Premiere: Gutland

Ein Film von Gov­in­da Van Maele. Ab 3.5. im fsk. Pre­mie­re am 30.4. um 20:00 u.a. mit Gov­in­da Van Maele, Fre­de­rick Lau und Vicky Krieps

Die Flucht auf das Land ist eine gän­gi­ge Spiel­art des Gen­re­films. In der abge­le­ge­nen Natur sei es in Form einer Land­hüt­te, eines iso­lier­ten Dor­fes oder eines post­apo­ka­lyp­ti­schen Rück­zugs­or­tes, fin­det beson­ders der Hor­ror­film das per­fek­te Set­ting für die not­wen­di­ge Atmo­sphä­re. Auch in „Gut­land“ dient das Land als fein aus­ge­ar­bei­te­tes, atmo­sphä­ri­sches Fun­da­ment. Jedoch nicht in Form einer men­schen­lee­ren und abge­le­ge­nen Umwelt, son­dern als kon­kret sozia­ler Raum und gleich­zei­ti­ger Takt­ge­ber für die spe­zi­el­le Mischung aus Hei­ma­t­idyl­le und Alb­traum, die Gov­in­da Van Maele in sei­nem Spiel­film­de­büt ent­wirft.

Das Luxem­bur­ger Land ist auch für den arbeits­su­chen­den und nach einem Bank­raub flüch­ti­gen Jens (Fre­de­rick Lau) idyl­li­sches Refu­gi­um und bedroh­li­che Exil­hei­mat zugleich. Dabei beginnt sei­ne Flucht nach Luxem­burg nahe­zu per­fekt: Nach sei­ner Ankunft im Dorf trifft der stoi­sche Deut­sche auf die jun­ge Lucy (Vicky Krieps), die ihm auf der abend­li­chen Fete ein Bier aus­gibt und ihn anschlie­ßend in ihr, von Bra­vo-Pos­tern umring­tes Bett ein­lädt. Sie tritt so ver­füh­re­risch wie für­sorg­lich auf und wird damit, ohne dass Jens es rich­tig bemerkt, nicht nur sei­ne Som­mer­lie­be, son­dern gleich­zei­tig sein ein­zig wirk­li­cher Bezugs­punkt in der frem­den Gemein­schaft. Schon kurz nach der ers­ten Lie­bes­nacht kriegt er eine Stel­le als Ern­te­hel­fer ange­bo­ten, die Jacke eines ehe­ma­li­gen Dorf­be­woh­ners über­ge­streift und ist fort­an nicht nur vor den Behör­den sicher, son­dern gleich­zei­tig in Lohn und Brot und damit Teil der Kom­mu­ne. Die archai­sche Gemein­schaft besteht fast aus­schließ­lich aus Lai­en­dar­stel­lern, deren ein­zig­ar­ti­ge Prä­senz eben jene unheim­li­che Ver­schlos­sen­heit aus­strahlt, die den dro­hen­den Zer­fall des träu­me­ri­schen Refu­gi­ums erah­nen lässt.

Suk­zes­si­ve offen­ba­ren sich Jens die Per­ver­sio­nen und Abgrün­de der Kom­mu­ne, die zusam­men mit sei­ner kri­mi­nel­len Ver­gan­gen­heit die unwirk­li­che Schön­heit des Som­mers bedro­hen. Etwa wenn die Kin­der beim Spie­len ein Feu­er im Stall ver­ur­sa­chen und zur Stra­fe an eine Ket­te gefes­selt in die Jau­che­gru­be her­ab­ge­las­sen wer­den. Den schla­gends­ten Aus­druck für die fas­zi­nie­ren­den Extre­me des Land­le­bens illus­triert Van Maele aller­dings – mit deut­lich sub­ti­le­ren Mit­teln – bei der Arbeit auf dem Feld: Hier erscheint die Mais­ern­te an einem Tag noch als eine herr­li­che Team­ar­beit, die man abends mit einem gemein­sa­men Bier fei­ert, um am nächs­ten Tag zu Jens allei­ni­ger Auf­ga­be zu wer­den. Er soll ein Rind suchen, das zwi­schen den dich­ten Saat­rei­hen ver­en­det ist und die maschi­nel­le Ern­te unmög­lich macht. Als er durch das Feld irrt, nähert sich das Sur­ren des Feld­häcks­lers, der trotz Jens‘ Anwe­sen­heit durch das Feld pflügt. In nur weni­gen Ein­stel­lun­gen inmit­ten der Mais­pflan­zen wan­delt Van Maele die roman­ti­sche Feld­ar­beit zur töd­li­chen Bedro­hung.

In genau die­sem Wider­spiel der Stim­mun­gen blüht „Gut­land“ auf. Agrar­rea­lis­mus, Urlaubs­ro­man­tik und unwirk­li­che Gen­re­an­lei­hen geben dem Film immer neue Impul­se. Dabei bleibt Van Maele stets so fle­xi­bel, dass sich sein Film kei­ner die­ser Spiel­ar­ten ganz ver­schrei­ben muss. Mit Leich­tig­keit lässt er die pit­to­res­ke Hei­mat­film­idyl­le in den Schlund des bit­ter­bö­sen Gen­re­films bli­cken, ohne sich in gän­gi­gen Mus­ter von Thril­ler oder Hor­ror zu ver­fan­gen. Die sur­rea­le Fär­bung, die vie­le der Geheim­nis­se umgibt, bet­tet sich pass­ge­nau in das Sozi­al­ge­fü­ge des Land­le­bens ein. „Gut­land“ ist kein Film der das Land als ein rei­nes Set­ting begreift, um das dar­in ver­bor­ge­ne Hor­ror­sze­na­rio nach außen zu keh­ren. Van Maele füllt die Abge­schie­den­heit mit Leben und fin­det so einen erfri­schen­den, neu­en Ent­wurf der fil­mi­schen Stadt­flucht.
Kars­ten Munt | programmkino.de
 


 
Luxem­burg, Bel­gi­en, Deutsch­land 2017, 107 Min.
Regie & Buch Gov­in­da Van Maele
mit: Fre­de­rick Lau, Vicky Krieps, Mar­co Lorenz­i­ni, Leo Fol­schet­te, Gerard Bla­schet­te, Iri­na Blana­ru u.a
 
Mo., 30. Apr.: