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Seefeuer

Ein Film von Gianfranco Rosi. Ab 28.7. im fsk.

Samuele ist zwölf und lebt auf einer Insel im Mittelmeer, weit ent­fernt vom Festland. Wie alle Jungen sei­nes Alters geht er nicht immer gern zur Schule. Viel lie­ber klet­tert er auf Uferfelsen, han­tiert mit sei­ner Schleuder oder streift am Hafen umher. Doch sei­ne Heimat ist kei­ne Insel wie alle ande­ren. Schon seit Jahren ist sie das Ziel von Männern, Frauen und Kindern, die in viel zu klei­nen Booten und alters­schwa­chen Schiffen aus Afrika über­zu­set­zen ver­su­chen. Die Insel heißt Lampedusa und gilt als Metapher für die Fluchtbewegung nach Europa, die Hoffnungen und Nöte, das Schicksal hun­dert­tau­sen­der Emigranten. Sie seh­nen sich nach Frieden, Freiheit und Glück und wer­den oft nur noch tot aus dem Wasser gebor­gen. So sind die Einwohner von Lampedusa tag­täg­lich Zeugen der größ­ten huma­ni­tä­ren Tragödie unse­rer Zeit. Continue rea­ding

Alles was kommt

Ein Film von Mia Hansen-Løve. Ab 18.8. im fsk.

Die Welt von Nathalie (gespielt von Isabelle Huppert) gerät ins Wanken: An der Schule, an der sie Philosophie unter­rich­tet, strei­ken die poli­ti­sier­ten Schüler gegen die Reformpolitik, aber davon will Nathalie nichts wis­sen, obwohl ihr lin­ke Denker am Herzen lie­gen. Kurze Zeit spä­ter erfährt sie, dass ihr Mann sie betrügt. Der zieht bald aus und weil die gemein­sa­men Kinder erwach­sen sind und schon lan­ge ihre eige­nen Wege gehen, ist sie plötz­lich allei­ne Continue rea­ding

90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden

Ein Film von Eyan Hal­fon. Ab 30. Juni im fsk.

Der Eröffnungsfilm des Jüdischen Filmfestes Berlin-Brandenburg heißt im Original „The 90-Minute-War“ – bei uns wur­de der Krieg in Frieden umge­wan­delt: „Nach Abpfiff Frieden“ …

Der israe­li­sche Regisseur Eyan Halfon spielt hier ein hoch­gra­dig absur­des Ausgangsszenario durch, detail­reich, eini­ger­ma­ßen natu­ra­lis­tisch, aber mit Hieben nach allen Seiten und Anspielungen auf die Geschichte. Die Ausgangssituation: ein Fußballspiel, oder genau­er, die Zeit davor. Die Partie „Israel vs. Palästinensische Gebiete“ soll end­lich eine Entscheidung im und ein Ende des Nahost-Konfliktes brin­gen. Der Sieger erhält das Land, der Verlierer muss gehen.

90 MINUTEN beschäf­tigt sich nun nicht etwa mit dem alles ent­schei­den­den Spiel, son­dern mit dem diplo­ma­ti­schen und sport­li­chen Hürdenlauf zuvor, und natür­lich zeigt sich auch hier: der Teufel steckt in jedem Detail. Die Israelis haben bei­spiels­wei­se als Trainer Herrn Müller enga­giert. Als Zweifel auf­kom­men, ob Herr Müller sich als Deutscher sei­ner his­to­ri­schen Aufgabe bewusst ist [„Ich bin kein Historiker, kein Politiker, kein Soldat – es ist nur Fußball!“], wer­den er und das Team, statt zu trai­nie­ren, an his­to­risch bedeu­ten­de Orte von der Klagemauer bis Yad Vashem geschickt. Das paläs­ti­nen­si­sche Team dage­gen kommt erst gar nicht zum Training, da der Tourbus stän­dig an israe­li­schen Checkpoints schei­tert. Und über­haupt – wer darf bei den Palästinensern mit tun? Schicken die Emirate Spieler zur Unterstützung der Palästinenser – oder spen­die­ren sie nur Fußbälle? Die Frage, zu wel­chem Team ein ara­bi­scher Israeli gehört, zieht sich durch den gan­zen Film, aber auch die Einigung auf einen Schiedsrichter scheint unmög­lich. Auf Portugal als neu­tra­len Austragungsort kann man sich immer­hin eini­gen, und dort haben dann auch der Stadionchef und sei­ne Frau ein Lösung zumin­dest für die Schiedsrichterfrage parat.

