­schend begann Ende November 2024 ein kur­zer Sturm, der das seit über 50 Jahren regie­ren­de Regime der Assad-Familie weg­feg­te und – viel­leicht – den Weg in eine bes­se­re Zukunft für das von Diktatur und Bürgerkrieg gebeu­tel­te Syrien weist. Eine Frage, die sich in den nächs­ten Monaten und Jahren stel­len wird, lau­tet: Wie mit den Tätern umge­hen, nicht den Mitläufern, aber den Folterknechten, die in den Gefängnissen agier­ten und im Laufe der Jahre Tausende oder mehr ermor­de­ten und ver­krüp­pel­ten, kör­per­lich, aber auch seelisch.

Diese Frage steht auch im Mittelpunkt von Jonathan Millets „Die Schattenjäger“, der im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes sei­ne Premiere fei­er­te und nun beson­de­re Relevanz erhält. Im Mittelpunkt steht Hamid (Adam Bessa), ein Syrer, der an der Universität Literatur unter­rich­te­te, bevor er in die Fänge des Regimes geriet, gefol­tert und in der Wüste aus­ge­setzt wur­de. Doch wider Erwarten über­leb­te Hamid und schloss sich einer klan­des­ti­nen Gruppe an, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, syri­sche Täter zu jagen, die sich, oft getarnt als Flüchtlinge und Asylsuchende, in Europa verstecken.

Aktuelles Ziel ist der Mann, der auch Hamid im berühmt-berüch­tig­ten Saidnaya-Gefängnis gefol­tert hat. Das Problem: Hamid hat sei­nen Peiniger nie zu Gesicht bekom­men, stets hat­te er eine Kapuze über dem Kopf, konn­te sei­nen Folterer nur hören und rie­chen. Dennoch glaubt er, ihn in Sami Hamma (Tawfeek Barhom) wie­der­zu­er­ken­nen, einem Studenten in Straßburg. Immer beses­se­ner wird Hamid von der Überzeugung, sei­nen Peiniger ent­deckt zu haben, doch die ande­ren Mitglieder der Gruppe sind vor­sich­tig. Einen Fehler kön­nen sie sich nicht leis­ten, zumal sich ihre Arbeit oft gefähr­lich nahe an der Selbstjustiz bewegt.

Unweigerlich muss man ange­sichts des Themas an den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal den­ken, der nur knapp den Holocaust über­leb­te und den Rest sei­nes Lebens dem Aufspüren von Tätern wid­me­te. Bewunderung bekam Wiesenthal zwar meist, bis­wei­len aber auch Kritik an sei­ner Arbeit, die letzt­end­lich auf pro­ble­ma­ti­sche Weise das Recht in die eige­nen Hände nahm.

In der fik­ti­ven Figur des Hamid wird die Problematik noch frap­pie­ren­der, denn Hamid jagt nicht irgend­wel­che Täter, son­dern genau den Mann, der ihn einst selbst mona­te­lang aufs schwers­te fol­ter­te, wovon die Spuren auf sei­nem Rücken zeu­gen, vor allem aber die Spuren auf sei­ner Seele.

Auch wenn „Die Schattenjäger“ wie ein Thriller beginnt, man sich durch­aus eine pla­ka­ti­ve­re Version der Geschichte vor­stel­len könn­te, in der Hamid und sei­ne Mitstreiter ohne Skrupel tat­säch­lich oder mut­maß­li­che Täter fas­sen und viel­leicht sogar töten, ent­schei­det sich Jonathan Millet – zum Glück – für einen ande­ren Schwerpunkt. Immer stär­ker wer­den die psy­chi­schen Folgen ange­deu­tet, die Hamid nicht nur durch die erlit­te­ne Folter mit sich trägt, son­dern vor allem auch dadurch, dass er sein Leben kom­plett auf den Wunsch nach Rache aus­ge­legt hat. Wenn er etwa die Syrerin Yara (Hala Rajab) trifft, die ihm anfangs miss­traut, ihm dann Hinweise gibt und schließ­lich sogar mit ihm flir­tet, wirkt Hamid völ­lig über­rascht, um nicht zu sagen über­for­dert von der Möglichkeit, eine Beziehung zu einer Person auf­zu­bau­en, die von Nähe und Wärme geprägt ist.

Auch Rache, viel­leicht sogar der Tod sei­nes Peinigers, wür­de das Leid nicht rück­gän­gig machen, zu die­ser Erkenntnis gelangt Hamid nur lang­sam, der Weg dahin lässt aus dem anfäng­li­chen Polit-Thriller eine tra­gi­sche Erzählung wer­den, die am Ende weit über den Syrien-Konflikt hinausweist.

Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

Les Fantômes FR 2024, 106 Min., Arab., Frz. OmU
Regie: Jonathan Millet
Kamera: Olivier Boonjing
Schnitt: Laurent Sénéchal
mit: Adam Bessa, Tawfeek Barhom, Julia Franz Richter, Hala Rajab, Safiqa El Till

Trailer:
Die Schattenjäger (Ghost Trail) Trailer Original mit dt. UT
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Archiv: Termine

  • Die Schattenjäger

    Die Schattenjäger

    Ein Film von Jonathan Millet.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Für die aller­meis­ten Beobachter völ­lig über­ra­schend begann Ende November 2024 ein kur­zer Sturm, der das seit über 50 Jahren regie­ren­de Regime der Assad-Familie weg­feg­te und – viel­leicht – den Weg in eine bes­se­re Zukunft für das von Diktatur und Bürgerkrieg gebeu­tel­te Syrien weist. Eine Frage, die sich in den nächs­ten Monaten und Jahren stel­len wird, lau­tet: Wie mit den Tätern umge­hen, nicht den Mitläufern, aber den Folterknechten, die in den Gefängnissen agier­ten und im Laufe der Jahre Tausende oder mehr ermor­de­ten und ver­krüp­pel­ten, kör­per­lich, aber auch seelisch.

    Diese Frage steht auch im Mittelpunkt von Jonathan Millets „Die Schattenjäger“, der im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes sei­ne Premiere fei­er­te und nun beson­de­re Relevanz erhält. Im Mittelpunkt steht Hamid (Adam Bessa), ein Syrer, der an der Universität Literatur unter­rich­te­te, bevor er in die Fänge des Regimes geriet, gefol­tert und in der Wüste aus­ge­setzt wur­de. Doch wider Erwarten über­leb­te Hamid und schloss sich einer klan­des­ti­nen Gruppe an, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, syri­sche Täter zu jagen, die sich, oft getarnt als Flüchtlinge und Asylsuchende, in Europa verstecken.

    Aktuelles Ziel ist der Mann, der auch Hamid im berühmt-berüch­tig­ten Saidnaya-Gefängnis gefol­tert hat. Das Problem: Hamid hat sei­nen Peiniger nie zu Gesicht bekom­men, stets hat­te er eine Kapuze über dem Kopf, konn­te sei­nen Folterer nur hören und rie­chen. Dennoch glaubt er, ihn in Sami Hamma (Tawfeek Barhom) wie­der­zu­er­ken­nen, einem Studenten in Straßburg. Immer beses­se­ner wird Hamid von der Überzeugung, sei­nen Peiniger ent­deckt zu haben, doch die ande­ren Mitglieder der Gruppe sind vor­sich­tig. Einen Fehler kön­nen sie sich nicht leis­ten, zumal sich ihre Arbeit oft gefähr­lich nahe an der Selbstjustiz bewegt.

    Unweigerlich muss man ange­sichts des Themas an den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal den­ken, der nur knapp den Holocaust über­leb­te und den Rest sei­nes Lebens dem Aufspüren von Tätern wid­me­te. Bewunderung bekam Wiesenthal zwar meist, bis­wei­len aber auch Kritik an sei­ner Arbeit, die letzt­end­lich auf pro­ble­ma­ti­sche Weise das Recht in die eige­nen Hände nahm.

    In der fik­ti­ven Figur des Hamid wird die Problematik noch frap­pie­ren­der, denn Hamid jagt nicht irgend­wel­che Täter, son­dern genau den Mann, der ihn einst selbst mona­te­lang aufs schwers­te fol­ter­te, wovon die Spuren auf sei­nem Rücken zeu­gen, vor allem aber die Spuren auf sei­ner Seele.

    Auch wenn „Die Schattenjäger“ wie ein Thriller beginnt, man sich durch­aus eine pla­ka­ti­ve­re Version der Geschichte vor­stel­len könn­te, in der Hamid und sei­ne Mitstreiter ohne Skrupel tat­säch­lich oder mut­maß­li­che Täter fas­sen und viel­leicht sogar töten, ent­schei­det sich Jonathan Millet – zum Glück – für einen ande­ren Schwerpunkt. Immer stär­ker wer­den die psy­chi­schen Folgen ange­deu­tet, die Hamid nicht nur durch die erlit­te­ne Folter mit sich trägt, son­dern vor allem auch dadurch, dass er sein Leben kom­plett auf den Wunsch nach Rache aus­ge­legt hat. Wenn er etwa die Syrerin Yara (Hala Rajab) trifft, die ihm anfangs miss­traut, ihm dann Hinweise gibt und schließ­lich sogar mit ihm flir­tet, wirkt Hamid völ­lig über­rascht, um nicht zu sagen über­for­dert von der Möglichkeit, eine Beziehung zu einer Person auf­zu­bau­en, die von Nähe und Wärme geprägt ist.

    Auch Rache, viel­leicht sogar der Tod sei­nes Peinigers, wür­de das Leid nicht rück­gän­gig machen, zu die­ser Erkenntnis gelangt Hamid nur lang­sam, der Weg dahin lässt aus dem anfäng­li­chen Polit-Thriller eine tra­gi­sche Erzählung wer­den, die am Ende weit über den Syrien-Konflikt hinausweist.

