Rose und ihr älterer Bruder Sam haben eine enge Bindung. Als Sam der Vergewaltigung beschuldigt wird, soll Rose im Rahmen der Ermittlungen gegen ihn aussagen. Das stellt sowohl die Beziehung der beiden als auch Roses moralische Integrität auf die Probe. Regisseurin Sarah Miro Fischer erkundet in Schwesterherz eine innige Geschwisterbeziehung. Sie untersucht, inwiefern die Nähe zu einer Person den Blick auf die Realität verstellen kann und welche Ereignisse die Kraft haben, auch die engsten Bindungen zu zerstören. In ihrer Arbeit mit den Schauspieler*innen legt sie besonderen Wert auf körperlichen Ausdruck, um Geschichten auch jenseits des gesprochenen Worts erzählen zu können.
Credits:
DE/ES 2025, 96 Min., In Deutsch (das meiste) und Englisch, mit englischen und deutschen Untertiteln Regie: Sarah Miro Fischer Kamera: Selma von Polheim Gravesen Schnitt: Elena Weihe mit: Marie Bloching, Anton Weil, Proschat Madani, Laura Balzer, Jane Chirwa
Rose und ihr älterer Bruder Sam haben eine enge Bindung. Als Sam der Vergewaltigung beschuldigt wird, soll Rose im Rahmen der Ermittlungen gegen ihn aussagen. Das stellt sowohl die Beziehung der beiden als auch Roses moralische Integrität auf die Probe. Regisseurin Sarah Miro Fischer erkundet in Schwesterherz eine innige Geschwisterbeziehung. Sie untersucht, inwiefern die Nähe zu einer Person den Blick auf die Realität verstellen kann und welche Ereignisse die Kraft haben, auch die engsten Bindungen zu zerstören. In ihrer Arbeit mit den Schauspieler*innen legt sie besonderen Wert auf körperlichen Ausdruck, um Geschichten auch jenseits des gesprochenen Worts erzählen zu können.
Credits:
DE/ES 2025, 96 Min., In Deutsch (das meiste) und Englisch, mit englischen und deutschen Untertiteln Regie: Sarah Miro Fischer Kamera: Selma von Polheim Gravesen Schnitt: Elena Weihe mit: Marie Bloching, Anton Weil, Proschat Madani, Laura Balzer, Jane Chirwa
Von zwei sehr verschiedenen Menschen, die der Welt abgewandt erscheinen und sich für eine Zeit Halt geben können, erzählt der erste Spielfilm des bisher auf dokumentarisches spezialisierten Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter. Reine Fiktion ist es dennoch nicht, denn immerhin spielen die beiden eine Version ihrer selbst. Mascha geht auf eine Modelschule und hat gute Chancen, danach in China zu arbeiten. Der einige Jahre ältere Misha arbeitet im Leichenschauhaus und verarbeitet dies in drastischen Gemälden. Die im Film angelegte Freundschaft zwischen der grazilen, fast durchscheinend wirkenden jungen Frau und dem über und über tätowiertem, zurückgezogen lebenden Maler entwickelt sich, als Mascha nach einem Suizidversuch im Krankenhaus mit dem Tod eines Mitpatienten konfrontiert wird. Fasziniert davon schleicht sie sich in das Leichenschauhaus, und lernt dort Misha kennen. „Zwei kontrastreiche Welten – beide um den Körper und seine Darstellung zentriert, doch auf zutiefst unterschiedliche Weise ausgedrückt – bringen wir in einem fiktionalen Gefüge gezielt zum Zusammenstoß. Gemeinsam träumen sie vom Ausbruch, doch ihre Hoffnungen werden gefesselt von Angst und Scham – der Scham, als Künstler ungesehen zu bleiben, der Scham im Kampf mit Depressionen. Im Zentrum der Geschichte steht ein grundlegender Konflikt: die Wahl, sich einem anderen zu öffnen und dadurch Verletzungen zu riskieren – oder sich zu isolieren und Einsamkeit und Stillstand zu akzeptieren. … Mit White Snail wollen wir Verbundenheit spürbar machen – das Gefühl, in unseren Kämpfen nicht allein zu sein, und den Mut, unsere Schwächen nicht zu verbergen. Wir möchten sichtbar machen, was meist verborgen bleibt – jenseits von Nostalgie und osteuropäischen Klischees. Wir erzählen von einem Land, dessen Stimmen nur noch selten über seine Grenzen hinausdringen.