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Das unbekannte Mädchen

Ein Film von Jean-Pierre und Luc Dardenne.

Jenny, eine jun­ge Ärztin, führt eine Praxis ver­tre­tungs­wei­se in einer bel­gi­schen Vorstadt. Als eines Abends nach Sprechstundenschluss es noch ein­mal klin­gelt, macht sie nicht auf, im Glauben, dass es sich nicht um einen Notfall han­delt. Am nächs­ten Tag erfährt sie von der Polizei, dass eine nicht iden­ti­fi­zier­te Person tot auf­ge­fun­den wur­de, offen­bar die jun­ge Frau, die am Vorabend in ihre Praxis wollte.

Sich (mit)schuldig füh­lend, fängt die Ärztin an, Nachforschungen anzu­stel­len, um zumin­dest den Namen der Toten zu ermit­teln. Bald schon gerät sie dabei immer tie­fer in ver­schie­de­ne Milieus. Anfangs läuft sie Gefahr, sich in ihrer Recherche zu ver­lie­ren, spä­ter jedoch beginnt ihre Umwelt auf ihre Hartnäckigkeit zu reagieren.

Der Film spielt wie immer an einem Durchgangsort, der eine gro­ße Unbehaustheit aus­strahlt, dort, wo eigent­lich nie­mand woh­nen will und wenn doch, gezwun­gen ist, sich ein­zu­rich­ten. Wie so häu­fig dreht es sich bei den Dardennes um Schuld, Trost, Zuwendung, den unab­läs­si­gen Kampf gegen Windmühlen und hier beson­ders auch um die Selbstfindung der Personen. Schön, wie es ihnen immer wie­der gelingt, nicht ‑wie in vie­len Sozialdramen- pla­ka­tiv zu typi­sie­ren, son­dern eine Vielschichtigkeit zu bewah­ren und dabei einen zärt­li­chen Blick auf ihre Protagonisten und ihre Welt zu wer­fen, nicht aber auf die Verhältnisse, in denen sie leben müssen.

Es ist immer wie­der beein­dru­ckend, mit wel­cher Souveränität und schnör­kel­lo­sen Klarheit es den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne gelingt, das jewei­li­ge Milieu ihrer Filme und die mora­li­schen Konflikte ihrer Figuren in der Exposition zu kon­tu­rie­ren.“ (Filmdienst)

 

La fil­le inconnu
Belgien / Frankreich 2016, 106 Min., frz. OmU

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Kamera: Alain Marcoen
Schnitt: Marie-Hélène Dozo
Darsteller: Adèle Haenel, Fabrizio Rongione, Thomas Doret, Morgan Marinne, Christelle Cornil

DAS UNBEKANNTE MÄDCHEN – OmU Trailer

Continuity

Ein Film von Omer fast. Ab 17.11. im fsk.

Omer Fast ist Videokünstler. Im Martin-Gropius-Bau gibt es ab 18.11. unter dem Titel „Reden ist nicht immer die Lösung“ eine Ausstellung mit sie­ben sei­ner Projekte zu sehen. Die letz­te Berlinale hat­te 2 Filme von ihm im Programm: Das vor kur­zem im Kino gelau­fe­ne Vexierspiel „Remainder“ lief im Panorama, der ungleich kom­ple­xe­re „Continuity“ ent­spre­chend beim Forum Expanded. Continue rea­ding

Ich, Daniel Blake

Ein Film von Ken Loach.