    Michael Meyns | programmkino.de

    Credits:

    Les Fantômes FR 2024, 106 Min., Arab., Frz. OmU
    Regie: Jonathan Millet
    Kamera: Olivier Boonjing
    Schnitt: Laurent Sénéchal
    mit: Adam Bessa, Tawfeek Barhom, Julia Franz Richter, Hala Rajab, Safiqa El Till

    Trailer:
    Die Schattenjäger (Ghost Trail) Trailer Original mit dt. UT
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  • Flow

    Flow

    Ein Film von Gints Zilbalodis.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Gerade noch im üppi­gen Grün des Waldes her­um­ge­streift, hat sich die Katze im Haus gemüt­lich zum Schlafen ein­ge­rollt, als sie ein sich nähern­des Rumoren wahr­nimmt – eine rie­si­ge Wasserwelle flu­tet das Land. Unsere Heldin kann sich knapp auf ein vor­bei­schwim­men­des Segelboot ret­ten. Nun glei­tet sie dahin über das Meer, durch Urwälder, an spit­zen Bergkegeln vor­bei, die aus dem Wasser ragen, an Städten, die wie unwirk­li­che rie­si­ge Paläste aus­se­hen, stets ange­spannt auf­merk­sam, mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht.
    Genau wie Gints Zilbalodis, der hier erst­mals mit einem grö­ße­ren Team arbei­tet, muss sich die klei­ne schwar­ze Katze, die bis­her allei­ne leb­te, auf Kooperation ein­stel­len. Mit an Bord kom­men näm­lich eben­falls unfrei­wil­lig ein ver­spiel­ter und gei­zi­ger Lemur, ein schläf­ri­ges Wasserschwein, der immer freund­li­che Golden Retriever, und der ver­letz­te, hilfs­be­rei­te Sekretär. Zum Überleben der Katastrophe müs­sen die fünf sich zusam­men­rau­fen, denn stets und über­all lau­ert Gefahr.
    Das groß­ar­ti­ge an Flow ist, dass die­se Crew nicht ver­mensch­licht wird. Alle behal­ten ihre tie­ri­schen Eigenarten, die sie aller­dings auf der Fahrt modi­fi­zie­ren müs­sen. Die Katze wird muti­ger, der Hund vor­sich­ti­ger, der Lemur lernt zu tei­len, der ver­sto­ße­ne Sekretär über­nimmt die Führung. Nur das Wasserschwein bleibt phleg­ma­tisch wie eh und je.
    Flow ist ver­träumt, episch, bedroh­lich und wun­der­schön. Das Beste von allem ist, dass die Tiere Tiere sind, wort­los und haupt­säch­lich mit ihrer eige­nen Sicherheit und ihrer nächs­ten Mahlzeit beschäf­tigt. Dennoch sind sie gezwun­gen, mit­ein­an­der aus­zu­kom­men, und sie wer­den zu mehr als der Summe ihrer pel­zi­gen und gefie­der­ten Teile. … Der Regisseur die­ser magi­schen Fabel ist Gints Zilbalodis, ein 30-jäh­ri­ger let­ti­scher Animator. Möge Hollywood ihn nie­mals mit Angeboten für Reichtum und Fortsetzungen umwer­ben …“ Ty Burr | Washington Post

    Oscar für den bes­ten Animationsfilm 2025

    Credits:

    LV/FR/BE 2023, 84 Min., ohne Dialog
    Regie: Gints Zilbalodis

    Kamera: Léo Silly Pélissier
    Schnitt: Gints Zilbalodis

    Trailer:
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  • September & July

    September & July

    Ein Film von Ariane Labed. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Die Schwestern September (Pascale Kann) und July (Mia Tharia) erschei­nen in Kleidern, die an die Zwillinge aus Stanley Kubricks „The Shining“ erin­nern. Ihre Mutter Sheela (Rakhee Thakrar), eine etwas distan­zier­te Fotografin, hält die­se Szene fest. Bereits hier spürt man die beson­de­re Dynamik, die Regisseurin Ariane Labed in ihrem Debüt-Langfilm September Says erforscht. Die Schwestern sind eng ver­bun­den, obwohl sie unter­schied­li­cher kaum sein könn­ten: September ist beschüt­zend und vor­sich­tig, wäh­rend July mit Neugier und Offenheit auf die Welt blickt. Diese unter­schied­li­chen Persönlichkeiten for­dern ihre Mutter, die das Temperament der bei­den oft nur schwer bän­di­gen kann. Als September von der Schule sus­pen­diert wird, beginnt July ihre Unabhängigkeit zu fes­ti­gen – was Spannungen zwi­schen den bei­den Schwestern aus­löst. Die drei Frauen zie­hen sich schließ­lich in ein altes Ferienhaus in Irland zurück, wo sie sich mit einer Reihe sur­rea­ler Erlebnisse kon­fron­tiert sehen.

    September Says“ ent­fal­tet sich durch Labeds kraft­vol­le Bildsprache, die mit einer psy­cho­lo­gisch dich­ten Atmosphäre und einer Prise schwar­zen Humors spielt. Themen wie weib­li­che Selbstbestimmung und die Weitergabe fami­liä­rer Prägungen zie­hen sich durch die Handlung, ohne in eine klas­si­sche Befreiungsgeschichte zu mün­den. Ariane Labed, die als Schauspielerin durch die Greek New Wave bekannt wur­de, beweist hier ihr Talent als Regisseurin, die das Groteske und das Ungewohnte im Alltäglichen auf­spürt. September Says ist eine kraft­vol­le Erkundung weib­li­cher Welten und fei­er­te sei­ne Weltpremiere in Cannes in der Reihe Un Certain Regard.