“ Regiekommentar „Kemser und Peter folgen nie den gängigen Prinzipien und Mustern vieler inhaltlich ähnlich ausgerichteter Romanzen.… ruhig und gemächlich entwickelt sich die Verbindung der beiden Hauptcharaktere in diesem unkonventionellen, dringlichen Mix aus Drama und Romanze.“ Filmstarts.de
Die Ungarin Ildiko Enyedi überrascht immer wieder von Neuem. Ihr Debüt Mein 20. Jahrhundert verbindet märchenhaft-poetisch das Leben zweier auf geheimnisvolle Weise getrennter Zwillingsschwestern mit dem Fortschrittsglauben um 1900 und wird bei den 42. Filmfestspielen in Cannes sofort ausgezeichnet. In Körper und Seele stehen zwei einsame Menschen, aber auch Tiere und Träume im Vordergrund. Das ungewöhnliche Werk überzeugt die Jury der 67. Berlinale und bekommt den Hauptpreis zugesprochen. Silent Friend feiert letztes Jahr in Venedig seine viel beachtete Premiere, und Luna Wedler wird „Beste Nachwuchsschauspielerin“. In diesem neuen Werk drehen sich die drei zu verschiedenen Zeiten spielenden Kapitel um die Verbindung von Natur und Universum, vor allem aber um Pflanzen, darunter besonders um einen alten Ginkgo-Baum im Alten Botanischen Garten Marburg (wegen des Zeitabstandes der Episoden gab es aber noch zwei weitere Baum-Darsteller unterschiedlichen Alters). – Als die Universität in Marburg erstmals Frauen zum Studium zulässt, schafft es die junge Grete, sich von den provokanten Fragen der männlichen Jury nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und wird zum Biologie-Studium zugelassen. Dann erobert sie eine weitere männliche Domäne und entdeckt die fantastischen Möglichkeiten der Fotografie für sich. Gefilmt wurde dieser Teil auf monochromen 35mm-Material. – In den 1970-er Jahren verliebt sich der zurückhaltende Hannes in seine aufgeschlossene Kommilitonin Gundula und wird durch sie in die Geheimnisse der Kommunikation mit Pflanzen eingeweiht, eingefangen mit körnigem 16mm-Farbfilm. – Die Jetzt-Zeit wurde digital aufgenommen: Der asiatische Neurobiologe Tony (Tony Leung in seiner ersten europäischen Rolle) steckt aufgrund des Corona-Shutdowns in Marburg fest. Er muss seine Zeit mit dem knurrigen Hausmeister der Uni verbringen und beginnt die Erforschung des mächtigen, weiblichen Ginkgos. Das ist alles nicht nur interessant und wunderschön anzusehen, sondern auch „ein komischer, oft überraschender, zeitweise ganz schön durchgeknallter Film.“ Wolfgang Höbel | Der Spiegel
Credits:
DE/HU/FR 2025, 147 Min., deutsch, englische OmU Regie: Ildikó Enyedi Kamera: Gergely Pálos Schnitt: Károly Szala mit: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Johannes Hegemann, Rainer Bock, Marlene Burow, Léa Seydoux
Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Leistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade. Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung überhaupt?
„Die Figuren des Films sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.„ Jafar Panahi
Auch im fsk: Jafar Panahis vorletzter Film No Bears (Spezialpreis der Jury, Venedig)
Credits:
Yek tasadef sadeh یک تصادف ساده, IR/FR/LU 2025, 102 Min., farsi OmU Regie: Jafar Panahi Kamera: Amin Jafari Schnitt: Amir Etminan mit: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten
Von zwei sehr verschiedenen Menschen, die der Welt abgewandt erscheinen und sich für eine Zeit Halt geben können, erzählt der erste Spielfilm des bisher auf dokumentarisches spezialisierten Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter. Reine Fiktion ist es dennoch nicht, denn immerhin spielen die beiden eine Version ihrer selbst. Mascha geht auf eine Modelschule und hat gute Chancen, danach in China zu arbeiten. Der einige Jahre ältere Misha arbeitet im Leichenschauhaus und verarbeitet dies in drastischen Gemälden. Die im Film angelegte Freundschaft zwischen der grazilen, fast durchscheinend wirkenden jungen Frau und dem über und über tätowiertem, zurückgezogen lebenden Maler entwickelt sich, als Mascha nach einem Suizidversuch im Krankenhaus mit dem Tod eines Mitpatienten konfrontiert wird. Fasziniert davon schleicht sie sich in das Leichenschauhaus, und lernt dort Misha kennen. „Zwei kontrastreiche Welten – beide um den Körper und seine Darstellung zentriert, doch auf zutiefst unterschiedliche Weise ausgedrückt – bringen wir in einem fiktionalen Gefüge gezielt zum Zusammenstoß. Gemeinsam träumen sie vom Ausbruch, doch ihre Hoffnungen werden gefesselt von Angst und Scham – der Scham, als Künstler ungesehen zu bleiben, der Scham im Kampf mit Depressionen. Im Zentrum der Geschichte steht ein grundlegender Konflikt: die Wahl, sich einem anderen zu öffnen und dadurch Verletzungen zu riskieren – oder sich zu isolieren und Einsamkeit und Stillstand zu akzeptieren. … Mit White Snail wollen wir Verbundenheit spürbar machen – das Gefühl, in unseren Kämpfen nicht allein zu sein, und den Mut, unsere Schwächen nicht zu verbergen. Wir möchten sichtbar machen, was meist verborgen bleibt – jenseits von Nostalgie und osteuropäischen Klischees. Wir erzählen von einem Land, dessen Stimmen nur noch selten über seine Grenzen hinausdringen.“ Regiekommentar „Kemser und Peter folgen nie den gängigen Prinzipien und Mustern vieler inhaltlich ähnlich ausgerichteter Romanzen.… ruhig und gemächlich entwickelt sich die Verbindung der beiden Hauptcharaktere in diesem unkonventionellen, dringlichen Mix aus Drama und Romanze.“ Filmstarts.de
Ein einfacher Unfall, Gewinner der Goldenen Palme von Cannes, ist eine furchtlose Leistung des Filmemachers Jafar Panahi – zugleich hochpolitisch und zutiefst menschlich. Mit unerbittlicher Klarheit stellt der Film moralische Fragen nach Wahrheit und Ungewissheit, Rache und Gnade. Als der Automechaniker Vahid zufällig auf den Mann trifft, der ihn mutmaßlich im Gefängnis gefoltert hat, entführt er ihn, um Vergeltung zu üben. Doch der einzige Hinweis auf Eghbals Identität ist das unverkennbare Quietschen seiner Beinprothese. Auf der Suche nach Gewissheit wendet sich Vahid an einen zerstreuten Kreis anderer, inzwischen freigelassener Opfer. Doch je tiefer sie in ihre Vergangenheit eintauchen und je mehr ihre unterschiedlichen Weltanschauungen aufeinanderprallen, desto größer werden die Zweifel: Ist er es wirklich? Und was hieße Vergeltung überhaupt?
„Die Figuren des Films sind zwar fiktiv, doch die Geschichten, die sie erzählen, basieren auf realen Ereignissen, die von echten Gefangenen erlebt wurden. Echt ist auch die Vielfalt dieser Figuren und ihrer Reaktionen. Einige werden sehr gewalttätig und von Rachegelüsten getrieben. Andere wiederum versuchen, einen Schritt zurückzutreten und über langfristige Strategien nachzudenken. Einige waren stark politisiert – oder wurden es. Andere waren es überhaupt nicht und wurden fast zufällig verhaftet. Letzteres trifft auf Vahid, die Hauptfigur, zu: Er war ein Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Das Regime macht keinen Unterschied zwischen diesen Menschen. Jede der anderen Figuren repräsentiert eine der vielen, mehr oder weniger fest organisierten Oppositionsgruppen. Diese Gruppen geraten oft aneinander, sogar hinter Gittern. Sie alle sind sich einig, dass sie das Regime ablehnen, aber darüber hinaus gehen die Meinungen auseinander. Seit dem Tod von Mahsa Amini und dem Aufkommen von „Frau, Leben, Freiheit” hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Oft wissen die Menschen jedoch nicht, womit sie es ersetzen sollen. Das sieht man heute deutlich: Zum Beispiel zeigen sich viele Frauen nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit. Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Die Szenen im Film, die mit unverschleierten Schauspielerinnen auf der Straße gedreht wurden, spiegeln jedoch die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.„ Jafar Panahi
Auch im fsk: Jafar Panahis vorletzter Film No Bears (Spezialpreis der Jury, Venedig)
Credits:
Yek tasadef sadeh یک تصادف ساده, IR/FR/LU 2025, 102 Min., farsi OmU Regie: Jafar Panahi Kamera: Amin Jafari Schnitt: Amir Etminan mit: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten
Die Ungarin Ildiko Enyedi überrascht immer wieder von Neuem. Ihr Debüt Mein 20. Jahrhundert verbindet märchenhaft-poetisch das Leben zweier auf geheimnisvolle Weise getrennter Zwillingsschwestern mit dem Fortschrittsglauben um 1900 und wird bei den 42. Filmfestspielen in Cannes sofort ausgezeichnet. In Körper und Seele stehen zwei einsame Menschen, aber auch Tiere und Träume im Vordergrund. Das ungewöhnliche Werk überzeugt die Jury der 67. Berlinale und bekommt den Hauptpreis zugesprochen. Silent Friend feiert letztes Jahr in Venedig seine viel beachtete Premiere, und Luna Wedler wird „Beste Nachwuchsschauspielerin“. In diesem neuen Werk drehen sich die drei zu verschiedenen Zeiten spielenden Kapitel um die Verbindung von Natur und Universum, vor allem aber um Pflanzen, darunter besonders um einen alten Ginkgo-Baum im Alten Botanischen Garten Marburg (wegen des Zeitabstandes der Episoden gab es aber noch zwei weitere Baum-Darsteller unterschiedlichen Alters). – Als die Universität in Marburg erstmals Frauen zum Studium zulässt, schafft es die junge Grete, sich von den provokanten Fragen der männlichen Jury nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und wird zum Biologie-Studium zugelassen. Dann erobert sie eine weitere männliche Domäne und entdeckt die fantastischen Möglichkeiten der Fotografie für sich. Gefilmt wurde dieser Teil auf monochromen 35mm-Material. – In den 1970-er Jahren verliebt sich der zurückhaltende Hannes in seine aufgeschlossene Kommilitonin Gundula und wird durch sie in die Geheimnisse der Kommunikation mit Pflanzen eingeweiht, eingefangen mit körnigem 16mm-Farbfilm. – Die Jetzt-Zeit wurde digital aufgenommen: Der asiatische Neurobiologe Tony (Tony Leung in seiner ersten europäischen Rolle) steckt aufgrund des Corona-Shutdowns in Marburg fest. Er muss seine Zeit mit dem knurrigen Hausmeister der Uni verbringen und beginnt die Erforschung des mächtigen, weiblichen Ginkgos. Das ist alles nicht nur interessant und wunderschön anzusehen, sondern auch „ein komischer, oft überraschender, zeitweise ganz schön durchgeknallter Film.“ Wolfgang Höbel | Der Spiegel
Credits:
DE/HU/FR 2025, 147 Min., deutsch, englische OmU Regie: Ildikó Enyedi Kamera: Gergely Pálos Schnitt: Károly Szala mit: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Johannes Hegemann, Rainer Bock, Marlene Burow, Léa Seydoux
Was für ein Debüt! US-Schauspielerin Kristen Stewart, bekannt geworden durch die „Twilight“-Blockbuster nach Stephenie Meyer, emanzipiert sich mit ihrer ersten Regiearbeit endgültig vom Konsenskino Hollywoods. Die Charakterstudie „The Chronology of Water“, eine Verfilmung der gleichnamigen Memoiren Lidia Yuknavitchs, bewegt sich mit ihrer bruchstückhaften Erzählweise, ihrer eigenwilligen Bildsprache und ihrer schonungslos ergründeten Missbrauchsthematik deutlich abseits des Mainstreams. Ein furioser, manchmal auch anstrengender Trip, der einen unter Garantie kräftig durchschüttelt.
Sich nicht vereinnahmen und auf bestimmte Rollen festlegen zu lassen, das hat Kristen Stewart nach ihrem Erfolg mit der „Twilight“-Saga geschafft. Dass die US-Darstellerin mehr sein wollte als eine weitere rund um den Globus verehrte Blockbuster-Ikone, verdeutlichten schon ihre ersten Ausflüge ins europäische Autorenkino mit Olivier Assayas‘ Werken „Die Wolken von Sils Maria“ (2014) und „Personal Shopper“ (2016). Anspruchsvolle Rollen und eher unkonventionelle Projekte sprachen Stewart auch in der Folgezeit an. Mit Pablo Larraín drehte sie das Biopic „Spencer“ (2021) über Prinzessin Diana. Unter der Regie David Cronenbergs entstand der Scifi-Bodyhorror-Streifen „Crimes of the Future“ (2022). Und von Rose Glass ließ sich das frühere Teenageridol in der queeren, feministischen Thriller-Romanze „Love Lies Bleeding“ (2024) inszenieren.
