Ein Film von Valérie Donzelli. Ab 3.12. im fsk.
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Von seiner Frau verlassen, die mit den beiden Kindern nach Kanada ausgewandert ist, gibt Franck seine komfortable Wohnung auf und zieht in ein gerade noch bezahlbares Kellerloch mitten in Paris. Er kommt aus gutbürgerlichen Verhältnissen und lernt nun praktisch freiwillig das Prekariat kennen, was ja eigentlich nur eine euphemistische Umschreibung für Armut ist – mit all ihren demütigenden und deprimierenden Folgen. Um genug Zeit zum Schreiben zu haben, wird Franck Mitglied einer Online Community, in der (meist) handwerkliche Aushilfsjobs vermittelt werden. Wer das niedrigste Angebot abgibt, erhält den Zuschlag. So hangelt er sich mithilfe der „Gig Economy“ von Auftrag zu Auftrag – als Möbelpacker, Gärtner oder Umzugshelfer – immer in der Hoffnung, dass ihm irgendwann, also möglichst bald als Schriftsteller der Durchbruch gelingt.
Aus dieser ebenso einfachen wie klugen Ausgangslage – die veränderte Arbeitswelt und die immer schwierigeren Bedingungen für Kreative – entwickelt Donzelli kein klassisches Absturzdrama, sondern eine leise, sanft humorvolle Geschichte über Arbeit, Würde, Selbstausnutzung und Selbstfindung. Als Basis für das in Venedig 2025 preisgekrönte Drehbuch, wo auch Bastien Bouillon für die Hauptrolle ausgezeichnet wurde, dient der Roman „À pied d’oeuvre“ von Franck Courtès, in dem er seine persönlichen Erfahrungen mit der „Gig Economy“ schildert – eine wahre Geschichte also, oder zumindest eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert.
Valérie Donzelli interessiert sich allerdings kaum für spektakuläre Wendungen, sondern viel mehr für die vielen kleinen Momente, in denen der künstlerische Idealismus eines leidenschaftlichen Autors mit dem schnöden Alltag kollidiert. Wie die Gig-Economy den modernen Kapitalismus widerspiegelt, indem sie einerseits scheinbar Menschen Freiheiten eröffnet, während sie andererseits von ihnen Selbstaufopferung bei Niedriglöhnen und vollkommen prekären Arbeitsverhältnissen verlangt, ist ebenso Thema des Films wie der ständige Konkurrenzdruck, der jede Solidarität der Beschäftigten untereinander praktisch von vornherein ausschließt.
Bastien Bouillon, der sich seit ca. 15 Jahren im französischen Film als Charakterdarsteller profiliert hat und bereits in „Der Graf von Monte Christo“ und „Die Nacht des 12.“ herausragende Leistungen zeigte, trägt den Film mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Sein Franck ist eine schwierige Rolle, aber dadurch natürlich auch sehr interessant: Bouillon spielt ihn weder als Held noch als Märtyrer, sondern als einen immer leicht verunsichert wirkenden Mann im mittleren Alter, aber mit jungenhaftem Charme, der an seinem Traum festhält, obwohl Vernunft und Umfeld längst etwas anderes empfehlen. Bouillon spielt diese innere Zerrissenheit, die gleichzeitig liebenswert störrisch und ein bisschen naiv wirkt, mit sehr viel Ruhe und feiner Körpersprache. Gerade weil er praktisch nie Emotionen zeigt, die er auch in seinen Texten weitgehend verbirgt, formt sich hier eine Persönlichkeit, mit der man leidet und lacht, die man versteht und der man helfen möchte. Franck ist ein Mensch, dessen Niederlagen und kleinen Erfolge ebenso anrührend wie verständlich werden.
Valérie Donzelli vermeidet dabei konsequent jede Form von Sozialkitsch. Sie beschreibt sehr genau, beinahe zu ausführlich, die Funktionsweise der „Gig Economy“, ohne sie eindeutig zu bewerten. Statt die Plattformökonomie pauschal zu verurteilen, zeigt sie ihre Widersprüche: Die scheinbare Freiheit schafft ja tatsächlich so etwas wie Chancen und hält die ebenfalls lediglich scheinbar selbständigen Mitarbeitenden gleichzeitig in einem System permanenter Unsicherheit gefangen, aus dem sie sich nur schwer befreien können.
Im Gegensatz zu den britischen Sozialdramen à la Ken Loach setzt Valérie Donzelli weniger auf eine klarsichtige Gesellschaftsanalyse als auf die individuelle Geschichte eines Künstlers, der sich seine Kunst erst einmal leisten können muss. Und damit ist er absolut nicht allein. In der Konsequenz steht womöglich im Raum, dass Kunst nur noch von Menschen produziert wird, die bereits reich und/oder prominent genug sind, um sich mit ihrer Kreativität durchzusetzen. Die Frage ist: Wollen wir das?
Gaby Sikorski | programmkino.de




Credits:
FR 2025, 92 Min., französische OmU
Regie: Valérie Donzelli
Buch: Valérie Donzelli, Gilles Marchand
Kamera: Irina Lubtchansky
Schnitt: Pauline Gaillard
mit: Bastien Bouillon, André Marcon, Virginie Ledoyen, Adrien Barazzone, Valérie Donzelli
Trailer:
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