    Credits:

    September Says
    FR/GR/IE/DE/UK 2023, 96 Min., engl. OmU
    Regie: Ariane Labed

    Kamera: Balthazar Lab
    Schnitt: Bettina Böhler
    mit: Mia Tharia, Pascale Kann, Rakhee Thakrar

    Trailer:
    September Says – Official Clip
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  • Köln 75

    Köln 75

    Ein Film von Ido Fluk.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Gerade ein­mal 16 Jahre jung ist Vera Brandes 1973, als sie in Köln beginnt, als Veranstalterin von Jazz-Konzerten zu arbei­ten. Eher zufäl­lig hat sie ihre Leidenschaft ent­deckt, ihre gro­ße Klappe und Unverblümtheit sorgt dafür, dass auch Musiker, die ihre Väter sein könn­ten, sich von dem Teenager mit­rei­ßen las­sen.
    Sie ist fas­zi­niert von der Welt der Musik, beson­ders dem Jazz. Und so plant sie, am 24. Januar 1975 ein Konzert in der Kölner Oper zu orga­ni­sie­ren, bei dem Keith Jarrett ein­mal mehr bewei­sen soll, war­um er als eben­so revo­lu­tio­nä­rer Musiker wie John Coltrane oder Miles Davis gilt.
    Manchmal sind Entstehungsgeschichten fast noch bes­ser als das eigent­li­che Ereignis, im Fall von Keith Jarretts legen­dä­rem „Köln Concert“ ist es eher so, dass die Umstände spek­ta­ku­lär, das Ergebnis dage­gen eine Sensation waren. Die meist­ver­kauf­te Jazz-Platte eines Solo-Künstlers sind die Aufnahme der gut 60 Minuten, die Jarrett Ende Januar in Köln auf der Bühne ver­brach­te, allein impro­vi­sie­rend und das auf einem grenz­wer­ti­gen Flügel.
    Ganz so her­un­ter­ge­kom­men, wie das im Film gezeig­te Modell war der Flügel zwar wohl nicht, ansons­ten hat Autor und Regisseur Ido Fluk in sei­nem bio­gra­phi­schen Musikfilm Köln 75 die Realität aber kaum mytho­lo­gi­sie­ren müs­sen, um einen oft fes­seln­den Film zu dre­hen. Einen Wermutstropfen gibt es aller­dings: Die Rechte an der Musik von Keith Jarrett und vor allem dem Köln Concert, stan­den nicht zur Verfügung, die beson­de­re Qualität des musi­ka­li­schen Ansatzes Jarrett wird dadurch nur aus zwei­ter Hand deut­lich. Was aller­dings zur bes­ten Szenen des Films führt: In einer lan­gen Einstellungen führt der zwi­schen­zeit­lich als Erzähler fun­gie­ren­de ame­ri­ka­ni­sche Musik-Journalist Michael Watts (Michael Chernus) ein­mal quer durch die Geschichte des Jazz, vom Big Band-Sound über kon­trol­lier­te Improvisationen im Korsett von Standards, zum expe­ri­men­tel­len Free Jazz eines Miles Davis, bis hin zum völ­lig los gelös­ten Ansatz Keith Jarretts, der ver­sucht, völ­lig neue, noch nie gehör­te Musik zu spie­len und das jeden Abend.
    Auch John Magaro als Jarrett und Alexander Scheer als des­sen Manager Manfred Eicher (der bald danach das Label ECM mit­be­grün­den soll­te, bei dem das „Köln Concert“ zum Millionen-Erfolg wer­den soll­te) gelingt es mit­rei­ßend, die beson­de­re Qualität Jarretts in Worte zu fas­sen.“ M. Meyns | programmkino.de

    Credits:

    DE/BE/PL 2024, 115 Min.,
    Regie: Ido Fluk
    Kamera: Jens Harant
    Schnitt: Anja Siemens
    mit Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus, Alexander Scheer, Ulrich Tukur

    Trailer:
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  • Die Schattenjäger

    Die Schattenjäger

    Ein Film von Jonathan Millet.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Für die aller­meis­ten Beobachter völ­lig über­ra­schend begann Ende November 2024 ein kur­zer Sturm, der das seit über 50 Jahren regie­ren­de Regime der Assad-Familie weg­feg­te und – viel­leicht – den Weg in eine bes­se­re Zukunft für das von Diktatur und Bürgerkrieg gebeu­tel­te Syrien weist. Eine Frage, die sich in den nächs­ten Monaten und Jahren stel­len wird, lau­tet: Wie mit den Tätern umge­hen, nicht den Mitläufern, aber den Folterknechten, die in den Gefängnissen agier­ten und im Laufe der Jahre Tausende oder mehr ermor­de­ten und ver­krüp­pel­ten, kör­per­lich, aber auch seelisch.

    Diese Frage steht auch im Mittelpunkt von Jonathan Millets „Die Schattenjäger“, der im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes sei­ne Premiere fei­er­te und nun beson­de­re Relevanz erhält. Im Mittelpunkt steht Hamid (Adam Bessa), ein Syrer, der an der Universität Literatur unter­rich­te­te, bevor er in die Fänge des Regimes geriet, gefol­tert und in der Wüste aus­ge­setzt wur­de. Doch wider Erwarten über­leb­te Hamid und schloss sich einer klan­des­ti­nen Gruppe an, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, syri­sche Täter zu jagen, die sich, oft getarnt als Flüchtlinge und Asylsuchende, in Europa verstecken.