„The Chronology of Water“, ihr Debüt als Filmemacherin, wirkt wie der logische nächste Schritt in der Entwicklung einer Frau, die mehr und mehr ihre eigene Stimme findet – was Stewart dann auch sehr stark mit der Geschichte ihrer Protagonistin verbindet. Die Charakterstudie basiert auf den gleichnamigen Memoiren der früheren Schwimmerin und heutigen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch, die in jungen Jahren von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde und irgendwann den Drogen und dem Alkohol verfiel. Harter Stoff, den die Neuregisseurin ohne Netz und doppelten Boden in ihr Erstlingswerk überführt.
Auch wenn sich Stewart in den letzten Jahren im Mainstreamkino rarmachte, besitzt ihr Name noch immer eine enorme Strahlkraft. Dennoch scheint es nicht leicht gewesen zu sein, ihren ersten eigenen Film auf die Beine zu stellen. Das lassen zumindest die vielen im Vorspann genannten Produktionsfirmen und damit die breitgefächerte Finanzierung vermuten. Kein Wunder! Denn „The Chronology of Water“ schildert auf radikale, experimentelle Weise eine von Gewalt, Zweifeln und Selbstzerstörung geprägte Lebensgeschichte.
Stewarts kompromissloser Ansatz zeigt sich schon zu Anfang des in mehrere Kapitel unterteilten Dramas. Als Zuschauer sucht man irgendwie Halt, bemüht sich, dem Gezeigten Sinn zu geben. Aber zunächst stürzt auf uns ein Schwall an Bildern, Tönen, Wort- und Satzfetzen ein. Das grobkörnige 16mm-Analogmaterial verleiht dem Ganzen sofort einen betont subjektiven Anstrich. Was sich aus den teils in extremen Nahaufnahmen gefilmten Fragmenten mit der Zeit herauslesen lässt: In ihrem Elternhaus durchlebt die kleine Lidia (Anna Wittowsky) die Hölle. Während ihre Mutter (Susannah Flood) konsequent wegschaut, hat ihr sexuell übergriffiger Vater (mit furchteinflößender Präsenz: Michael Epp) ein auf absolute Kontrolle ausgerichtetes Terrorregime etabliert, vor dem Lidias ältere Schwester Claudia (als Erwachsene von Thora Birch verkörpert) Reißaus nimmt.
Auch der Protagonistin (im Teenager- und im Erwachsenenalter von Imogen Poots gespielt) gelingt dank eines Schwimmstipendiums irgendwann der Absprung. Drogen- und Alkoholmissbrauch, Beziehungsfrust und eine Fehlgeburt werfen die junge Frau allerdings immer wieder aus der Bahn. Ihre Bestimmung und eine Möglichkeit, sich auszudrücken, findet sie erst in der Literatur. Doch der Weg zur Heilung ist lang, da die Schatten der Vergangenheit nicht so einfach verschwinden wollen.
„The Chronology of Water“ erzählt den Werdegang nicht streng chronologisch, sondern sprunghaft und assoziativ. Ganz ähnlich eben, wie die menschliche Erinnerung funktioniert. Geräusche, Personen oder bestimmte Gegenstände lösen einen Impuls aus, der frühere Eindrücke wieder hochschwemmt und damalige Gefühle reproduziert. Ständig erklingt über den Bildern die Stimme der Hauptfigur, die mal ausführlicher, mal kryptischer Dinge kommentiert. Am schwierigsten zu fassen ist sicherlich der Einstieg. Im weiteren Verlauf gibt es immerhin einige Passagen, in denen die Zersplitterung etwas nachlässt.
