Axiom

Ein Film von Jöns Jönsson.

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Es beginnt ganz unschein­bar. In einem Museum arbei­tet Julius (Moritz von Treuenfels) als Aufsicht, im Pausenraum lernt er den neu­en Kollegen Erik (Thomas Schubert) ken­nen, lädt ihn zu einem Bootstrip am Wochenende ein. Auf dem Heimweg sieht man Julius im Bus, er hört ande­ren Fahrgästen zu, schal­tet sich am Ende in die Unterhaltung ein, erzählt eine Geschichte, die nicht unglaub­wür­dig ist.

Später, am Wochenende, trifft Julius die Anderen – Freunde mag man sie kaum nen­nen – , hat ihnen offen­bar nichts davon erzählt, dass Erik mit­kommt. Kurz Irritation, aber die Anderen schei­nen sol­che Aktionen von Julius gewohnt zu sein. Als er fest­stellt, dass die ande­ren kei­ne Rettungswesten dabei haben, explo­diert Julius förm­lich, doch am Steg soll es einen Shop gehen, das Problem scheint gelöst. Durch den Wald geht es zum See, an dem eigent­lich ein Parkplatz liegt, an dem man aber nicht direkt par­ken konn­te, sag­te zumin­dest Julius. Alles scheint harm­los, doch eine selt­sa­me Irritation liegt in der Luft, manch­mal, wenn die Kamera bei Julius bleibt, er fern der Anderen steht, schei­nen die­se über ihn zu reden.

Dann, im Bootsladen, hat Julius plötz­lich einen Anfall, geschockt rufen die Anderen den Krankenwagen. Im Krankenhaus wird Epilepsie ver­mu­tet, Julius Mutter holt ihn ab, brüsk ver­ab­schie­det er sich von den Anderen, im Auto fragt die Mutter ihren Sohn ob er tat­säch­lich erzählt habe, dass die Familie ein Boot besitzt.

Einen Aufschneider beschreibt Jöns Jönsson in sei­nem zwei­ten Spielfilm „Axiom“, der in die­sem Jahr in der Encounters-Sektion der Berlinale lief. Wie schon in sei­nem Debüt „Lamento“ erzählt der aus Schweden stam­men­de Regisseur, der in Berlin Film stu­dier­te weni­ger mit­tels einer kla­re Geschichte und einer straf­fen Dramaturgie, als über Beobachtungen. Nach und nach wird deut­lich, wie Julius tickt, wie er lebt und lügt.

Aus den Reaktionen sei­nes Umfelds lässt sich erah­nen, wie lan­ge er sein Spiel schon treibt, beim angeb­li­chen Bootstrip war er offen­bar von Neulingen umge­ben, die ihn noch nicht durch­schaut hat­ten, in sei­ner Wohngemeinschaft dage­gen kennt man ihn und sei­ne Lügen und gebro­che­nen Versprechen, schnei­det ihn soweit es geht.

Ein böser Mensch ist Julius jedoch nicht und erst das macht ihn so fas­zi­nie­rend. Im Umgang mit sei­ner Freundin Marie (Ricarda Seifried) wirkt er wie ein ganz nor­ma­ler Mensch, doch spä­tes­tens bei einem Essen mit ihren Eltern bricht sei­ne ande­re Seite durch. Er kann nicht anders, er lügt, erfin­det Geschichten, um sich inter­es­san­ter zu machen als er ist, aber war­um? Ein Betrüger ist Julius nicht, er lügt nicht, um mate­ri­el­le Vorteile zu erlan­gen oder sich zu bereichern.

So unbe­stimmt wie er begon­nen hat endet Jöns Jönssons Film. Einmal mehr ist Julius davon­ge­rannt, als er merkt, dass er mit sei­nen Lügen auf­zu­flie­gen droht. Dass das nicht zum ers­ten Mal pas­siert ist klar, wie lan­ge er schon auf die­se Weise lebt bleibt dage­gen eben­so unklar, wie vie­les ande­re. Gerade die­ser Mut zum Unbestimmten, der Verzicht, ein­fa­che und damit fast zwangs­läu­fig bana­le Erklärungen für ein so selt­sa­mes Verhalten zu geben, machen „Axiom“ zu einem außer­or­dent­li­chen Film. Ein Film, der mehr Fragen auf­wirft, als er beant­wor­tet, der einen eben­so unge­wöhn­li­chen, wie fas­zi­nie­ren­den Menschen zeigt, ohne zu wer­ten, getrie­ben allein von gro­ßer Neugier.

Michael Meyns | programmkino.de

Credits:

DE 2021, 113 Min.,
Regie & Buch: Jöns Jönsson
Kamera: Johannes Louis
Schnitt: Stefan Oliveira-Pita
mit: Moritz von Treuenfels, Ricarda Seifried, Thomas Schubert, Zejhun Demirov, Sebastian Klein, Leo Meier, Ines Marie Westernströer

Trailer:
From: Cineuropa
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