    Aktuelles Ziel ist der Mann, der auch Hamid im berühmt-berüch­tig­ten Saidnaya-Gefängnis gefol­tert hat. Das Problem: Hamid hat sei­nen Peiniger nie zu Gesicht bekom­men, stets hat­te er eine Kapuze über dem Kopf, konn­te sei­nen Folterer nur hören und rie­chen. Dennoch glaubt er, ihn in Sami Hamma (Tawfeek Barhom) wie­der­zu­er­ken­nen, einem Studenten in Straßburg. Immer beses­se­ner wird Hamid von der Überzeugung, sei­nen Peiniger ent­deckt zu haben, doch die ande­ren Mitglieder der Gruppe sind vor­sich­tig. Einen Fehler kön­nen sie sich nicht leis­ten, zumal sich ihre Arbeit oft gefähr­lich nahe an der Selbstjustiz bewegt.

    Unweigerlich muss man ange­sichts des Themas an den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal den­ken, der nur knapp den Holocaust über­leb­te und den Rest sei­nes Lebens dem Aufspüren von Tätern wid­me­te. Bewunderung bekam Wiesenthal zwar meist, bis­wei­len aber auch Kritik an sei­ner Arbeit, die letzt­end­lich auf pro­ble­ma­ti­sche Weise das Recht in die eige­nen Hände nahm.

    In der fik­ti­ven Figur des Hamid wird die Problematik noch frap­pie­ren­der, denn Hamid jagt nicht irgend­wel­che Täter, son­dern genau den Mann, der ihn einst selbst mona­te­lang aufs schwers­te fol­ter­te, wovon die Spuren auf sei­nem Rücken zeu­gen, vor allem aber die Spuren auf sei­ner Seele.

    Auch wenn „Die Schattenjäger“ wie ein Thriller beginnt, man sich durch­aus eine pla­ka­ti­ve­re Version der Geschichte vor­stel­len könn­te, in der Hamid und sei­ne Mitstreiter ohne Skrupel tat­säch­lich oder mut­maß­li­che Täter fas­sen und viel­leicht sogar töten, ent­schei­det sich Jonathan Millet – zum Glück – für einen ande­ren Schwerpunkt. Immer stär­ker wer­den die psy­chi­schen Folgen ange­deu­tet, die Hamid nicht nur durch die erlit­te­ne Folter mit sich trägt, son­dern vor allem auch dadurch, dass er sein Leben kom­plett auf den Wunsch nach Rache aus­ge­legt hat. Wenn er etwa die Syrerin Yara (Hala Rajab) trifft, die ihm anfangs miss­traut, ihm dann Hinweise gibt und schließ­lich sogar mit ihm flir­tet, wirkt Hamid völ­lig über­rascht, um nicht zu sagen über­for­dert von der Möglichkeit, eine Beziehung zu einer Person auf­zu­bau­en, die von Nähe und Wärme geprägt ist.

    Auch Rache, viel­leicht sogar der Tod sei­nes Peinigers, wür­de das Leid nicht rück­gän­gig machen, zu die­ser Erkenntnis gelangt Hamid nur lang­sam, der Weg dahin lässt aus dem anfäng­li­chen Polit-Thriller eine tra­gi­sche Erzählung wer­den, die am Ende weit über den Syrien-Konflikt hinausweist.

    Michael Meyns | programmkino.de

    Credits:

    Les Fantômes FR 2024, 106 Min., Arab., Frz. OmU
    Regie: Jonathan Millet
    Kamera: Olivier Boonjing
    Schnitt: Laurent Sénéchal
    mit: Adam Bessa, Tawfeek Barhom, Julia Franz Richter, Hala Rajab, Safiqa El Till

    Trailer:
    Die Schattenjäger (Ghost Trail) Trailer Original mit dt. UT
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  • Flow

    Flow

    Ein Film von Gints Zilbalodis.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Gerade noch im üppi­gen Grün des Waldes her­um­ge­streift, hat sich die Katze im Haus gemüt­lich zum Schlafen ein­ge­rollt, als sie ein sich nähern­des Rumoren wahr­nimmt – eine rie­si­ge Wasserwelle flu­tet das Land. Unsere Heldin kann sich knapp auf ein vor­bei­schwim­men­des Segelboot ret­ten. Nun glei­tet sie dahin über das Meer, durch Urwälder, an spit­zen Bergkegeln vor­bei, die aus dem Wasser ragen, an Städten, die wie unwirk­li­che rie­si­ge Paläste aus­se­hen, stets ange­spannt auf­merk­sam, mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht.
    Genau wie Gints Zilbalodis, der hier erst­mals mit einem grö­ße­ren Team arbei­tet, muss sich die klei­ne schwar­ze Katze, die bis­her allei­ne leb­te, auf Kooperation ein­stel­len. Mit an Bord kom­men näm­lich eben­falls unfrei­wil­lig ein ver­spiel­ter und gei­zi­ger Lemur, ein schläf­ri­ges Wasserschwein, der immer freund­li­che Golden Retriever, und der ver­letz­te, hilfs­be­rei­te Sekretär. Zum Überleben der Katastrophe müs­sen die fünf sich zusam­men­rau­fen, denn stets und über­all lau­ert Gefahr.
    Das groß­ar­ti­ge an Flow ist, dass die­se Crew nicht ver­mensch­licht wird. Alle behal­ten ihre tie­ri­schen Eigenarten, die sie aller­dings auf der Fahrt modi­fi­zie­ren müs­sen. Die Katze wird muti­ger, der Hund vor­sich­ti­ger, der Lemur lernt zu tei­len, der ver­sto­ße­ne Sekretär über­nimmt die Führung. Nur das Wasserschwein bleibt phleg­ma­tisch wie eh und je.
    Flow ist ver­träumt, episch, bedroh­lich und wun­der­schön. Das Beste von allem ist, dass die Tiere Tiere sind, wort­los und haupt­säch­lich mit ihrer eige­nen Sicherheit und ihrer nächs­ten Mahlzeit beschäf­tigt. Dennoch sind sie gezwun­gen, mit­ein­an­der aus­zu­kom­men, und sie wer­den zu mehr als der Summe ihrer pel­zi­gen und gefie­der­ten Teile. … Der Regisseur die­ser magi­schen Fabel ist Gints Zilbalodis, ein 30-jäh­ri­ger let­ti­scher Animator. Möge Hollywood ihn nie­mals mit Angeboten für Reichtum und Fortsetzungen umwer­ben …“ Ty Burr | Washington Post

    Oscar für den bes­ten Animationsfilm 2025

    Credits:

    LV/FR/BE 2023, 84 Min., ohne Dialog
    Regie: Gints Zilbalodis

    Kamera: Léo Silly Pélissier
    Schnitt: Gints Zilbalodis

    Trailer:
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  • September & July

    September & July

    Ein Film von Ariane Labed. 

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Die Schwestern September (Pascale Kann) und July (Mia Tharia) erschei­nen in Kleidern, die an die Zwillinge aus Stanley Kubricks „The Shining“ erin­nern. Ihre Mutter Sheela (Rakhee Thakrar), eine etwas distan­zier­te Fotografin, hält die­se Szene fest. Bereits hier spürt man die beson­de­re Dynamik, die Regisseurin Ariane Labed in ihrem Debüt-Langfilm September Says erforscht. Die Schwestern sind eng ver­bun­den, obwohl sie unter­schied­li­cher kaum sein könn­ten: September ist beschüt­zend und vor­sich­tig, wäh­rend July mit Neugier und Offenheit auf die Welt blickt. Diese unter­schied­li­chen Persönlichkeiten for­dern ihre Mutter, die das Temperament der bei­den oft nur schwer bän­di­gen kann. Als September von der Schule sus­pen­diert wird, beginnt July ihre Unabhängigkeit zu fes­ti­gen – was Spannungen zwi­schen den bei­den Schwestern aus­löst. Die drei Frauen zie­hen sich schließ­lich in ein altes Ferienhaus in Irland zurück, wo sie sich mit einer Reihe sur­rea­ler Erlebnisse kon­fron­tiert sehen.

    September Says“ ent­fal­tet sich durch Labeds kraft­vol­le Bildsprache, die mit einer psy­cho­lo­gisch dich­ten Atmosphäre und einer Prise schwar­zen Humors spielt. Themen wie weib­li­che Selbstbestimmung und die Weitergabe fami­liä­rer Prägungen zie­hen sich durch die Handlung, ohne in eine klas­si­sche Befreiungsgeschichte zu mün­den. Ariane Labed, die als Schauspielerin durch die Greek New Wave bekannt wur­de, beweist hier ihr Talent als Regisseurin, die das Groteske und das Ungewohnte im Alltäglichen auf­spürt. September Says ist eine kraft­vol­le Erkundung weib­li­cher Welten und fei­er­te sei­ne Weltpremiere in Cannes in der Reihe Un Certain Regard.

    Credits:

    September Says
    FR/GR/IE/DE/UK 2023, 96 Min., engl. OmU
    Regie: Ariane Labed

    Kamera: Balthazar Lab
    Schnitt: Bettina Böhler
    mit: Mia Tharia, Pascale Kann, Rakhee Thakrar