So herausfordernd das aus vielen größeren und kleineren Bruchstücken bestehende Geschehen auch sein mag – auf Kurs gehalten wird der Film von Imogen Poots, die sich mit einer fast schon furchteinflößenden Unerschrockenheit in ihre Rolle wirft. Ihr Gesicht häufig in Großaufnahme eingefangen, gibt sich die Britin ganz der Kamera hin und spielt sich im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib. Lust, Ausgelassenheit, Ekel, Schmerz, Verzweiflung – jede Emotion lebt die Hauptdarstellerin mit voller Intensität. Nach diesem Dreh kann sie eigentlich nur völlig ausgepumpt gewesen sein! Was mimische Qualität bewirken kann, zeigt auch das Beispiel Jim Belushis, der in seinen wenigen Szenen als (real existierender) Schriftsteller Ken Kesey (unter anderem Autor von „Einer flog über das Kuckucksnest“) eine raumgreifende, in Erinnerung bleibende Figur erschafft. Wer sich mit Kristen Stewarts Kunstanspruch, ihrem unangepassten Stil schwertut, kann sich wenigstens von diesen beiden Performances mitreißen lassen. Christopher Diekhaus | programmkino.de
Credits:
US/FR/LV 2025, 128 Min., engl. OmU Regie: Kristen Stewart Kamera: Corey C. Waters Schnitt: Olivia Neergaard-Holm mit: Imogen Poots, Thora Birch, Susannah Flood, Tom Sturridge, Kim Gordon, Michael Epp, Jim Belushi
Rose und ihr älterer Bruder Sam haben eine enge Bindung. Als Sam der Vergewaltigung beschuldigt wird, soll Rose im Rahmen der Ermittlungen gegen ihn aussagen. Das stellt sowohl die Beziehung der beiden als auch Roses moralische Integrität auf die Probe. Regisseurin Sarah Miro Fischer erkundet in Schwesterherz eine innige Geschwisterbeziehung. Sie untersucht, inwiefern die Nähe zu einer Person den Blick auf die Realität verstellen kann und welche Ereignisse die Kraft haben, auch die engsten Bindungen zu zerstören. In ihrer Arbeit mit den Schauspieler*innen legt sie besonderen Wert auf körperlichen Ausdruck, um Geschichten auch jenseits des gesprochenen Worts erzählen zu können.
Credits:
DE/ES 2025, 96 Min., In Deutsch (das meiste) und Englisch, mit englischen und deutschen Untertiteln Regie: Sarah Miro Fischer Kamera: Selma von Polheim Gravesen Schnitt: Elena Weihe mit: Marie Bloching, Anton Weil, Proschat Madani, Laura Balzer, Jane Chirwa
Von zwei sehr verschiedenen Menschen, die der Welt abgewandt erscheinen und sich für eine Zeit Halt geben können, erzählt der erste Spielfilm des bisher auf dokumentarisches spezialisierten Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter. Reine Fiktion ist es dennoch nicht, denn immerhin spielen die beiden eine Version ihrer selbst. Mascha geht auf eine Modelschule und hat gute Chancen, danach in China zu arbeiten. Der einige Jahre ältere Misha arbeitet im Leichenschauhaus und verarbeitet dies in drastischen Gemälden. Die im Film angelegte Freundschaft zwischen der grazilen, fast durchscheinend wirkenden jungen Frau und dem über und über tätowiertem, zurückgezogen lebenden Maler entwickelt sich, als Mascha nach einem Suizidversuch im Krankenhaus mit dem Tod eines Mitpatienten konfrontiert wird. Fasziniert davon schleicht sie sich in das Leichenschauhaus, und lernt dort Misha kennen. „Zwei kontrastreiche Welten – beide um den Körper und seine Darstellung zentriert, doch auf zutiefst unterschiedliche Weise ausgedrückt – bringen wir in einem fiktionalen Gefüge gezielt zum Zusammenstoß. Gemeinsam träumen sie vom Ausbruch, doch ihre Hoffnungen werden gefesselt von Angst und Scham – der Scham, als Künstler ungesehen zu bleiben, der Scham im Kampf mit Depressionen. Im Zentrum der Geschichte steht ein grundlegender Konflikt: die Wahl, sich einem anderen zu öffnen und dadurch Verletzungen zu riskieren – oder sich zu isolieren und Einsamkeit und Stillstand zu akzeptieren. … Mit White Snail wollen wir Verbundenheit spürbar machen – das Gefühl, in unseren Kämpfen nicht allein zu sein, und den Mut, unsere Schwächen nicht zu verbergen. Wir möchten sichtbar machen, was meist verborgen bleibt – jenseits von Nostalgie und osteuropäischen Klischees. Wir erzählen von einem Land, dessen Stimmen nur noch selten über seine Grenzen hinausdringen.“ Regiekommentar „Kemser und Peter folgen nie den gängigen Prinzipien und Mustern vieler inhaltlich ähnlich ausgerichteter Romanzen.… ruhig und gemächlich entwickelt sich die Verbindung der beiden Hauptcharaktere in diesem unkonventionellen, dringlichen Mix aus Drama und Romanze.“ Filmstarts.de
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