Atomkraft Forever

ein Film von Carsten Rau.

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Auf das Kurzzeitgedächtnis von Menschen ist Verlass. Die Atomkatastrophe im japa­ni­schen Fukushima liegt inzwi­schen fast zehn Jahre zurück, der Super-GAU von Tschernobyl über drei­ßig Jahre. Und Harrisburg oder Sellafield ist den wenigs­ten noch ein Begriff. Das gan­ze Ausmaß die­ser Katastrophen blieb der Öffentlichkeit meist ver­bor­gen. Sie wur­den ver­tuscht, ver­heim­licht oder ver­harm­lost. Und plötz­lich scheint die Hochrisikotechnik mit ihren dau­er­haf­ten Folgen für Mensch und Umwelt in Deutschland wie­der salon­fä­hig, die ver­schlepp­te Energiewende kein Thema mehr.

Der sehr sach­li­chen und zurück­hal­ten­den Doku von Regisseur Carsten Rau mit dem pro­vo­zie­ren­den Titel kommt da im rich­ti­gen Moment. Ihr gelingt es, ohne Dramatisierung zu über­zeu­gen. Ihr nüch­ter­ner Blick macht bei­spiel­haft beim Abbau des AKWs in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern die Gefahren der Atomenergie ein­dring­lich sicht­bar. Ganze Gebäudeblöcke sind ver­strahlt, bei jedem Aufbohren von Beton kön­nen radio­ak­ti­ve Staubpartikel ein­ge­at­met wer­den. Der Aufwand die­ses Rückbaus der ato­ma­ren Ruine ist absurd.

Allein in Greifswald kom­men 600.000 Tonnen an Beton, Stahl, Eisen, Aluminium zusam­men. 1,8 Millionen Tonnen Material müs­sen gerei­nigt wer­den. Ein wah­rer Kraftakt, auch in finan­zi­el­ler Hinsicht. Die Container mit dem radio­ak­ti­ven Material sta­peln sich in blau­en Schiffscontainern zu 20 bis 30 Tonnen in den Hallen. Als „Sonne in Menschenhand“ wur­de der maro­de Reaktor einst geprie­sen. „Das Atom sei Arbeiter und nicht Krieger” – so lau­tet ein sozia­lis­ti­scher Slogan aus den 70er-Jahren. Damals wur­de das Kernkraftwerk Greifswald in Betrieb genommen.

Regierung, Arbeiter und Forscher träum­ten im Einklang von der fried­li­chen Nutzung der Atomkraft, für den Wohlstand und die Gleichheit der Völker. Und auch Greifswald war kein siche­rer Atommeiler. Durch einen gro­ßen Brand im Maschinenraum Ende 1975 kam es fast zu einem GAU. Ende November 1989 geriet ein simu­lier­ter Störfall außer Kontrolle, als die auto­ma­ti­sche Schnellabschaltung ver­sag­te. Dadurch kam es zu einer gefähr­li­chen Überhitzung meh­re­rer Brennelemente. Eine Kernschmelze stand kurz bevor.

Trotzdem denkt man im bay­ri­schen Dorf Gundremmingen weh­mü­tig an die strah­len­den Zeiten des AKWs zurück. Ein Bild wie aus dem Hochglanzprospekt der ato­ma­ren Energiekonzerne zeigt die still­ge­leg­ten Kühltürme ein­ge­rahmt von Rosenbeeten aus dem Vorgarten des ehe­ma­li­gen Bürgermeisters. Die Gemeinde wur­de reich. Die Atomlobby, vom Staat sub­ven­tio­niert, spül­te Geld in die Kassen. Sogar Eigentumswohnungen in München wur­den ange­kauft. Eine auf­wen­di­ge Sporthalle gebaut.

Auch wenn den Bauern ihr Land damals für drei Mark pro Quadratmeter abge­han­delt wur­de. Widerstand reg­te sich kei­ner. Wer dar­an ver­dient, wie die Wirtin im Ort, hängt dem Traum vom bil­li­gen siche­ren Strom nach. Für sie gehö­ren Kühe und Kühltürme zum Heimatgefühl. Und so ver­mit­telt die­se Sequenz der Doku die hei­le, länd­li­che Idylle. Dass natür­lich auch das AKW Gundremmingen sei­ne Störfälle hat­te, die der Bevölkerung oft ver­schwie­gen wur­den, kommt nicht zur Sprache. Ein Kommentar aus dem Off dazu wäre viel­leicht doch nicht ganz ver­kehrt. Wie sehr mit Atomkraft durch Unterstützung des Staates Geld zu ver­die­nen war, klingt zumin­dest durch.

Deutschlands lächer­li­cher Atomausstieg wäre heu­te nicht mehr trag­bar“, ver­kün­det ein fran­zö­si­scher Atomingenieur aus dem Plutonium-Forschungslabor im süd­fran­zö­si­schen Cadarache über­zeugt. Er hält das Ganze für ein Wahlmanöver, das Deutschland teu­rer kommt als die Wiedervereinigung. Ein Statement, das auf den ers­ten Blick, Atombefürwortern in die Hände spielt. Wenn die jun­gen fran­zö­si­schen Nuklearphysiker, hip­pe Millenials, fast poe­tisch von der Atomkraft schwär­men, zeigt sich wie die schil­lernd fas­zi­nie­ren­de Chimäre die­ser Technologie bereits wie­der wirkt. Der Fortschrittsglaube aus den Anfängen lebt.

Erst ein Blick auf die unge­lös­te Frage der Endlagerung rückt das Bild wie­der etwas zurecht. Kein Land der Welt fand bis­her ein siche­res Endlager für hoch­ra­dio­ak­ti­ven Müll aus AKWS. Die neu­ge­grün­de­te Bundesgesellschaft für Endlagerung aber soll es rich­ten. Junge Geologinnen ver­su­chen dort Gletscherbewegungen für Millionen von Jahren vor­her­zu­se­hen. Denn schließ­lich wol­len sie einen Ort fin­den, der über zehn Eiszeiten hin­weg sicher sein soll. Kein noch so lei­ser Zweifel plagt sie bei die­ser rea­lis­tisch betrach­tet unlös­ba­ren Aufgabe.

Die Standortsuche hat frei­lich schon begon­nen. Kein Bundesland ist scharf auf den ver­strahl­ten Müll. Selbst Bayern, das sich einst unter sei­nem Ministerpräsidenten und ehe­ma­li­gen Atomminister Strauß, für die umstrit­te­nen WAA ange­dient hat­te, will sich den baye­ri­schen Wald nicht ver­seu­chen las­sen. Wenn dann der nim­mer­mü­de Sprecher Jochen Stay von „ausgestrahlt.de“ zu Wort kommt, schärft er mit sei­ner lang­jäh­ri­gen Erfahrung das kri­ti­sche Bewusstsein um den Fiebertraum Atom. Und last but not least steht ein Elefant im Raum: Wer Atomwaffen will, braucht Atomkraftwerke. Denn ohne Brennstoffwirtschaft auch kein Atomwaffenmaterial. Bekanntlich dient die fran­zö­si­sche Plutoniumfabrik in La Hague – die soge­nann­te Wiederaufarbeitungsanlage – vor­ran­gig mili­tä­ri­schen Zwecken.

Luitgard Koch | programmkino.de


Credits:

DE 2020, 94 Min.,
Buch und Regie: Carsten Rau
Schnitt: Stephan Haase
Kamera: Andrzej Krol


Trailer:
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