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  • Köln 75

    Köln 75

    Ein Film von Ido Fluk.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Gerade ein­mal 16 Jahre jung ist Vera Brandes 1973, als sie in Köln beginnt, als Veranstalterin von Jazz-Konzerten zu arbei­ten. Eher zufäl­lig hat sie ihre Leidenschaft ent­deckt, ihre gro­ße Klappe und Unverblümtheit sorgt dafür, dass auch Musiker, die ihre Väter sein könn­ten, sich von dem Teenager mit­rei­ßen las­sen.
    Sie ist fas­zi­niert von der Welt der Musik, beson­ders dem Jazz. Und so plant sie, am 24. Januar 1975 ein Konzert in der Kölner Oper zu orga­ni­sie­ren, bei dem Keith Jarrett ein­mal mehr bewei­sen soll, war­um er als eben­so revo­lu­tio­nä­rer Musiker wie John Coltrane oder Miles Davis gilt.
    Manchmal sind Entstehungsgeschichten fast noch bes­ser als das eigent­li­che Ereignis, im Fall von Keith Jarretts legen­dä­rem „Köln Concert“ ist es eher so, dass die Umstände spek­ta­ku­lär, das Ergebnis dage­gen eine Sensation waren. Die meist­ver­kauf­te Jazz-Platte eines Solo-Künstlers sind die Aufnahme der gut 60 Minuten, die Jarrett Ende Januar in Köln auf der Bühne ver­brach­te, allein impro­vi­sie­rend und das auf einem grenz­wer­ti­gen Flügel.
    Ganz so her­un­ter­ge­kom­men, wie das im Film gezeig­te Modell war der Flügel zwar wohl nicht, ansons­ten hat Autor und Regisseur Ido Fluk in sei­nem bio­gra­phi­schen Musikfilm Köln 75 die Realität aber kaum mytho­lo­gi­sie­ren müs­sen, um einen oft fes­seln­den Film zu dre­hen. Einen Wermutstropfen gibt es aller­dings: Die Rechte an der Musik von Keith Jarrett und vor allem dem Köln Concert, stan­den nicht zur Verfügung, die beson­de­re Qualität des musi­ka­li­schen Ansatzes Jarrett wird dadurch nur aus zwei­ter Hand deut­lich. Was aller­dings zur bes­ten Szenen des Films führt: In einer lan­gen Einstellungen führt der zwi­schen­zeit­lich als Erzähler fun­gie­ren­de ame­ri­ka­ni­sche Musik-Journalist Michael Watts (Michael Chernus) ein­mal quer durch die Geschichte des Jazz, vom Big Band-Sound über kon­trol­lier­te Improvisationen im Korsett von Standards, zum expe­ri­men­tel­len Free Jazz eines Miles Davis, bis hin zum völ­lig los gelös­ten Ansatz Keith Jarretts, der ver­sucht, völ­lig neue, noch nie gehör­te Musik zu spie­len und das jeden Abend.
    Auch John Magaro als Jarrett und Alexander Scheer als des­sen Manager Manfred Eicher (der bald danach das Label ECM mit­be­grün­den soll­te, bei dem das „Köln Concert“ zum Millionen-Erfolg wer­den soll­te) gelingt es mit­rei­ßend, die beson­de­re Qualität Jarretts in Worte zu fas­sen.“ M. Meyns | programmkino.de

    Credits:

    DE/BE/PL 2024, 115 Min.,
    Regie: Ido Fluk
    Kamera: Jens Harant
    Schnitt: Anja Siemens
    mit Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus, Alexander Scheer, Ulrich Tukur

    Trailer:
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  • Die Schattenjäger

    Die Schattenjäger

    Ein Film von Jonathan Millet.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Für die aller­meis­ten Beobachter völ­lig über­ra­schend begann Ende November 2024 ein kur­zer Sturm, der das seit über 50 Jahren regie­ren­de Regime der Assad-Familie weg­feg­te und – viel­leicht – den Weg in eine bes­se­re Zukunft für das von Diktatur und Bürgerkrieg gebeu­tel­te Syrien weist. Eine Frage, die sich in den nächs­ten Monaten und Jahren stel­len wird, lau­tet: Wie mit den Tätern umge­hen, nicht den Mitläufern, aber den Folterknechten, die in den Gefängnissen agier­ten und im Laufe der Jahre Tausende oder mehr ermor­de­ten und ver­krüp­pel­ten, kör­per­lich, aber auch seelisch.

    Diese Frage steht auch im Mittelpunkt von Jonathan Millets „Die Schattenjäger“, der im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes sei­ne Premiere fei­er­te und nun beson­de­re Relevanz erhält. Im Mittelpunkt steht Hamid (Adam Bessa), ein Syrer, der an der Universität Literatur unter­rich­te­te, bevor er in die Fänge des Regimes geriet, gefol­tert und in der Wüste aus­ge­setzt wur­de. Doch wider Erwarten über­leb­te Hamid und schloss sich einer klan­des­ti­nen Gruppe an, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, syri­sche Täter zu jagen, die sich, oft getarnt als Flüchtlinge und Asylsuchende, in Europa verstecken.

    Aktuelles Ziel ist der Mann, der auch Hamid im berühmt-berüch­tig­ten Saidnaya-Gefängnis gefol­tert hat. Das Problem: Hamid hat sei­nen Peiniger nie zu Gesicht bekom­men, stets hat­te er eine Kapuze über dem Kopf, konn­te sei­nen Folterer nur hören und rie­chen. Dennoch glaubt er, ihn in Sami Hamma (Tawfeek Barhom) wie­der­zu­er­ken­nen, einem Studenten in Straßburg. Immer beses­se­ner wird Hamid von der Überzeugung, sei­nen Peiniger ent­deckt zu haben, doch die ande­ren Mitglieder der Gruppe sind vor­sich­tig. Einen Fehler kön­nen sie sich nicht leis­ten, zumal sich ihre Arbeit oft gefähr­lich nahe an der Selbstjustiz bewegt.

    Unweigerlich muss man ange­sichts des Themas an den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal den­ken, der nur knapp den Holocaust über­leb­te und den Rest sei­nes Lebens dem Aufspüren von Tätern wid­me­te. Bewunderung bekam Wiesenthal zwar meist, bis­wei­len aber auch Kritik an sei­ner Arbeit, die letzt­end­lich auf pro­ble­ma­ti­sche Weise das Recht in die eige­nen Hände nahm.

    In der fik­ti­ven Figur des Hamid wird die Problematik noch frap­pie­ren­der, denn Hamid jagt nicht irgend­wel­che Täter, son­dern genau den Mann, der ihn einst selbst mona­te­lang aufs schwers­te fol­ter­te, wovon die Spuren auf sei­nem Rücken zeu­gen, vor allem aber die Spuren auf sei­ner Seele.

