Der See der wilden Gänse

Ein Film von Diao Yin­an. Ab 27.8. im fsk.

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Wie in den klas­si­schen Noir-Fil­men der 1940er Jah­re ist der Held in Diao Yin­ans Neo-Noir ein Ver­lo­re­ner. Die eigent­li­che Hel­din eine Frau. Die bei­den tref­fen sich an einem Bahn­hof in Wuhan. Er sieht ziem­lich abge­ris­sen aus, sie ist nicht durch Zufall da. Sie erzäh­len sich ihre Geschich­ten.

Es ist, als hät­te Diao Yin­an, des­sen FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAG 2013 den Gol­de­nen Bären der Ber­li­na­le gewann, in DER SEE DER WILDEN GÄNSE die gesam­te Geschich­te des Noir-Gen­res auf­ge­so­gen, alle Bil­der und Geschich­ten und Obses­sio­nen. Wie die klas­si­schen melan­cho­li­schen Hel­den in THIS GUN FOR HIRE oder D.O.A. ist der Held ein Ver­lo­re­ner. Wie in den klas­si­schen Noir-Geschich­ten von Cor­nell Wool­rich ist die eigent­li­che Hel­din eine Frau. Und wie in den klas­si­schen Noir-Fil­men spürt Diao im Rah­men der Gangs­ter­ge­schich­te gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten nach. Vor allem aber ist Diao ein bril­lan­ter Sti­list. Immer wie­der bre­chen ori­gi­nel­le fil­mi­sche Ideen sich Raum, wie in einer Kampf­sze­ne zwi­schen zwei Gangs, die sich in sta­ti­sche Auf­nah­men von inein­an­der ver­keil­ten Män­ner­lei­bern auf­löst: Bil­der die wir­ken wie Detail­auf­nah­men des Per­ga­mo­nal­tars. Das geht naht­los über in eine Mar­ti­al Arts-Sze­ne, in der der Held sich Raum ver­schafft, bevor der Film wie­der das Tem­po wech­selt. DER SEE DER WILDEN GÄNSE kann eigent­lich nur im Kino gese­hen wer­den. Nicht nur sind Bil­der so groß, dass sie im Kino bes­ser wir­ken, vor allem ist der Film so detail­reich und vol­ler über­ra­schen­der Tem­po­wech­sel, dass man schon genau hin­se­hen muss, um alles mit­zu­be­kom­men, zumal der Film dem Publi­kum bewusst eini­ge Infor­ma­tio­nen vor­ent­hält.

Ein Mann und eine Frau tref­fen sich an einem Bahn­hof in Wuhan. Er sieht ziem­lich abge­ris­sen aus, sie ist nicht durch Zufall da. Er war­tet auf sei­ne Frau. Sie sagt, die kön­ne nicht kom­men, aber sie sei der Ersatz. Sie erzäh­len sich ihre Geschich­ten.
Er, Zhou Zen­ong (Hu Ge), ist der Chef einer Gang, die sich auf den Dieb­stahl von Motor­rä­dern in Wuhan spe­zia­li­siert hat. Im Streit um Revier­rech­te mit einer ande­ren Gang gerät er in einen Hin­ter­halt und erschießt auf der Flucht aus Ver­se­hen einen Poli­zis­ten. Nun ist sowohl die Geg­ner-Gang als auch die gesam­te Poli­zei­macht Wuhans hin­ter ihm her. Er weiß, dass er kei­ne Chan­ce hat, und will sich ledig­lich so erge­ben, dass sei­ne Frau die hohe Beloh­nung, die auf sei­nen Kopf aus­ge­setzt ist, erhält.

Sie, Liu Aiai (Kwei Lun-Mei) ist eine „Bade­schön­heit“, eine Pro­sti­tu­ier­te, die an einem Bade­see an der Peri­phe­rie von Wuhan für den Gangs­ter Hua Hua arbei­tet, einen Freund von Zen­ong. Sie hat Zen­ongs Ehe­frau aus­fin­dig gemacht, aber es gibt Grün­de dafür, dass die nicht kom­men kann. Aiai soll einen Teil der Beloh­nung für ihr Risi­ko bekom­men.

Die Poli­zei, die nicht weni­ger skru­pel­los agiert als die Gangs­ter, kreist das „gesetz­lo­se“ Vier­tel ein, aber immer wie­der ver­ei­teln die geg­ne­ri­sche Gang, ein mys­te­riö­ser Ver­rat oder irgend­ein ande­res Cha­os die geplan­te Über­ga­be von Zen­ong an die Poli­zei. Die Sto­ry bie­tet Diao die Gele­gen­heit, ver­schie­de­ne Aspek­te des Urlaubs- und Ver­bre­chens­pa­ra­die­ses am SEE DER WILDEN GÄNSE zu erkun­den. Da ist eine Dis­co, in denen Frau­en und Män­ner mit Leucht­soh­len Rei­hen­tän­ze zu „Ras­pu­tin“ von Boney M. und „Dschin­gis Khan“ von Dschin­gis Khan auf­füh­ren. Es gibt Lager­hal­len, in denen Ver­bre­cher gera­de Geschäfts­in­ha­bern „Lizen­zen“ per Lot­te­rie zutei­len, aber immer noch Zeit für eine Ver­ge­wal­ti­gung haben. Es gibt schä­bi­ge, ver­schwitz­te Hotels, Pro­sti­tu­ti­on am Strand und Hin­ter­zim­mer von Sup­pen­kü­chen, in denen lieb­lo­se Nudel­sup­pen ver­schlun­gen wer­den. Es ist so heiß, auch in der Nacht, dass alle Figu­ren sich so lang­sam wie mög­lich bewe­gen, aber wer zu wach und zu offen­sicht­lich an Ecken und in Tür­rah­men her­um­steht, ist sofort ver­däch­tig. Nur auf dem nächt­li­chen See ist Ruhe – und Zeit für lako­ni­schen Sex.

DER SEE DER WILDEN GÄNSE ist wild, häss­lich und bru­tal, aber zugleich wun­der­schön und melan­cho­lisch. Diao Yin­an ist, nach sei­nem eis­kal­ten FEUERWERK AM HELLLICHTEN TAG mit dem hei­ßen Meis­ter­werk DER SEE DER WILDGÄNSE in der aller­ers­ten Rei­he inter­na­tio­na­ler Fil­me­ma­cher ange­kom­men.

Tom Dorow | indiekino.de

 
Credits:

Nan fang che de ju hui
Chi­na 2019, 113 Min., chin. OmU
Regie: Diao Yin­an
Dreh­buch: Diao Yin­an
Kame­ra: Dong Jing­song
Schnitt: Kong Jin­lei
mit: Liao Fan, Huang Jue, Kwai Lun-Mei, Regi­na Wan

 
Trai­ler:


Im Kino mit deut­schen Unter­tit­len.

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