»Während der Zuschauer die Vorbereitungen auf das Sportevent des Jahrtausends, d.h.„Israel gegen Palästina” beglei­tet, stellt Eyal Halfon vor allem die Verzweiflung des wah­ren Lebens bizarr auf den Kopf, ver­wan­delt die Realität in eine humor­vol­le Fantasie. Entstanden ist eine poli­ti­sche Satire par excel­lence, die auch ganz lei­se fragt, war­um bis­her kei­ne bes­se­re Lösung gefun­den wer­den konn­te…» epd-Film

(Mil­he­met 90 Hadakot)
D/Israel 2015, 85 Min. eng­lisch-ara­bisch-hebrä­isch-por­tu­gie­si­sche OmU
Regie & Buch: Eyan Halfon
Kamera: Daniel Kedem
Schnitt: Arik Leibovitch
D.: Moshe Ivgy, Nor­man Issa, Det­lev Buck, Pêpê Rapazote

90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden Trailer from Camino Filmverleih on Vimeo.

Toni Erdmann

Ein Film von Maren Ade. Ab 14.7. im fsk.

Ohne Ankündigung besucht ein Vater sei­ne Tochter im Ausland. Er glaubt, sie habe ihren Humor ver­lo­ren und über­rascht sie mit einem Amoklauf aus Scherzen - so die tref­fen­de Kurzsynopsis von Komplizenfilm.

Über nur weni­ge Filme wur­de so aus­führ­lich und begeis­tert in deut­schen Print- Funk- und Internetmedien berich­tet, so dass sich critic.de am Ende ver­an­lasst sah, einen Beitrag mit „Wir sind nicht Toni Erdmann“ zu beti­teln. Aber auch die inter­na­tio­na­le Presse gab der Geschichte von der Karrieretochter und dem 68-er-Vater Bestnoten.

»Zwei Welten pral­len auf­ein­an­der. Gags und Körperkomik sind so per­fekt getimt wie die Auseinandersetzungen; über­haupt besticht der Film durch einen guten dra­ma­tur­gi­schen Fluss. Doch es geht um weit mehr: Hier ste­hen zwei völ­lig unter­schied­li­che Lebensmodelle und zwei Generationen glei­cher­ma­ßen auf dem Prüfstand. Lange scheint das auf Kosten von Ines zu gehen: Karrierefrauen wur­den ja schon all­zu oft als krank­haft ehr­gei­zig, noto­risch unent­spannt und unglück­lich kom­pro­mit­tiert, ob nun im Kino oder anders­wo. Doch Maren Ade unter­sucht auch, was Winfrieds ewi­ge Scherze und Grenzübertretungen an Schrecklichem anrich­ten kön­nen, und am Ende sehen wir Ines zwar frei­er agie­ren, aber sie bleibt ihren Zielen treu  – sie ist auf dem nächs­ten Karrieresprung nach Singapur. Sandra Hüller, aus­ge­wie­se­ne Ausnahmeschauspielerin, ver­leiht ihrer Unternehmensberaterin noch in der Diszipliniertheit unzäh­li­ge Facetten. Und Hüllers Gesangsnummer im Film … wur­de in Cannes fre­ne­tisch beju­belt.« Anke Westphal, Berliner Zeitung

»In einer unge­kann­ten Mischung aus sem­ido­ku­men­ta­ri­scher Genauigkeit und ent­fes­sel­ter Farce, gelingt eine lan­ge ver­schüt­te­te Freiheit in der Inszenierung, wie man sie wohl seit Toni Erdmanns Jugend nicht mehr im Kino gese­hen hat. In die­ser mora­li­schen Komödie ist das Autorenkino förm­lich wie­der auf­er­stan­den. Nur war Filmkunst schon lan­ge nicht mehr der­art unter­hal­tend – und anrüh­rend.« Daniel Kothenschulte, FR

»Der Erfolg des Films beruht zum Teil dar­auf, wie Ade es schafft, den Bogen die­ser Tonlage über die gan­ze Zeit zu hal­ten, bis die Stimmung am Ende wie­der auf Moll, zu Zärtlichkeit und Traurigkeit, zurück­kehrt. Es gibt Szenen in Hotelbars, in Büros, und eine leicht per­ver­se Sex-Szene. Wir sehen ein pein­li­che und gleich­zei­tig eupho­ri­sche Karaoke-Darbietung der Witney Houston- Coverversion von „The Greatest Love of all“. Und dann gibt es noch eine sehr sur­re­al anmu­ten­de Party mit guter alter deut­scher Freikörperkultur: fun­ky moments, die Lars von Trier wohl lie­ben wür­de.« Peter Bradshaw| The Guardian