    Auch wenn „Die Schattenjäger“ wie ein Thriller beginnt, man sich durch­aus eine pla­ka­ti­ve­re Version der Geschichte vor­stel­len könn­te, in der Hamid und sei­ne Mitstreiter ohne Skrupel tat­säch­lich oder mut­maß­li­che Täter fas­sen und viel­leicht sogar töten, ent­schei­det sich Jonathan Millet – zum Glück – für einen ande­ren Schwerpunkt. Immer stär­ker wer­den die psy­chi­schen Folgen ange­deu­tet, die Hamid nicht nur durch die erlit­te­ne Folter mit sich trägt, son­dern vor allem auch dadurch, dass er sein Leben kom­plett auf den Wunsch nach Rache aus­ge­legt hat. Wenn er etwa die Syrerin Yara (Hala Rajab) trifft, die ihm anfangs miss­traut, ihm dann Hinweise gibt und schließ­lich sogar mit ihm flir­tet, wirkt Hamid völ­lig über­rascht, um nicht zu sagen über­for­dert von der Möglichkeit, eine Beziehung zu einer Person auf­zu­bau­en, die von Nähe und Wärme geprägt ist.

    Auch Rache, viel­leicht sogar der Tod sei­nes Peinigers, wür­de das Leid nicht rück­gän­gig machen, zu die­ser Erkenntnis gelangt Hamid nur lang­sam, der Weg dahin lässt aus dem anfäng­li­chen Polit-Thriller eine tra­gi­sche Erzählung wer­den, die am Ende weit über den Syrien-Konflikt hinausweist.

    Michael Meyns | programmkino.de

    Credits:

    Les Fantômes FR 2024, 106 Min., Arab., Frz. OmU
    Regie: Jonathan Millet
    Kamera: Olivier Boonjing
    Schnitt: Laurent Sénéchal
    mit: Adam Bessa, Tawfeek Barhom, Julia Franz Richter, Hala Rajab, Safiqa El Till

    Trailer:
    Die Schattenjäger (Ghost Trail) Trailer Original mit dt. UT
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  • Flow

    Flow

    Ein Film von Gints Zilbalodis.

    [Credits] [Tickets & Termine] [Trailer]

    Gerade noch im üppi­gen Grün des Waldes her­um­ge­streift, hat sich die Katze im Haus gemüt­lich zum Schlafen ein­ge­rollt, als sie ein sich nähern­des Rumoren wahr­nimmt – eine rie­si­ge Wasserwelle flu­tet das Land. Unsere Heldin kann sich knapp auf ein vor­bei­schwim­men­des Segelboot ret­ten. Nun glei­tet sie dahin über das Meer, durch Urwälder, an spit­zen Bergkegeln vor­bei, die aus dem Wasser ragen, an Städten, die wie unwirk­li­che rie­si­ge Paläste aus­se­hen, stets ange­spannt auf­merk­sam, mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht.
    Genau wie Gints Zilbalodis, der hier erst­mals mit einem grö­ße­ren Team arbei­tet, muss sich die klei­ne schwar­ze Katze, die bis­her allei­ne leb­te, auf Kooperation ein­stel­len. Mit an Bord kom­men näm­lich eben­falls unfrei­wil­lig ein ver­spiel­ter und gei­zi­ger Lemur, ein schläf­ri­ges Wasserschwein, der immer freund­li­che Golden Retriever, und der ver­letz­te, hilfs­be­rei­te Sekretär. Zum Überleben der Katastrophe müs­sen die fünf sich zusam­men­rau­fen, denn stets und über­all lau­ert Gefahr.
    Das groß­ar­ti­ge an Flow ist, dass die­se Crew nicht ver­mensch­licht wird. Alle behal­ten ihre tie­ri­schen Eigenarten, die sie aller­dings auf der Fahrt modi­fi­zie­ren müs­sen. Die Katze wird muti­ger, der Hund vor­sich­ti­ger, der Lemur lernt zu tei­len, der ver­sto­ße­ne Sekretär über­nimmt die Führung. Nur das Wasserschwein bleibt phleg­ma­tisch wie eh und je.
    Flow ist ver­träumt, episch, bedroh­lich und wun­der­schön. Das Beste von allem ist, dass die Tiere Tiere sind, wort­los und haupt­säch­lich mit ihrer eige­nen Sicherheit und ihrer nächs­ten Mahlzeit beschäf­tigt. Dennoch sind sie gezwun­gen, mit­ein­an­der aus­zu­kom­men, und sie wer­den zu mehr als der Summe ihrer pel­zi­gen und gefie­der­ten Teile. … Der Regisseur die­ser magi­schen Fabel ist Gints Zilbalodis, ein 30-jäh­ri­ger let­ti­scher Animator. Möge Hollywood ihn nie­mals mit Angeboten für Reichtum und Fortsetzungen umwer­ben …“ Ty Burr | Washington Post

    Oscar für den bes­ten Animationsfilm 2025

    Credits:

    LV/FR/BE 2023, 84 Min., ohne Dialog
    Regie: Gints Zilbalodis

    Kamera: Léo Silly Pélissier
    Schnitt: Gints Zilbalodis

    Trailer:
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