Titane

ein Film von Julia Ducournau. 

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Schon mit ihrem Debütfilm „Raw“ spal­te­te die jun­ge fran­zö­si­sche Regisseurin Julia Ducournau die Geister, damals vari­ier­te sie Motive des Zombiefilms, bedien­te sich quee­rer Ästhetik und blieb eben­so rät­sel­haft, wie sie es auch nun, in ihrem zwei­ten Film „Titane“ ist. Es beginnt mit einem ner­ven­den Kind namens Alexia auf dem Rücksitz eines Autos, der Vater ist abge­lenkt und baut einen Unfall. Schwer ver­letzt über­lebt das Kind und bekommt eine Platte aus Titan in den Kopf gepflanzt.

Jahre spä­ter ist Alexia erwach­sen und wird vom Model Agathe Rousselle gespielt, deren andro­gy­ne Gestalt andeu­tet, wie sehr es fort­an um Fragen von Geschlechtszugehörigkeit, Transformation, Diversität gehen wird. Alexia arbei­tet als Tänzerin auf Autoshows, räkelt sich ver­füh­re­risch auf den Motorhauben eben­so ver­füh­re­ri­scher Autos, nimmt danach ger­ne einen lech­zen­den Zuschauer zum Sex mit – und tötet ihre Lover mit dem Stich einer lan­gen Haarnadel direkt ins Gehirn.

Wie lan­ge sie schon so agiert bleibt offen, nach einem aus­ufern­den Gemetzel ist ihr die Polizei jedoch so sehr auf der Spur, dass sie die Identität wech­selt. Sie gibt sich als Adrien aus, ein Junge, der seit Jahren ver­misst wird. Er war der Sohn von Vincent (Vincent Lindon), der als Kapitän einer Feuerwache schon beruf­lich mit Testosterongeschwängerten Männern zu tun hat, sich sel­ber Steroide spritz und sei­nen altern­den, fal­ti­gen Körper mit Klimmzügen strafft.

Vincent nimmt Alexia als Sohn auf, auch wenn er schnell ahnt, dass die­ser Sohn nicht der ist, den er einst ver­lo­ren hat. Zumal Alexias Bauch immer dicker wird und sich nur noch mit gro­ßen Mühen und nicht uner­heb­li­chen Scherzen abbin­den lässt, denn Alexia ist schwan­ger, ver­mut­lich vom Sex mit einem Auto. Wenn die sich zuneh­mend ver­än­dern­de Frau blu­tet, tropft eine schwar­ze Flüssigkeit aus den Wunden, die an Maschinenöl erin­nert und die Frage auf­wirft, was Alexia eigent­lich ist, vor allem aber, ob es für Vincent eine Rolle spielt, wen er da eigent­lich liebt.

Bezüge zu den Body-Horror-Filmen von David Cronenberg, nicht zuletzt „Crash“, schei­nen eben­so deut­lich zu sein wir Referenzen zu Filmen wie Shinya Tsukamotos “Tetsuo: The Iron Man“, vor allem aber auch außer­fil­mi­schen Debatten über Diversität, Transsexualität oder toxi­scher Männlichkeit. Julia Ducournaus „Titane“ mutet oft wie ein Film an, der wie dazu gemacht ist, in Seminararbeiten ana­ly­siert zu wer­den, als Beispiel für ein Kino her­zu­hal­ten, dass auf moder­ne, gewag­te Weise den Zeitgeist spiegelt.

Kein Wunder, bleibt „Titane“ in sei­nem wil­den, mal ver­stö­ren­den, mal mit­rei­ßen­den, mal albern­den Spiel mit Genrebildern, exzes­si­ver Gewalt und glei­ßen­den Aufnahmen mensch­li­cher und maschi­nel­ler Körper doch so offen – man­che wer­den sagen: belie­big – dass sich unzäh­li­ge Lesarten anbie­ten. Ein Film wie ein Rorschach-Test also, ein Film, der von jeder Zuschauerin, jedem Zuschauer anders gele­sen wer­den wird, aber in jedem Fall einen Nerv der Zeit trifft.

Michael Meyns | programmkino.de

Cannes 2021 – Palme d’or

Credits:

FR 2021, 108 Min., frz. OmU
Regie & Buch: Julia Ducournau
Kamera: Ruben Impens
Schnitt: Jean-Christophe Bouzy
mit: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier, Laïs Salameh, Bertrand Bonello, Dominique Frot


Trailer:
Titane 2021 (Trailer auf Deutsch)
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