»Surprising, awk­ward, refres­hing and, at times, down­right hil­arious …« Screen international

D / Ö 2016 ‚162 Min.
Buch & Regie:Maren Ade
Kamera: Patrick Orth   Schnitt: Heike Parplies
mit Sandra Hüller,  Peter Simonischek, Michael Wittenborn, Thomas Loibl u.a.

auch von Maren Ade: Der Wald vor lau­ter Bäumen und Alle ande­ren

TONI ERDMANN | Offizieller Trailer | Deutsch HD German

Censored Voices

Ein Film von Mor Loushy. Ab 21. Juli im fsk.

1967 hat­te Israel im Sechstagekrieg die über­mäch­tig erschei­nen­de geg­ne­ri­sche Koalition besiegt und sein Territorium auf die drei­fa­che Größe aus­ge­dehnt. Das Land befand sich im Siegestaumel. Am Rand der all­ge­mei­nen Euphorie inter­view­te der Schriftsteller Amos Oz jun­ge Kibbuzniks, die gera­de vom Dienst an der Front zurück­ge­kehrt waren. Die Männer rede­ten offen über die Zerstörung, die Gräuel des Krieges und über ihre Ängste. Sie spra­chen über das Verhalten der israe­li­schen Truppen und waren dabei wesent­lich kri­ti­scher, als Oz erwar­tet hat­te.  Der Schriftsteller plan­te damals die Veröffentlichung der Interviews, doch es kam nicht dazu, weil der Großteil der Tonbänder von der israe­li­schen Armee zen­siert wur­de – bis heu­te.  Den noch exis­tie­ren­den Fragmenten der Originalaufnahmen wer­den Stimmen aus Nachrichtenarchiven und Bilder des Konfliktes gegen­über­ge­stellt, die das Gesagte in sei­ner Zeit ver­or­ten. Die ehe­ma­li­gen Soldaten sind heu­te Männer über 70, die ihre dama­li­gen Zweifel über die Opfer, die in die­sem Krieg für den Sieg erbracht wur­den, bewegt auf sich wir­ken las­sen. Ihre Stimmen konn­ten bis­lang nicht gehört wer­den – betref­fen sie doch den Staat Israel, wie wir ihn heu­te kennen.

In der Schule hör­ten wir sie häu­fig, die heroi­schen Legenden des 6‑Tage- Krieges. David gegen Goliath. Wir sind die Gerechten und haben die ara­bi­sche Welt, die uns im Meer ver­sen­ken woll­te, besiegt. Diese Erinnerung immer vor Augen mach­te unse­re Gesellschaft zu der, die sie heu­te ist. Aber damals, nur einen Monat nach dem gro­ßen Sieg, waren die Gefühle eigent­lich ande­re. Nur wur­den sie nie gehört. Sie wur­den zen­siert, demen­tiert und schließ­lich über die Jahre hin­weg ver­ges­sen. Jetzt, wo die Aufnahmen von damals wie­der zu hören sind, ent­steht ein kom­plett neu­es Bild. Ein „unge­schön­tes“, ein „ech­tes“, von einem Krieg, der so anders ver­lief als uns als Kindern bei­gebracht wur­de. Es ist ein trau­ri­ges Bild, ein tra­gi­sches. Und wäh­rend ich die­sen Stimmen lau­sche, stellt sich mir nur eine Frage: Wie wären wir als Gesellschaft gewor­den, wenn wir die­sen Stimmen Raum gege­ben hät­ten?“  Mor Loushy

Israel/ D  2015, 84 Min. · hebr. OmU 
Regie: Mor Loushy 
Buch: Mor Loushy, Daniel Sivan 
Kamera: Itai Raziel,  Avner Shahaf 
Schnitt: Daniel Sivan

The Assassin

Nach acht Jahren Kinopause legt er Hou Hsiao-Hsien einen hyp­no­ti­schen Film von unwirk­li­cher Schönheit vor, in dem es trotz einer extrem kom­pli­zier­ten, von ver­gleichs­wei­se boden­stän­di­gen, aber den­noch bril­lan­ten Actionszenen punk­tier­ten Geschichte vor allem um die Melancholie einer ver­geb­li­chen Liebe geht.”     Michael Meyns – filmstarts.de

China, im 8. Jahrhundert. Die Tang-Dynastie zer­brö­ckelt, ter­ri­to­ria­le Gouverneure erhe­ben sich gegen den Kaiser. Nie Yin-Niang ist in einem tao­is­ti­schen Kloster zur pro­fes­sio­nel­len Killerin aus­ge­bil­det wor­den. Von der kai­ser­treu­en „Nonne“ erhält sie den Auftrag, ihren Cousin Liu Lang, Sohn aus einer Verbindung des Ehemanns der Schwester des Kaisers und einer Konkubine, zu ermor­den, der als Gouverneur von Weibo inzwi­schen auf die Seite der Abtrünnigen gewech­selt ist. Einstmals waren Liu Lang und Nie Yin-Niang ein­an­der ver­spro­chen gewe­sen, bevor Liu aus tak­ti­schen Gründen anders ver­hei­ra­tet wurde…

Die Verwandtschaftsbeziehungen in THE ASSASSIN sind so ver­schach­telt und undurch­dring­lich wie die opu­lent aus­ge­stat­te­ten Räume des Films, die Regisseur Hou Hsiao-Hsien mit Schichten über Schichten von Vorhängen, Türen und Raumteilern ver­stellt. Schichten über his­to­risch gewach­se­nen Schichten von Loyalität, Verrat, Liebe und Verwandtschaft schei­nen auf den Figuren zu las­ten, sie zu ver­bin­den und zu erdrü­cken. In die­sem Dickicht, das ein­mal mehr an die Beziehung Taiwans zu China erin­nert, muss Nie Yin-Niang ihren Weg finden.

Der schwe­ben­de Wuxia-Film (Schwertkämpfer-Film) THE ASSASSIN von Arthouse-Altmeister Hou Hsiao-Hsien (DIE STADT DER TRAURIGKEIT) ent­führt in hyp­no­tisch schö­ne Bilderwelten: fili­gran arran­gier­te Innenräume, die wie ein Blick in eine über­quel­len­de Schmuckschatulle wir­ken, wert­vol­le, farb­ge­sät­tig­te Stoffe, mono­chro­me Landschaften, die an chi­ne­si­sche Tuschezeichnungen erin­nern, in Grauschattierungen gestaf­fel­te Bergpanoramen und end­lo­se Birkenwälder. Die sanft dahin­glei­ten­de Kamera ver­bin­det die dis­pa­ra­ten Orte und Bildwelten des Films zu einem Bilderfluss, der immer wie­der von den kur­zen, stak­ka­to­ar­ti­gen Martial-Arts-Sequenzen unter­bro­chen und beschleu­nigt wird, bevor er, wie ein Strom nach einem Hindernis, wie­der ins ruhi­ge Fahrwasser zurück fin­det.”  Hendrike Bake

OT: Nie Yinniang 
Taiwan 2015, 105 Min.
Regie: Hou Hsiao-Hsien
Buch: Chu T’ienwen, Hou Hsiao-Hsien
Kamera: Ping Bin Lee
Schnitt: Liao Ching-Sung
Musik: Lim Giong 
mit: Shu Qi, Chang Chen, Yun Zhou

THE ASSASSINTRAILER DEUTSCH (HD)

22. Jüdisches Filmfestival Berlin & Brandenburg 2016

Das jüdi­sche Filmfestival fin­det die­ses Jahr zum zwei­ten Mal auch im fsk Kino statt, mit grö­ße­rer Programmauswahl und einer (Film)diskussionsveranstaltung:
The last words bezieht sich auf das Verschwinden des ‚Ladino‘, der Sprache der sephar­di­schen Juden in der Türkei. In Zusammenarbeit mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, in Anwesenheit der Regisseurin Rita Ender. Im Vorprogramm: Women in sink. (5.6. 20:15)
Dokumentarfilme:
My beloved uncles: Die Spurensuche nach einem schon als Kind ver­schol­le­nen Onkel des Regisseurs. Ein Familienpanorama. (6.6. 20:15)
Vorprogramm: The litt­le dic­ta­tor (Regisseurin & Drehbuchautor Nurith und Emanuel Cohn sind anwe­send) Kurzspielfilm über den 90ten Geburtstag und das unheil­vol­le Oberlippenbärtchen, das die Feierstimmung trübt.
Orphans of the revo­lu­ti­on (in Anwesenheit des Regisseurs Igal Bursztyn) Eine wei­te­re Familiengeschichte als Spiegel der poli­ti­schen Umbrüche des 20ten Jahrhunderts. (7.6. 20:15)
I don’t belong any­whe­re: The cine­ma of Chantal Akerman Portrait der im letz­ten Oktober ver­stor­be­nen Filmemacherin. (10.6. 20:00)
Nina’s child­ren Das Schicksal einer Gruppe aus Östereich geflüch­te­ter jüdi­scher Kinder in Norwegen und Schweden. (11.6. 20:00)
My home (mit einer Einführung von Dr. Sylke Tempel) Religiöse und ande­re Minderheiten in Israels Gesellschaft, zwi­schen Anerkennung und Ausgrenzung. (15.6. 20:15)