Nach einem Herzinfarkt darf der 59-jäh­ri­ge Schreiner Daniel Blake nicht mehr arbei­ten. Er bean­tragt die ihm zuste­hen­den staat­li­chen Leistungen und ver­sinkt dabei lang­sam im Treibsand der Bürokratie und ihrer kaf­ka­es­ken Strukturen. Anstatt pro­fes­sio­nel­ler Betreuung durch die dafür zustän­di­gen Behörden fin­det er sich in der Rolle des Don Quijotes wie­der. Dabei lernt er eine allein­er­zie­hen­den Mutter ken­nen, die in der glei­chen Lage steckt (kei­ne Liebesgeschichte). „I, Daniel Blake“ ist durch und durch ein Ken Loach Film, das Mitgefühl für sei­ne Protagonisten spie­gelt sich in jeder Einstellung. Er doku­men­tiert ihren Kampf um mensch­li­che Würde und Grundrechte in einem Staat, der für die Gewinnmaximierung Weniger opti­miert wur­de und den Interessen der Mehrheit mit Ruhigstellungsstrategien begeg­net. Wer dabei nach unten durch­rutscht, darf sich als Paria betrach­ten. Loach macht Filme dar­über, wie ein­fach es sein kann, dort zu lan­den. Darüber, das es sta­tis­tisch wahr­schein­li­cher ist, einen Herzinfarkt zu bekom­men und den Arbeitsplatz zu ver­lie­ren als Aufsteiger der Woche oder Lottokönig zu wer­den. Als Bedürftiger gerät man aber an ein Sozialsystem, das dem Namen nicht mehr gerecht wird. Und Ken Loach bleibt mit sei­nen gera­de mal 80 Jahren ein bewun­derns­wer­ter Regisseur, der die Hauptrolle dem eher unbe­kann­ten Stand-up Comedian Dave Johns anver­trau­te. Seine Darstellung der Titelfigur berührt unge­mein und hat gleich­zei­tig einen Witz, der sei­ne Widerborstigkeit unter­streicht, sich nicht unter­krie­gen zu lassen.

Mein lang­jäh­ri­ger Ko-Autor Paul Laverty und ich hat­ten viel über die Stolpersteine der Sozialhilfe gehört. Also tour­ten wir durch England und tra­fen uns mit Leuten in Jobcentern und Ausspeisungsstellen. Ihre Geschichten haben uns scho­ckiert. Unzählige sind unwür­di­gen Mechanismen aus­ge­setzt, aber kaum einer spricht dar­über. …Die Jobcenter-Angestellten müs­sen ein gewis­ses Sanktionspensum erfül­len. Wenn sie das nicht schaf­fen, wer­den sie auf eine „Optimierungsliste“ gesetzt und ste­hen unter Druck, ihre Straffrequenz zu erhö­hen. Es ist eine Zermürbungsstrategie. Wenn das Amt einen Sozialhilfeanwärter als arbeits­taug­lich ein­stuft, die­ser aber mit einem ärzt­li­chen Attest Einspruch erhebt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich durch­set­zen kann, rela­tiv hoch. Also ver­sucht man, es gar nicht so weit kom­men zu las­sen.“ Ken Loach


OT: I, Daniel Blake

Frankreich/Großbritannien 2016, 100 Min., engl. OmU
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Kamera: Robbie Ryan
Schnitt: Jonathan Morris
Darsteller: Hayley Squires, Colin Coombs, Micky McGregor, Dave Johns, Briana Shann

 

Les Sauteurs – Those Who Jump

Ein Film von Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé, Ab 17. November im fsk.
Am 18.+ 22.11. in Anwesenheit der Regisseure.

Vom Berg Gurugu blickt man auf die spa­ni­sche Enklave Melilla an der nord­afri­ka­ni­schen Mittelmeerküste. Afrika und die Europäische Union wer­den hier durch eine hoch­ge­si­cher­te Grenzanlage, bestehend aus drei Zäunen, von­ein­an­der getrennt. In den Wäldern des Bergausläufers leben Geflüchtete, meist aus der Subsahara-Region, die ver­su­chen, die­se Continue rea­ding

Right now, wrong then

Ein Film von Hong Sang-soo.

Es hat nicht sol­len sein.“ Was retro­spek­tiv über vie­le Beziehungen gesagt wird, die schei­tern bevor sie rich­tig begon­nen haben, trifft auch auf das Verhältnis Ham Chun-su und Yoon Hee-jung zu. Er ist Regisseur und wegen einer Filmvorführung in Suwon. Dummerweise reist er einen Tag zu früh an und lernt zufäl­lig die Künstlerin Hee-jung ken­nen. Die bei­den ver­brin­gen den Tag zusam­men, besu­chen ihr Atelier, essen Sushi, trin­ken Soju und gehen am Abend mit Freundinnen aus. So kom­men sie ein­an­der näher, Continue rea­ding

Sparrows

Ein Film von Rúnar Rúnarsson. Ab 24. November 2016 im Kino.

Die Geschichte eines 16-jäh­ri­gen Jungen, der gezwun­gen ist, von sei­ner Mutter aus Reykjavik in sei­ne alte Heimat, den abge­schie­de­nen Nordwesten Islands, zu sei­nem leib­li­chen Vater zu zie­hen. Dort spie­gelt die raue Landschaft die schwie­ri­gen Beziehungen sowohl zu sei­nem Vater, als auch zu sei­nen Freunden wider, mit denen er sich aus­ein­an­der­set­zen muss. Er Continue rea­ding

Cahier Africain

Ein Film von Heidi Specogna.

Im wahrs­ten Sinne des Wortes steht ein Notizheft im Mittelpunkt der Dokumentation, ein Heft, in dem die zahl­lo­sen Verbrechen und Vergewaltigungen auf­ge­lis­tet wur­den, die von Soldaten des benach­bar­ten Kongos in der Zentralafrikanischen Republik ver­übt wur­den. Dieses Heft, von einer Menschenrechtsaktivistin in lang­jäh­ri­gen, aus offen­sicht­li­chen Gründen auch gefähr­li­cher Arbeit ange­legt, dien­te als ent­schei­den­des Beweismittel in Continue rea­ding

Die Wildente

Ein Film von Simon Stone. Ab 27.10. im fsk.

Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie neh­men ihm zu glei­cher Zeit das Glück.“ so heißt es in dem gleich­na­mi­gen Stück des Norwegers Henrik Ibsen, das die­ser Verfilmung zu Grunde liegt. Wie wir sehen wer­den, gilt dies nicht nur für Christian, der aus den USA zur Hochzeit sei­nes Vaters nach Hause in sein Heimatdorf zurück­kehrt. Seine geschei­ter­te Ehe und sei­ne Alkoholsucht ver­heim­licht er dort lie­ber. Da er die Heirat sei­nes Vaters mit einer viel zu jun­gen Frau und bis­he­ri­gen Angestellten für unan­ge­mes­sen hält, ver­bringt Christian die Continue rea­ding

Dieses Sommergefühl

Ein Film von Mikhaël Hers. Ab 3.11.16 im fsk.

Durch ihren plötz­li­chen Tod wird die jun­ge Französin Sasha aus dem Leben von Lawrence geris­sen. Vollkommen unvor­be­rei­tet bleibt er rat­los allein zurück im Leben. Er hält Konktakt zu Sashas Familie und all­mäh­lich ent­wi­ckelt sich eine tie­fe Freundschaft zwi­schen ihm und Sashas Schwester Zoé. Im Fluss der Zeit ver­än­dern sich bei­der Leben: wäh­rend Zoé mit ihrem Mann eine Familie grün­det, zieht Lawrence aus Berlin, streift Paris und ent­schei­det sich schließ­lich dafür, zurück in sein Heimatland Amerika zu gehen. Sommer ver­ge­hen und begin­nen und Continue rea­ding

Paterson

Ein Film von Jim Jarmusch. Ab 17.11. im fsk.

William Carlos Williams war Arzt, ver­brach­te die meis­te Zeit sei­nes Lebens in sei­ner Heimatstadt Rutherford in New Jersey und schrieb Gedichte und Prosa, unter ande­rem ein sehr sehr lan­ges Gedicht mit dem Titel „Paterson“, das gan­ze fünf Bände füllt. „Paterson” ist auch der Titel des neu­en Films von Jim Jarmusch und für die Hauptfigur des Films, für den Busfahrer Paterson, der in der Stadt Paterson lebt, ist William Carlos Williams eine Art Vorbild, ein Foto von ihm hängt Continue rea­ding