Kurzfilmprogramm:
Home Movie (in Anwesenheit der Regisseurin Caroline Pick) Kurzdokumentarfilm über die Familie der Regisseurin, über Flucht und die, die nicht flüch­ten konnten.
Salomea’s nose Kurzspielfilm über…Genau!
Women in sink Die Regisseurin spricht beim Haarewaschen mit ara­bi­schen Frauen über das jüdisch/arabische Verhältnis. (19.6. 16:00)

Spielfilme:
Natasha Eine gefähr­li­che Jugendsommerliebe in Kanada. (12.6. 20:00)
Afterthought Zwei Männer begeg­nen sich auf der Treppe in Haifa. (19.6. 18:00)

Das gan­ze Festival: Jfbb.de

Wie die anderen

Ein Film von Constantin Wulff.

Der Dokumentarfilm Wie die ande­ren por­trä­tiert die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Landesklinikum in Tulln. Eineinhalb Jahre lang hat Regisseur Constantin Wulff das Krankenhauspersonal und die jun­gen Patienten beglei­tet. Der Film zeigt den Alltag dort als per­ma­nen­ten Balanceakt: zwi­schen Behutsamkeit und Druck, Routine und emo­tio­na­ler Involviertheit, Regelwerk und Improvisation. Wulffs Beobachtungen ver­dich­ten sich zur Befragung einer Institution und ihrer gesell­schaft­li­chen Funktion: Wieviel Hilfe kann die Klinik leis­ten, und wie­viel Anpassungsdruck, wie die ande­ren zu wer­den, ist bereits in die­ser Hilfe ent­hal­ten? Wie sehr ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie fähig, Leben zum Besseren zu beein­flus­sen, und wie weit kann und muss sie über den ein­zel­nen Menschen hin­aus reichen?

Es war ein Sammeln, aber kein will­kür­li­ches Sammeln, son­dern nach gewis­sen Themen, Leitlinien und Protagonisten, die man sich vor­her schon über­legt hat. Zum Beispiel beglei­ten wir eine jun­ge Frau, die ers­te Szene mit ihr und die letz­te lie­gen fast ein­ein­halb Jahre aus­ein­an­der. Man sieht eine gewis­se Entwicklung. Da war es mir wich­tig, dass man auch den Faktor Zeit sieht, der eine essen­zi­el­le Rolle spielt. Wie haben über 100 Stunden Material gehabt – aber für mich ist es der ein­zi­ge Film, den ich dar­aus machen konn­te. Es ist natür­lich auch ein per­sön­li­cher Film. Ich gebe auch Rechenschaft über das, was ich dort erle­be. Dieses inten­si­ve, direk­te Erlebnis war mir wich­tig, und das muss­ten die Szenen auch einlösen.“
Aus einem Interview mit Constantin Wulff in der Tiroler Tageszeitung

A 2015, 95 Min.
Buch und Regie: Constantin Wulff
Kamera: Johannes Hammel
Schnitt: Dieter Pichler

Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllmann

Ein Film von Claudia von Alemann. Ab 23.6. im fsk.

Ein doku­men­ta­ri­scher Filmessay über die Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann (1935 – 1996) und zugleich die bewe­gen­de Geschichte einer lebens­lan­gen Freundschaft zwi­schen der Fotografin und der Regisseurin.
Abisag Tüllmann gehört zu den bedeu­tends­ten deut­schen Fotografinnen der zwei­ten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr Blick galt den zen­tra­len poli­ti­schen Ereignissen der Zeit und den Bedingungen des Alltags.
Zahlreiche ihrer Porträts zei­gen uns die Akteure neu­er und expe­ri­men­tel­ler Kunstrichtungen: Joseph Beuys und Nam June Paik, auch der Avantgarde der bun­des­deut­schen Literatur, der Musik- und beson­ders der Theaterwelt.
Ihre Fotografien von den Akteuren der 68er Bewegung, wie Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke und Joschka Fischer, den Philosophen der Frankfurter Schule, von Frauenzentren und neu­en Formen der Erziehung auf der einen Seite und den Trägern der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Macht auf der ande­ren, machen sie zu einer Dokumentaristin und durch­aus auch zu einer Beteiligten der Zeitgeschichte.
Unverwechselbar und viel­leicht am bedeu­tungs­volls­ten ist der Blick der Fotografin auf die Bedingungen mensch­li­chen Zusammenlebens. Tüllmann ver­mit­telt Einblicke in den Alltag unter­schied­lichs­ter sozia­ler Gruppen wie Immigranten, Hausbesetzer, Bankiers, Hausfrauen und Obdachlose. Sie unter­sucht die viel­fäl­ti­gen Formen der Ausgrenzung und der Unbehaustheit. Die Verletzbarkeit der mensch­li­chen Existenz steht dabei im Zentrum ihrer Arbeit. Ihre Bilder leben von der Spannung des bei­läu­fi­gen doku­men­ta­ri­schen oder ana­ly­sie­ren­den Zeigens und ihrer Haltung als ein­füh­len­de Beobachterin.
Der Film schafft es einen sen­si­blen und poe­ti­schen Blick auf die Porträtierte zu wer­fen und gleich­zei­tig neue oder ver­ges­se­ne Sichtweisen auf das Zeitgeschehen zu ermöglichen.

Deutschland 2015, 92 Min.
Regie: Claudia von Alemann
mit: Mit Ellen Bailly, Josef Bar-Pereg, Sigrid Baumann Senn, Mathis Bromberger, Helma Schleif, Barbara Klemm
Und Filmausschnitte aus Filmen von Carola Benninghoven, Helke Sander, Alexander Kluge, Günther Hörmann und Ulrich Schamoni

Die Frau mit der Kamera – Abisag Tüllmann – Trailer 1 – Deutsch

Treppe aufwärts

Ein Film von Mia Maariel Meyer. Ab 23.6. im fsk.

Oberflächlich gese­hen, the­ma­ti­siert der Film Auswirkungen einer Spielsucht auf eine gan­ze Familie. Es scheint aber so, dass er die­se Krankheit als Aufhänger und Motiv benutzt, um Verstrickungen und unauf­lös­ba­re Konflikte inner­halb von fami­liä­ren Beziehungen zu beschreiben.

Der inzwi­schen dement gewor­de­ne Großvater hat durch sei­ne Sucht alles ver­lo­ren. Der Sohn, Adam, und der Enkel, Ben, schei­nen in sei­ne Fußstapfen zu tre­ten und alles drif­tet gefähr­lich aus­ein­an­der. Adam und Ben sind stän­dig zwi­schen Nähe und Distanz hin- und her­ge­ris­sen, was meist dazu führt, dass bei­de sich immer mehr miss­trau­en. Nur noch sel­ten und eher auf eine rup­pi­ge Art, gibt es zwi­schen ihnen Momente der Nähe.

Der Film ver­steht es wun­der­bar zu beob­ach­ten, wie der­je­ni­ge von den drei Protagonisten, der am müdes­ten vom Leben zu sein scheint, die größ­te mora­li­sche Verantwortung in sei­nem Handeln aufweist.

Mia Maariel Meyer erzählt ihre Geschichte unspek­ta­ku­lär und unsen­ti­men­tal, sie schaut der Entwicklung ihrer Figuren ein­fach zu und lässt den Zuschauer sei­ne eige­nen Schlüsse zie­hen. Statt ihre Problematik zu Tode zu erklä­ren, zeigt sie ein­fach, was pas­siert, wenn Menschen in eine sozia­le und per­sön­li­che Abwärtsspirale gera­ten – das ist unbe­quem und unheim­lich span­nend anzu­schau­en.“ (Michael Wopperer)

 

D 2015, 92 Min.

Regie & Buch: Mia Maariel Meyer
Kamera: Marco Braun
Schnitt: Anne Kristina Kliem
mit: Hanno Koffler, Christian Wolff, Matti Schmidt-Schaller, Karolina Lodyga, Patrick Wolff, Ken Duken, Antonio Wannek

TREPPE AUFWÄRTS | Deutscher Trailer | missingFILMs | Kinostart 23.06.2016